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Armutsbericht 2017

Arbeitslosigkeit und Armut

von Tina Hofmann

Arbeitslosigkeit macht arm

Wer hierzulande arbeitslos wird oder bleibt, ist nicht vor Armut geschützt – sondern im Gegenteil besonders hart von Armut betroffen. Arbeitslose bilden mit einem Anteil von 59 Prozent die größte Gruppe der von Armut betroffenen Menschen. Arbeitslosigkeit ist damit eine der wesentlichen Risiken und Ursachen für Armut in Deutschland. Bei der größten Gruppe der Arbeitslosen, nämlich denjenigen, die Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende (Hartz IV) beziehen, ist die ökonomische Deprivation besonders ausgeprägt; ihre Armutsquote liegt bei 84 Prozent.1 

Im Vergleich mit anderen EU-Ländern sind Arbeitslose hierzulande überproportional häufig mit Armut konfrontiert. Deutschland führt die europaweite Statistik im negativen Sinne an. Selbst in den wirtschaftlich durch die Finanzkrise stark geschwächten südeuropäischen Ländern ist das Armutsrisiko von Erwerbslosen weitaus geringer.2

Dass Arbeitslosigkeit mit Armut einhergeht, ist ein hausgemachtes Problem. Ursächlich dafür ist die Ausgestaltung sozialer Sicherung bei Arbeitslosigkeit. Die Arbeitsmarktreformen der sog. Hartz-Gesetze zielten auf eine „aktivierende Arbeitsmarktpolitik“. Die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I und die Leistungen der Grundsicherung für Arbeitssuchende wurden danach ausgerichtet, dass für Arbeitslose ein möglichst großer finanzieller Anreiz – oder anders gesagt – Druck besteht, eine Arbeitsstelle auch (weit) unterhalb ihrer bisherigen Verdienstmöglichkeiten, Qualifikation und berufsbezogenem Status anzunehmen. Während im Jahr 2005 der Anteil der Arbeitslosen in der Arbeitslosenversicherung noch bei 43 Prozent lag, ist er im Oktober 2016 auf nur noch 30 Prozent geschrumpft.3 Im Ergebnis befindet sich heute die weit überwiegende Mehrheit – 2/3 der Arbeitslosen – im Hartz-System und muss mit Leistungen auskommen, die nicht ausreichen, um Armut vollständig zu überwinden. Experten haben mehrfach darauf hingewiesen, dass die Regelbedarfe in der Grundsicherung für Arbeitsuchende zu niedrig bemessen sind, um das soziokulturelle Existenzminimum abzudecken und der Regelsatz mindestens 520 Euro statt derzeit 409 Euro betragen müsste.

