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Armutsbericht 2017

Armut im Alter

von Dr. Joachim Rock

Marlies S.1 ist im Alter auf Grundsicherung angewiesen. Diese ist nicht nur knapp bemessen, sie reicht für viele grundlegende Bedürfnisse schlicht nicht aus. Um ihr Einkommen etwas aufzubessern, sammelt sie Flaschen – wie viele einkommensarme Menschen, gerade auch viele der älteren unter ihnen. Flaschensammeln ist ein Knochenjob, den niemand gerne macht. Marlies S. erst recht nicht. Um auch nur zwei Euro Pfand einzulösen, muss sie 25 Flaschen sammeln. Schon eine kleine 0,33-Liter-Flasche wiegt über 300 Gramm, größere sind entsprechend schwerer. Mindestens 8 Kilogramm muss die 76-Jährige damit – alles unter den Blicken der Passanten oder der genervten Kundinnen und Kunden bei der Abgabe im Laden – im Stadtgebiet einsammeln, zurück in den Supermarkt tragen, um etwa zwei Euro zu erlösen. Reich wird davon niemand. Selbst wer täglich sammeln geht und dabei erhebliche körperliche Anstrengungen unternimmt, kommt im Monat auf kaum mehr als hundert Euro. Trotzdem sind Flaschensammler inzwischen ein selbstverständlicher Teil des Stadtbildes, eine „urbane Sozialfigur“2 gar. Geld ist dabei ein Motiv, aber nicht das einzige. Häufig wollen die Menschen damit auch die Isolation ihrer kleinen Wohnungen überwinden und am öffentlichen Leben teilhaben. Mangel an Geld und Sorge um soziale Teilhabe betreffen gerade ältere Menschen außerhalb des Erwerbslebens. Das erklärt, warum die Flaschensammler auffällig oft im Rentenalter sind. Und es ist ein sichtbarer Beleg dafür, dass die Kombination von Mangel an Geld und Mangel an Teilhabemöglichkeiten eine große Zahl von Menschen betrifft. Altersarmut ist ein sichtbares und trotzdem oft geleugnetes Problem in Deutschland.

Altersarmut in der politischen Debatte: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen?

Folgt man Regierungsberichten ebenso wie gewichtigen Stimmen in den Medien, dann ist Altersarmut kein Problem. Der im Dezember 2016 vorgelegte Entwurf eines 5. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung etwa befindet: „Den maßgeblichen Kennziffern zufolge stellt Armut im Alter heutzutage für die große Mehrheit der Senioren kein drängendes Problem dar. Weder die Armutsrisikoquote noch die amtlich registrierte Bedürftigkeit sind im Vergleich zu anderen Altersgruppen auffällig“3. Auffällig ist aber auch, dass das BMAS allein im ersten Satz dieses Befundes gleich vier Relativierungen unternimmt: die Aussage, Altersarmut sei kein Problem, gelte nämlich 1. bei Beschränkung auf „maßgebliche Kennziffern“, dazu auch 2. nur „heutzutage“ und das auch nur für 3. eine „große Mehrheit der Senioren“, für die Altersarmut zwar vielleicht schon ein Problem, aber doch 4. „kein drängendes“ sei.  Die Vorsicht ist berechtigt, denn tatsächlich ist Armut auch heute schon ein Schicksal, von dem Rentner und im Einzelfall auch Pensionäre überdurchschnittlich betroffen sind. Während die amtliche, nach dem Mikrozensus durch das Statistische Bundesamt berechnete Armutsbetroffenheit im Jahr 2015 bei 15,7 Prozent lag, lag sie bei der genannten Gruppe bereits bei 15,9 Prozent. Alarmierend ist dabei auch der drastische Anstieg von 10,7 Prozent 2005 auf eben jene 15,9 Prozent im Jahr 2015. Betrachtet man die Zahl der Menschen, die auf Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung angewiesen ist, wird die besorgniserregende Entwicklung noch deutlicher: waren zum Jahresende 2003 noch 438.831 Menschen auf die Grundsicherungsleistungen angewiesen, waren es zum Jahresende 2015 bereits 1.038.994 Menschen. In diesem Zeitraum hat sich die Zahl der erwerbsgeminderten Grundsicherungsbezieher von 181.097 im Jahr 2003 auf 503.070 nahezu verdreifacht, während sich die Zahl der Grundsicherungsbezieher oberhalb der Regelaltersgrenze mehr als verdoppelt hat, von 257.734 in 2003 auf 536.121 in 20154. Die Tendenz der vergangenen Jahre weist damit einen besorgniserregenden Trend aus. Wie aber sieht es in Zukunft aus?

Die Gesetzliche Rente: das Sichere, das verunsichert wird

Die Gesetzliche Rentenversicherung ist die wichtigste, leistungsfähigste und mit Abstand dominanteste Säule im System der Alterssicherung in Deutschland. Nach dem 2016 vorgelegten Alterssicherungsbericht der Bundesregierung beziehen in Deutschland 90 Prozent der Männer und Frauen Leistungen der Rentenversicherung, durchschnittlich 960 Euro brutto beziehungsweise 861 Euro netto5. Sehr unterschiedlich ist dabei die Verteilung zwischen Ost und West: Während in den „alten“ Bundesländern 87 Prozent der Älteren Ansprüche an die Rentenversicherung haben, sind es in den „neuen“ Ländern 99 Prozent. Unterschiedlich ist auch der durchschnittliche Anspruch, der in den „alten“ Ländern 926 Euro brutto bzw. 830 Euro netto ausmacht, in den neuen Ländern 1.087 Euro brutto bzw. 975 Euro netto. Ursächlich dafür ist u.a., dass betriebliche Vorsorgeleistungen in Ostdeutschland historisch erst nach der Wiedervereinigung in Betracht kamen und der Anteil der Bezieher deshalb dort nur bei 3 Prozent liegt, gegenüber 15 Prozent in den westdeutschen Bundesländern. Ursächlich ist auch, dass die Erwerbstätigkeit von Frauen in Ostdeutschland deutlich höher lag, woraus ein größerer Anteil von Frauen im Alter mit Ansprüchen an die Rentenversicherung (99% in Ostdeutschland, 87% in Westdeutschland) und höhere Ansprüche (644 Euro brutto/577 Euro netto im Westen, 940 Euro brutto bzw. 844 Euro netto in Ostdeutschland) resultieren.6