Ihre prekäre materielle Situation wirkt sich in vielerlei Hinsicht belastend und einschränkend auf das Leben arbeitsloser Menschen und ihrer Familien aus. Das gilt vor allem für Arbeitslose, die mit Hartz-IV-Leistungen auskommen müssen. Nach Befragungen unter Hartz-IV-Beziehern geben nahezu alle Betroffenen an, dass ihr derzeitiges Leben durch finanziellen und materiellen Mangel belastet ist.4 Schon die Grundversorgung (Essen, Kleiden, Wohnen) ist nicht sicher abgedeckt. Bestimmte Dinge können nicht angeschafft werden, die in unserer Gesellschaft für einen angemessenen Lebensstandard als besonders wichtig einschätzt werden.5 40 Prozent der Hartz-IV-Bezieher können sich z.B. zuzahlungspflichtige medizinische Behandlungen, wie den Zahnersatz oder eine Brille, nicht leisten.6 Regelmäßig treten Versorgungslücken bei Winterbekleidung für Familien auf, die nicht in ausreichendem Maße angeschafft werden kann.7 Es kommt immer wieder vor, dass die Menschen Einschränkungen bei ihrer Ernährung machen müssen, und z. B. Ende eines Monats die Menge oder Qualität ihrer Nahrung reduzieren.8 Nicht ohne Schamgefühle weichen dann manche auf das Angebot der Tafeln aus. Unerwartete Ausgaben (z.B. eine defekte Waschmaschine) führen in der Mehrheit der Familien mangels finanzieller Auffangmöglichkeiten zu sofortigen Problemen. Die stärksten Einschränkungen gibt es bei all den Aktivitäten, die soziale und kulturelle Teilhabe, also ein halbwegs normales Leben in der Gemeinschaft, erlauben würde. In vielen Familien fehlt ein Computer.9 Die materiellen Begrenzungen führen dazu, dass die allermeisten Arbeitslosen ihre gesellschaftlichen Aktivitäten einschränken müssen – von der ausbleibenden Kommunikation mangels Internetzugang und Computer über die Unmöglichkeit, einen Kinoabend oder einen Besuch im Restaurant zu bezahlen. Viele Kommunen legen die von ihnen geforderte Übernahme der Mietkosten so eng und unangepasst an die aktuelle Lage auf dem Wohnungsmarkt aus, dass die Leistungsberechtigten große Mühe haben, überhaupt eine Mietwohnung zu finden und sich letztlich mit schwierigen Wohnverhältnissen zurecht finden müssen. Mehr als drei Viertel aller Kinder im Hartz-IV-Bezug leben in Haushalten, die sich keine einwöchige Urlaubsreise leisten können. In nicht unerheblichem Maße drücken Sanktionen Leistungsberechtigte weiter unter das Existenzminimum. Im Jahr 2015 wurden rund 416.000 erwerbsfähige Leistungsberechtigte mit mindestens einer neu festgestellten Sanktion bestraft.10 Infolge der Sanktionen werden die Leistungen mitunter vollständig eingestellt. In der niedrigsten Sanktionsstufte wird der Regelbedarf um mindestens 10 Prozent gekürzt.

Materiell noch schlechter gestellt ist ein nicht unerheblicher Teil von Menschen, die unter Armutsbedingungen leben, aber die ihnen zustehenden Sozialleistungen nicht in Anspruch nehmen (verdeckte Armut). Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung macht ungefähr jede/jeder Dritte ihren/seinen Anspruch auf Leistungen der Grundsicherung nicht geltend.11 Weil die Betroffenen von einem Einkommen leben, das noch unterhalb des Grundsicherungsniveaus angesiedelt ist und auch auf kein nennenswertes Vermögen zurückgreifen können, ist davon auszugehen, dass ihr Leben von noch stärkeren materiellen Einschränkungen belastet ist, als das von Hartz-IV-Beziehenden.12