Während die private Vorsorge aufgrund der dauernden Niedrigzinsphase, aber auch wegen oftmals hoher Verwaltungskosten ihre begrenzte Leistungsfähigkeit sichtbar belegt hat, bewährt sich die Gesetzliche Rentenversicherung auch heute. Dass es 2016 die größte Rentenerhöhung sei 23 Jahren gab – 4,25 Prozent mehr Rente in Westdeutschland, 5,95 Prozent mehr Rente in Ostdeutschland – ist zwar neben der positiven wirtschaftlichen Entwicklung auch einem statistischen Sondereffekt zu verdanken. Es ist aber auch ein Beleg für die grundsätzlich große Leistungsfähigkeit des häufig geschmähten Umlagesystems. Das zeigt sich auch an der „Rendite“ der Rentenversicherung. Wer etwa von Anfang 1971 bis Ende 2015 Beiträge gezahlt hat, erhält im Durchschnitt Leistungen mit einer Rendite von etwa drei Prozent7 zurück – ein Wert, für den man am Finanzmarkt schon ein recht risikoreiches Produkt hätte wählen müssen, um auf einen ähnlichen Wert zu kommen. Hinzu kommt, dass die Rentenversicherung zahlreiche Leistungen – wie bei der Rehabilitation oder der Hinterbliebenenversorgung – bietet, die bei privaten Rentenversicherungen regelmäßig teuer zusätzlich versichert werden müssen. Dass die positive Entwicklung keine „Eintagsfliege“ ist, belegt der aktuelle Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung. Nach diesem ist davon auszugehen, dass die Renten bis 2030 um etwa 35 Prozent steigen, im Durchschnitt um 2,1 Prozent im Jahr. Das Leistungsniveau der Rentenversicherung – das nicht den Wert der Rente gegenüber dem vorherigen Einkommen beschreibt, sondern abstrakt das Verhältnis der Rente eines Standardrentners (eines Rentners, der 45 Jahre lang von einem durchschnittlichen Einkommen Beiträge gezahlt hat) zum Durchschnittseinkommen der Erwerbstätigen bezeichnet – wird dabei dennoch von etwa 48 Prozent im Jahr 2016 auf etwa 47 Prozent im Jahr 2024 auf etwa 44,5 Prozent im Jahr 2030 sinken. Das Mindestsicherungsniveau darf dabei bis 2030 in keinem Fall unter 43 Prozent fallen, das hat der Gesetzgeber mit der sog. Mindestsicherungsklausel in § 154 Abs. 3 des SGB VI festgelegt. Die Rentenversicherung ist und bleibt deshalb leistungsfähig. Sie leistet das trotz der Eingriffe des Gesetzgebers in das Leistungsrecht der gesetzlichen Rentenversicherung und seinen Bemühungen, die im Vergleich teurere und aufwändigere private Vorsorge zu Lasten der gesetzlichen Rentenversicherung zu stärken. Damit hat der Gesetzgeber seinen Teil dazu beigetragen, dass das Armutsrisiko älterer Menschen schon jetzt stetig steigt und in den kommenden Jahren voraussichtlich dramatische Ausmaße annehmen wird.

Blicken wir zurück: Das Rentenniveau vor Steuern (weil die Renten nicht mehr steuerfrei gezahlt werden, sondern in wachsendem Maße „nachgelagert“ besteuert werden und dafür die Beitragsanteile entsprechend steuerfrei gestellt werden, lässt sich kein allgemeines Rentenniveau mehr bestimmen)  lag noch 1990 bei  55,1 Prozent und ist damit bis 2016 um über 7 Prozentpunkte verringert worden. Das hat erhebliche Auswirkungen, wie sie der Berliner Rentenexperte Johannes Steffen berechnet8 hat: Nach seinen Berechnungen musste derjenige, der im Jahr 2000 eine Rente in Höhe des Grundsicherungsniveaus erhalten und damit gerade so unabhängig von Sozialhilfe leben wollte – bis dahin 24,3 Entgeltpunkte in der Rentenversicherung erworben haben. Ein Entgeltpunkt ist dabei der Gegenwert, der einem Beitragszahler mit durchschnittlichem Einkommen für ein Jahr Beitragszahlung in der Rentenversicherung gutgeschrieben wird. Entsprechend erwirbt, wer nur vom halben Durchschnittsverdienst Beiträge gezahlt hat, nur einen halben Entgeltpunkt. Wer 2016 mit dem gleichen Anspruch in Rente gehen wollte, der musste schon 30,3 Entgeltpunkte vorweisen, als Durchschnittsverdiener also ganze sechs Jahre länger eingezahlt haben, als sein Vorgänger im Jahr 2000. Das liegt daran, dass der Grundsicherungsbedarf in dem Zeitraum um 45 Prozent stieg, der Rentenwert aber nur um 16,3 Prozent. Die bittere Konsequenz: Angesichts der hohen Zahl atypischer Beschäftigungsverhältnisse und niedriger Löhne sowie einem stetig sinkenden Rentenniveau wird es zunehmend schwieriger, die notwendigen Vorleistungen zu erbringen und damit Altersarmut zu vermeiden.