Arbeitslosigkeit grenzt aus

In dieser Leistungs- und Arbeitsgesellschaft ist Erwerbsarbeit essentiell für den gesellschaftlichen Status und die gesellschaftliche Teilhabe. Arbeitslose werden, insbesondere dann, wenn sie von Fürsorgeleistungen abhängig sind, häufig gesellschaftlich abgewertet. Ein erschreckendes Beispiel hierfür liefert der „Thüringen Monitor“, eine jährlich veröffentlichte Studie13 über die politischen Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger im Bundesland Thüringen. Die von der Landesregierung in Thüringen beauftragte wissenschaftliche Studie legte im Jahr 2014 offen, dass die Durchschnittsbevölkerung Langzeitarbeitslose mehrheitlich ablehnt. Mit einer Ablehnungsquote von 53 Prozent werden sie von der Bevölkerung noch häufiger abgelehnt als etwa Muslime oder Asylsuchende. Die negative Haltung wird häufig mit der irrigen Annahme begründet, dass sich „Arbeitslose ein schönes Leben machen“. Arbeitslosigkeit wirkt auch ausgrenzend, weil Betroffene infolge eines Jobverlusts aus sozialen Beziehungen, die die Arbeit vermittelt hat, herausgerissen werden. Beziehungen zu ehemaligen Arbeitskollegen oder über die Arbeit vermittelte Beziehungen gehen verloren. Scham, Selbstvorwürfe und materielle Knappheit begünstigen einen weiteren Rückzug. Am ehesten bleiben noch die Kontakte zu dem engsten Umfeld, etwa der Familie erhalten.14 Allerdings leben Arbeitslose häufig alleine. Nur jede/jeder fünfte Arbeitslose im SGB II lebt in einer Paarbeziehung.15 Schon lange ist bekannt, dass sich Menschen umso stärker ehrenamtlich oder politisch engagieren, je besser ihre gesellschaftliche Stellung, ihr Bildungshintergrund und Einkommen sind. Unter den Hartz-IV-Beziehern ist nur etwa ein Viertel in Vereinen, Gewerkschaften, Kirchengemeinden, Parteien oder sonstigen Organisationen aktiv. Demgegenüber engagiert sich jede/jeder zweite Erwerbstätige in solchen Organisationen.16 Nach den Untersuchungen von Klaus Dörre ist Arbeitslosigkeit jedoch nicht mit einem kompletten Verlust sozialer Beziehungen, sondern eher mit einem Wandel der sozialen Netzwerke verbunden. Man trifft sich eher mit Gleichgesinnten und -gestellten, mit denen man sozial mithalten kann und auf deren Verständnis man trifft. Ein erheblicher Teil der Arbeitslosen ist trotz oder wegen widriger Umstände bürgerschaftlich, gesellschaftlich aktiv, helfend, sorgend und pflegend in der Familie engagiert.17 Allerdings erfahren diese jenseits der Erwerbsarbeit liegenden Formen der Betätigung, wie z.B. die Betreuung und Unterstützung von Angehörigen oder ein ehrenamtliches Engagement fast immer weniger Anerkennung als Erwerbsarbeit.18 Zudem ist die Motivation einer Erwerbsarbeit nachzugehen, entgegen gängiger Stereotype, bei arbeitslosen Menschen (weiterhin) hoch.19

Mittlerweile gibt es erfolgserprobte Modelle eines sog. Sozialen Arbeitsmarkts, die in der Praxis zeigen, wie vom Arbeitsmarkt ausgeschlossene Arbeitslose wieder in Erwerbsarbeit integriert werden können und damit deutlich mehr Soziale Teilhabe erfahren. Übereinstimmend gute Erfahrungen und Ergebnisse liegen aus den Evaluationsberichten20 zu den Landesprogrammen „Öffentlich geförderte Beschäftigung in Nordrhein-Westfalen“ und „Gute und sichere Arbeit – Passiv-Aktiv-Tausch (PAT)“ in Baden-Württemberg vor. Die sozialversicherungspflichtige geförderte Beschäftigung ermöglicht es Langzeitarbeitslosen, einer regelmäßigen Erwerbstätigkeit nachzugehen und sich nicht mehr „als in der Arbeitsgesellschaft überflüssig“ zu fühlen. Die Geförderten erfahren wieder deutlich stärker am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und dazuzugehören. Vielen (v.a. alleinstehenden Personen) gelingt es, ihren Lebensunterhalt mit ihrem sozialversicherungspflichtigen Arbeitslohn zu bestreiten und nicht länger auf das Arbeitslosengeld II angewiesen zu sein.

Arbeitslosigkeit bedeutet den Abbau von individuellen Ressourcen

Arbeitslosigkeit geht mit einem Abbau individueller Ressourcen, insbesondere bei der Gesundheit und der beruflichen Qualifikationen einher. Das ist deshalb so problematisch, weil die persönliche Lebensqualität (gerade im Falle der Gesundheit) und die Arbeitsmarktchancen dieser Menschen entscheidend davon abhängen, wie es um ihre Gesundheit und beruflichen Qualifikationen, bestellt ist.

Nach einschlägigen Untersuchungen sind Menschen umso gesünder, je sicherer sie in den Arbeitsmarkt integriert sind. Arbeitslosigkeit zählt zu den größten Gesundheitsrisiken: Sie macht krank.21 Die Gründe für den verheerenden Einfluss der Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit sind mittlerweile gut erforscht: Mit der Arbeitslosigkeit gehen herbe materielle Verluste und Einschränkungen des täglichen Lebens einher. Die vertraute Zeitstruktur und sozialen Kontakte gehen verloren. Das Sozialprestige sinkt drastisch. Das Selbstbewusstsein und Gefühl der Selbstwirksamkeit sind angegriffen. Das ist purer Stress, der Krankheiten befördert und vor allen Dingen Männer – gemessen an ihrem Gesundheitszustand – im Zeitraffer altern lässt. Männlichen Arbeitslosen geht es im Alter von 45 Jahren gesundheitlich so, wie Männern in sicheren Beschäftigungsverhältnissen bei Renteneintritt. Stark ausgeprägte Unterschiede im Gesundheitszustand von Arbeitslosen und Beschäftigten zeigen sich etwa bei den Krankenhausbehandlungen: Innerhalb eines Jahres werden 23,3 Prozent der arbeitslosen Männer bzw. 21,3 Prozent der arbeitslosen Frauen einmal oder mehrmals für mindestens eine Nacht in einem Krankenhaus behandelt, während der Anteil bei männlichen Beschäftigten nur bei 9,8 Prozent und bei weiblichen Beschäftigen bei 13 Prozent liegt.22 Bei Arbeitslosigkeit nehmen insbesondere psychische Krankheiten, Ernährungs- und Stoffwechselerkrankungen, Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Nervensystems zu. Die Sterblichkeit ist erhöht.

Das Gesundheitsverhalten von Arbeitslosen ist schlechter als bei anderen Bevölkerungsgruppen; sie rauchen beispielweise mehr und bewegen sich seltener.23 Arbeitslose in der Grundsicherung weisen insgesamt einen vergleichsweise schlechten Gesundheitszustand auf. Mehr als 40 Prozent der Grundsicherungsempfänger leiden nach eigener Einschätzung unter schweren gesundheitlichen Einschränkungen24; seelische Probleme treten bei einem Drittel auf25. Krankheit und Arbeitslosigkeit verstärken sich gegenseitig negativ. Ein schlechter gesundheitlicher Zustand ist auch ein großer Bremsklotz bei der Rückkehr in den Arbeitsmarkt. Gesundheitliche Einschränkungen wiegen als sogenannte Vermittlungshemmnisse noch schwerer als etwa ein fehlender Ausbildungsabschluss oder Schulabschluss.26

Allerdings ist auch Bildungsarmut eine wesentliche Ursache von Arbeitslosigkeit und wird durch diese noch verstärkt. Knapp die Hälfte der Arbeitslosen kann keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen; in der Grundsicherung für Arbeitsuchende waren dies im Jahresdurchschnitt 2015 sogar knapp drei Fünftel (1,10 Millionen) der Arbeitslosen.27 Allerdings sind nur 16 Prozent aller Arbeitsstellen, die bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern gemeldet sind, für Helfer- oder Anlerntätigkeiten ausgeschrieben. Doch die „aktivierende“ Arbeitsmarktpolitik setzt eher auf eine schnelle Vermittlung in (irgendeine) zumutbare Arbeit, als auf eine nachhaltige Qualifizierung. Jobcenter und Arbeitsagenturen haben ihre Förderung nach den harten Einsparungen in der aktiven Arbeitsförderung seit dem Jahr 2010 reduziert. In 2015 haben lediglich 45.283 bzw. 1,6 Prozent der Arbeitslosen eine Fort- und Weiterbildung begonnen, die zu einem Berufsabschluss führte.28 Mangels einer ausreichenden finanziellen Absicherung während einer (längeren) Fort- und Weiterbildung, sind viele Arbeitslose an einer Qualifizierung gehindert. Auch nach zehn Jahren Hartz IV fehlen immer noch Bildungsinstrumente, die auf benachteiligte Personengruppen bzw. Personen mit mehreren Vermittlungshemmnissen zugeschnitten sind. So mangelt es z. B. an modularen Ansätzen, die den Interessierten die Möglichkeit eröffnen, eine Ausbildung nach Bedarf zu unterbrechen oder zu verlängern.