Der Sozialexperte Gerhard Bäcker hat auf ähnlichem Wege und auf der Grundlage der aktuellen Schätzungen der Bundesregierung zur Beitragsentwicklung errechnet9, dass im Jahr 2045 selbst für jemanden, der immer Beiträge in Höhe des Durchschnittseinkommens gezahlt hat, 32,8 Jahre Beitragszahlungen vorliegen müssen, um wenigstens eine Rente auf Grundsicherungsniveau zu bekommen. Wer dagegen immer nur die Hälfte davon einzahlen konnte, der müsste schon 65,6 Jahre gearbeitet haben. Wer das nicht schafft und wer nicht zusätzlich auf andere Einkommen oder Vermögen  – etwa aus der betrieblichen oder privaten Vorsorge, dem Gesparten oder dem Geld des Partners oder der Partnerin – zurückgreifen kann, dem droht im Alter Armut. Nach dem Alterssicherungsbericht 201610 sind es in Deutschland insgesamt allein 60 Prozent der Menschen über 65 Jahren, die ausschliesslich Ansprüche auf Leistungen der Rentenversicherung haben, 48 Prozent der Männer und 69 Prozent der Frauen. Die drohende Altersarmut ist statistisch leider nur zu gut belegt, denn weil Ansprüche im Alter entscheidend von den Vorleistungen abhängen, die bis zum Eintritt in den Ruhestand angesammelt wurden, ist die Entwicklung kalkulierbar. Während die Menschen, die jetzt schon im Ruhestand sind, während ihres Erwerbslebens auf vergleichsweise stabile Erwerbsverhältnisse und Versicherungsbedingungen zurückgreifen konnten, gehen in Zukunft Generationen in Rente, für die beides nicht mehr gilt. Erwerbsbiographien sind heute noch weniger gradlinig, sie sind häufiger von prekärer oder atypischer Beschäftigung geprägt. Gleichzeitig setzt die Alterssicherung aber genau die weniger werdenden stabilen Beschäftigungsverhältnisse im Erwerbsleben als Norm, um den notwendigen Dreiklang aus möglichst kontinuierlicher sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, zusätzlicher betrieblicher und weiterer privater Vorsorge erzielen zu können. Während es im Erwerbsleben immer schwieriger wird, Alterssicherung zu betreiben, wird der Umfang an notwendiger Vorsorge zur Vermeidung von Altersarmut stetig erhöht. Für das Armutsrisiko gilt deshalb die Faustformel: „Arbeitsmarkt x Rentenreform = Altersarmut“11. Wir wissen deshalb: Altersarmut droht künftig immer mehr älteren Menschen.

Diese Entwicklung war kein Zufall, sondern Ergebnis der politisch betriebenen Abkehr vom Ziel der Lebensstandardsicherung in der gesetzlichen Rentenversicherung: Das 1989 verabschiedete, aber erst 1992 in Kraft getretene Rentenreformgesetz war der Einstieg in den Ausstieg aus der Lebensstandardsicherung. Mit der 1992 eingeführten Nettolohnanpassung wurde der Anstieg der Beiträge gemildert, indem geringere Erhöhungen der Beiträge durch geringere Leistungserhöhungen erkauft wurden. Zudem wurde die Altersgrenze auf 65 Jahre erhöht und Abschläge für einen vorzeitigen Renteneintritt eingeführt. Mit dem Altersvermögensgesetz und dem Altersvermögensanpassungsgesetz wurde 2001 eine neue kapitalgedeckte Altersvorsorge eingeführt (Riester-Rente), die einen Teil der bisher umlagefinanzierten Leistungen ablösen sollte und privatisierte. Mit der Jahrtausendwende kam es darüber hinaus zu einer ganzen Reihe von Rentenreformschritten12 und damit einhergehend zu Leistungsverschlechterungen. Im Ergebnis befindet sich das Rentenniveau seitdem im nahezu ungebrochenen Sinkflug. Dieser wird sich künftig fortsetzen. So sank das Nettostandardrentenniveau vor Steuern (die wegen der schrittweisen Einführung der nachgelagerten Besteuerung nicht mehr pauschal berechnet werden können) von 52,6 Prozent im Jahr 2001 auf 48 Prozent im Jahr 2016. Bis zum Jahr 2030 wird dieses Rentenniveau auf 44,5 Prozent, gegebenenfalls aber auch auf  bis zu 43 Prozent, dem derzeitigen Mindestsicherungsniveau, abgesunken sein. Die Netto-Standardrente von dann 43 Prozent erhält aber auch nur derjenige, der 45 Versicherungsjahre – die so genannte Standardrente, die heute längst kein Standard mehr ist – in seiner „Rentenbiographie“ vorweisen kann. Die Steuerpflicht für die übrig bleibenden Leistungen durch die nachgelagerte Besteuerung schmälert die individuellen Erträge zusätzlich. Mit dem Alterseinkünftegesetz 2005 wurde der schrittweise Übergang zur nachgelagerten Besteuerung beschlossen: Bis 2025 werden die Beiträge zur Rentenversicherung schrittweise steuerfrei gestellt, umgekehrt werden die ausgezahlten Renten künftig anteilig immer stärker besteuert, bis sie ab 2040 dann vollständig zu versteuern sind.

Wie gravierend allein die 2003 und 2005 eingeführten Nachhaltigkeits- und Riester-Faktoren auf die Ansprüche wirken, hat die Bundesregierung zum Jahresende 2015 auf eine Frage des Rentenexperten der LINKEN, Matthias W. Birkwald, errechnet13: Seit 2003 sind die Rentenerhöhungen 4,4 Prozent hinter der Lohnentwicklung zurückgeblieben. Bis 2029 werden es zusätzlich nochmal weitere acht Prozentpunkte sein. Für einen Durchschnittsverdiener mit 45 Beitragsjahren entspräche das einem Wertverlust von 2.939 Euro im Jahr. Auch das trägt dazu bei, Altersarmut zu produzieren und zu provozieren.

Armut, Alter und Gesundheit

Alter und Krankheit sind nicht zwangsläufig verbunden. „Mehr gesunde Jahre in einem längeren Leben“14  erleben schon heute viele Ältere. Immer mehr älteren Menschen bleibt das jedoch gleichzeitig verwehrt. Ältere Menschen, die arm sind, erkranken häufig deutlich schwerer und leben deutlich kürzer als ältere Menschen mit gesichertem Einkommen. „Im Vordergrund stehen dabei  Herz-Kreislaufkrankheiten, Stoffwechselkrankheiten, Muskel- und Skelettkrankheiten sowie bösartige Neubildungen. Charakteristisch ist dabei das gleichzeitige Vorliegen mehrerer Gesundheitsstörungen oder Krankheiten (Multimorbidität)“.15 Viele Heil- und Hilfsmittel, aber vor allem auch viele Arzneimittel sind dabei nur gegen Zuzahlungen erhältlich oder – wie die nichtverschreibungspflichtigen Arzneimittel – ohnehin vollständig selbst zu zahlen. Bei vielen älteren Menschen kommen dabei leicht 50, 60 und mehr Euro monatlich zusammen: Beträge, die sie eben nicht nebenher finanzieren können, selbst wenn sie alle zur Verfügung stehenden Sozialleistungen in Anspruch nehmen (was oft wegen bürokratischen oder räumlichen Barrieren nicht möglich ist). Dabei bilden materielle Defizite nur einen Teil des Problems. Psychosoziale Faktoren, wie soziale Isolation, durch Einkommensarmut erzeugter Stress, mangelndes Selbstwertgefühl und anderes mehr tragen ebenfalls dazu bei, dass die Gesundheitsrisiken älterer Menschen besonders hoch sind. Nicht selten entwickelt sich dabei ein Teufelskreis aus gesundheitlichen Problemen, sozialer Isolation und mangelnder gesundheitlicher Versorgung, die dann in Erkrankungen wie „offenen Beinen“ (ulcus cruris) münden, die zu erheblichen Schmerzen beim Gehen und Stehen führen, die Mobilität der Menschen einschränken und dadurch zusätzlich den Radius der Betroffenen einschränken.

Armut im Alter, Wohnungsnot und soziale Isolation

Ältere Menschen mit geringen Einkommen sind von der wachsenden Wohnungsnot, gerade in urbanen Regionen, besonders stark betroffen. In ihrer Lebenssituation befinden sie sich im Zangengriff von rasch steigenden Miet- und Nebenkosten und gleichzeitig stetig sinkendem Rentenniveau. Ein Wohnungswechsel innerhalb der Nachbarschaft scheitert häufig an den überproportional gestiegenen Mietkosten bei Neuverträgen, die eine große, aber nur zum kleinen Teil genutzte Wohnung mit Altmietvertrag immer noch günstiger machen als eine kleinere Wohnung mit neuem Mietvertrag. Für ältere Arme gibt es kaum eine Möglichkeit, damit umzugehen. Das ist einer der Gründe, warum wir alle das Bild von älteren, gepflegt aussehenden Menschen kennen, die Parks und Mülltonnen auf der Suche nach Leergut durchstreifen, um sich zusätzlich ein, wenn auch noch so geringes, Zusatzeinkommen zu verschaffen. Oft bleibt dennoch nur, sich im Alter völlig aus dem gewohnten Umfeld zurückzuziehen und in billigere, aber schlecht angebundene und versorgte Regionen umzuziehen. Dort ist jedoch die Infrastruktur viel schlechter ausgebaut. Wenn Busse nur einmal täglich in die nächste Stadt oder zurück fahren, schrumpft der Lebensraum älterer und armer Menschen auf ein Minimum zusammen. Daraus folgt häufig eine Kaskade von sozialen Folgeproblemen, die die Teilhabemöglichkeiten der Betroffenen dramatisch einschränken. Auch in der Wohnungslosenhilfe ist die Gruppe der älteren, wohnungslosen Menschen groß. Oft sind diese älteren Menschen für Hilfsangebote besonders schwer zu erreichen. Ihr Leben ist „häufig durch langjährige (im Schnitt mehr als fünf Jahre) Wohnungslosigkeit und den überwiegenden Aufenthalt auf der Straße geprägt. Das Zusammenfallen von Alterung und besonderen sozialen Schwierigkeiten (fehlende Wohnung, Armut, Isolation, Krankheiten, gelegentliche Verwirrtheitszustände bis hin zu psychischen Erkrankungen u.v.m.) bewirkt eine Vielzahl von Beeinträchtigungen“.16 Noch stärker als arme ältere Menschen sind Menschen, die zusätzlich von Wohnungslosigkeit betroffen sind, kaum in der Position, ihre Ansprüche auf Sozialleistungen einzulösen, zu hoch sind die Barrieren dafür.

Arm aus Scham: Verdeckte Armut im Alter

Während häufig ein „Missbrauch“ sozialer Leistungen diskutiert wird, bleibt ein sehr viel größeres soziales Problem meist unbeachtet: die Nichtinanspruchnahme sozialer Leistungen. Viele hunderttausende Menschen in Deutschland haben Anspruch auf Sozialleistungen, ohne ihn geltend zu machen. Sie tauchen in den öffentlichen Statistiken nicht auf: Die im Dunkeln sieht man nicht. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Stolz, Scham, die Angst vor einem Unterhaltsrückgriff auf Angehörige, mangelnde Informationen und vieles andere mehr kann dazu beitragen, dass solche Leistungen nicht beansprucht werden, obwohl die Betroffenen sie bitter nötig hätten. Obwohl die Empirie zu verdeckter Armut naturgemäß gering ist, wird in der Forschung davon ausgegangen, „dass insbesondere alleinstehende Frauen, Paarhaushalte mit erwerbstätigem Haushaltsvorstand sowie Altenhaushalte (der Haushaltsvorstand ist 65 Jahre oder älter) ihnen zustehende Hilfe nicht in Anspruch nehmen“.17 Dabei handelt es sich nicht nur um kleine Gruppen, im Gegenteil. Verschiedene Forschungsarbeiten auf unterschiedlichen Datengrundlagen verweisen übereinstimmend auf eine Nichtinanspruchnahmequote von Leistungen nach den Sozialgesetzbücher II und XII in Höhe von etwa 40 Prozent18: Zwei von fünf Berechtigten nehmen ihre Ansprüche gar nicht war. Das zeigt: „Missbrauch“ von Sozialleistungen ist kein Problem, viel eher die mangelnde Beanspruchung von Hilfen.

Altersarmut bekämpfen: Strukturreformen gegen strukturelle Risiken

In der aufschlussreichen biografischen Studie „Lebenswege in die Altersarmut“ kommen Ute Klammer und Antonio Brettschneider auf der Basis einer Vielzahl von Interviews und Fallstudien zu sieben Biographiedimensionen, die Altersarmut begünstigen können. Sie sind in der nachfolgenden Übersicht dargestellt:

Erwerbsbiographie
Familienbiographie
Gesundheitsbiograpie

Langzeitarbeitslosigkeit

Kinderbedingte Unterbrechung

Erwerbsminderung

Langjähriger Niedrigverdienst

Angehörigenpflege

Behinderung

Langjährige geringfügige
Beschäftigung

Trennung / Scheidung

Unfall / Berufskrankheit

(Solo-)Selbständigkeit

Verwitwung

Psychische Probleme

Schwarzarbeit

Alleinerziehung

Chronische Erkrankungen

„Stille Reserve“

 

 

 

 

 

Bildungsbiographie

Vorsorgebiographie

Migrationsbiographie

Fehlender Schulabschluss

Mangelnde Vorsorgefähigkeit

Später Zuzug

Fehlender Berufsabschluss

Mangelnde Vorsorgebereitschaft

Sprachprobleme

Mangelnde Teilnahme an
Weiterbildung

Mangelndes Vorsorgewissen

Aufenthaltsrechtliche Probleme

Dequalifizierungsprozesse

Gescheiterte Vorsorgestrategie

Allgemeine Integrationsprobleme

 

 

 

Sonstige Risikoelemente

 

Verschuldung, Insolvenz

 

Soziale Devianz, Kriminalität

 

Sucht, Obdachlosigkeit

 

(Selbst-)Exklusionsprozesse, „Schicksalsschläge“

 

(Quelle: Brettschneider/Klammer 2016)

Bei den in der Studie untersuchten Fällen aus den Geburtsjahrgängen 1938 bis 1947 identifizierten die Autoren vor allem fünf Risikogruppen: „familienorientierte Frauen, ehemalige Selbstständige, Zuwanderer (Arbeitsmigranten der ersten Generation, Aussiedler und Kontingentflüchtlinge), umbruchsgeprägte Ostdeutsche und ‚komplex Diskontinuierliche‘“.19 Bei zukünftigen Generationen erwarten die Autoren sogar noch mehr Ungleichheit und wachsende Altersarmut. Sie verzeichnen einen „Trend über die Kohorten hinweg sinkender durchschnittlicher Anwartschaften in der GRV (mit Ausnahme der westdeutschen Frauen), zum anderen den Trend einer im Zeitverlauf zunehmenden Ungleichheit der Anwartschaften innerhalb der Geburtskohorten“.20 Aufgrund der skizzierten Kürzungen des Leistungsniveaus der Gesetzlichen Rentenversicherung und dem wachsenden Anteil diskontinuierlicher und atypischer Beschäftigungsverhältnisse wird Altersarmut absehbar zunehmen, zumal gerade die besonders von Altersarmut bedrohten Menschen auch nur vergleichsweise geringe zusätzliche Vorsorge betrieben haben. Allerdings ist es nicht der bewusste Verzicht auf Vorsorge, der zu Altersarmut führt. Vielmehr haben die Forschungen auch gezeigt, „dass hinter den meisten individuellen   ‚Grundsicherungsbiografien‘ strukturelle Risiken stehen“, die – wie konjunkturbedingte Arbeitslosigkeit und gesundheitliche Einschränkungen von den Betroffenen kaum beeinflusst werden können.21 Eine wirksame Bekämpfung der Ursachen von Altersarmut bedarf deshalb auch struktureller Reformen in der Alterssicherung. Denn Armut im Alter ist kein Schicksal. Aber sie droht für viele Menschen, schicksalhaft zu werden, wenn die Weichen der Alterssicherungspolitik nicht endlich umgestellt werden.


Anmerkungen

1) Das Beispiel wird zitiert aus Landsberg 2016, der Name der Rentnerin wurde geändert.

2) Moser, Sebastian J. 2014: Pfandsammler. Erkundungen einer urbanen Sozialfigur. Hamburg.

3) Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) 2016: Ergänzender Bericht der Bundesregierung zum Rentenversicherungsbericht 2016 gemäß § 154 Abs. 2 SGB VI (Alterssicherungsbericht 2016. Berlin., S. 102.

4) Quelle jeweils: Statistisches Bundesamt (zuletzt 2016), Genesis online.

5) BMAS 2016, a.a.O., S.79.

6) Ebenda.

7) Vgl. www.deutsche-rentenversicherung.de/Allgemein/de/Inhalt/5_Services/rententipp/2016_07_19_rendite_in_rentenversicherung_deutlich_positiv.html, Stand: 15.01.2017.

8) Steffen, Johannes 2016: Fürsorgebedarf und Rentenniveau. Akzeptanz der Pflichtversicherung steht auf dem Spiel. Berlin. Im Internet über: www.portal-sozialpolitik.de.

9) Bäcker, Gerhard 2016: Überschneidung von Grundsicherungsbedarf und Rente bei sinkendem Rentenniveau nach Entgeltposition und Beitragsjahren, 2009 – 2045. O.O. Im Internet über: www.sozialpolitik-aktuell.de.

10) BMAS 2016, a.a.O., S. 83.

11) Bogedan, Claudia / Rasner, Anika: Arbeitsmarkt x Rentenreform = Altersarmut? In: WSI-Mitteilungen, Heft 3/2008, S. 133–138.

12) Alterseinkünftegesetz (2004), RV-Nachhaltigkeitsgesetz (2004), RV-Altersgrenzenanpassungsgesetz (2007), Leistungskürzungen bei den Versicherungsbeiträgen für ALG-II-Leistungsbezieher (2006), Ausbau der Riester-Förderung durch die Kinderzulage und die Einführung der beitragsfreien Entgeltumwandlung (2007).

13) BT-DRS 18/1489, S. 18.

14) Rosenbrock, Rolf 2013: Rede auf dem Tag der Volkssolidarität 2013 in Potsdam. Manuskript. Im Internet: www.volkssolidaritaet.de.

15) Mnich, Eva / Grosse Frie, Kristin / von dem Knesebeck, Olaf 2012: Alter, Armut und Gesundheit – individuelle und gesellschaftliche Perspektiven. In: Richter et al (Hrsg.) 2012, 29.

16) Neubacher, Ursula: Rentner auf der Straße. In: Richter et al. (Hrsg.) 2012, 229.

17) Becker, Irene 2007: Verdeckte Armut in Deutschland. Ausmaß und Ursachen. Fachforum der Friedrich Ebert Stiftung No. 2/2017, Berlin, S. 10.

18) Becker, Irene 2015: Der Einfluss verdeckter Armut auf das Grundsicherungsniveau. Arbeitspapier 309 der Hans Böckler Stiftung, Düsseldorf, S. 10.

19) Brettschneider, Antonio / Klammer, Urte 2016: Lebenswege in die Altersarmut. Biografische Analysen und sozialpolitische Perspektiven. Berlin, S. 319.

20) Ebenda, S. 321.

21) Ebenda, S. 351.

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