Arbeitslosigkeit und Armut bleiben für zu viele ein Dauerzustand

Eine große Problemstelle des deutschen Arbeitsmarkts ist die Langzeitarbeitslosigkeit. Sie hat trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung in letzter Zeit nicht weiter abgenommen und sich stattdessen auf hohem Niveau verfestigt. Rund 1 Millionen Menschen waren zuletzt langzeitarbeitslos. Ihre Jobchancen wurden in den letzten Jahren immer geringer. Im gesamten Jahr 2015 fanden lediglich 14 Prozent der Langzeitarbeitslosen einen Job oder machten sich selbständig.29 Die Arbeitgeber bevorzugen bei Neueinstellungen Arbeitsplatzwechsler, Berufsanfänger oder etwa Wiedereinsteiger/-innen nach einer Familienpause. Nach repräsentativen Angaben ist nur ein Drittel der befragten Arbeitgeber bereit, Langzeitarbeitslosen bei der Stellenbesetzung eine Chance zu geben.30 Die gleichzeitige Kürzung arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen verschlechtert die Chancen Langzeitarbeitsloser auf eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt und verringert die Unterstützung zur sozialen Stabilisierung: Nach drastischen Kürzungen der Mittel für die aktive Arbeitsmarktpolitik in den Jahren 2010–2013 sind vor allem Förderangebote, die sich an arbeitsmarktfernere Personengruppen richteten, eingeschränkt worden. Die Jobcenter haben in 2015 nur rund jeden zwölften erwerbsfähigen Leistungsberechtigten mit einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme gefördert.31

Aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende schaffen viele den Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt nur vorübergehend. Die wiedererlangte Erwerbsarbeit ist häufig nur eine prekäre Beschäftigung, die sie nicht (für längere Zeit) aus schwierigen Situationen von Arbeitslosigkeit und Armut befreit. Es gibt deshalb weniger eine funktionierende Aufwärtsmobilität, als vielmehr eine Verfestigung von Lebenslangen, in denen sich soziale Mobilität auf Bewegungen zwischen prekärem Job, sozial geförderter Tätigkeit und Erwerbstätigkeit beschränkt.32

Schwierige Selbstbehauptung im Kontakt mit der „aktivierenden Arbeitsverwaltung“

Die Mehrzahl der Arbeitslosen hat es im System der Grundsicherung für Arbeitssuchende mit den Jobcentern zu tun. Nach dem dort geltenden „Aktivierungsparadigma“ werden potentielle Leistungsberechtigte von einer gut zugänglichen Inanspruchnahme staatlicher Fürsorgeleistungen abgehalten. Diejenigen, die Leistungen erhalten, werden aufgefordert und auch dabei kontrolliert, das in ihren Kräften stehende zu tun, um ihre Hilfebedürftigkeit durch Arbeit zu beenden. Arbeitslosigkeit wird nicht als gesellschaftliches, sondern v. a. als individuell zu lösendes Problem behandelt, wodurch Arbeitslose einem latenten Klima des Misstrauens und offenem Druck aussetzt werden. Zwischen den, mit einem Sanktionsrecht ausgestatteten, Mitarbeiter/-innen der Jobcenter und den Leistungsberechtigten gibt es ein ausgeprägtes Machtgefälle. Gleichzeitig erleben sich viele Mitarbeitende in den Jobcentern selbst als wenig wirkungsmächtig. Die Jobcenter sind personell unterausgestattet. Durch standardisierte Handlungsprogramme und kennzahlengesteuerte Zielsysteme sind die Handlungsspielräume der Mitarbeitenden stark eingeschränkt. Anstatt eine Beratung auf Augenhöhe anbieten zu können, müssen sie die Arbeitslosen in die „gesteuerte Integrationsarbeit“ einbeziehen.33 Im Umgang mit der großen Zahl an Arbeitslosen, die mehrfache Vermittlungshemmnisse aufweisen, erleben viele ihre Arbeit als psychisch belastend. In diesem Setting treffen Mitarbeitende der Jobcenter unter eigenen hohen psychischen und gesundheitlichen Belastungen auf ebenfalls stark belastete Leistungsberechtigte. Arbeitslose erfahren in diesem Zusammentreffen nicht immer Unterstützung und Stärkung. Viel zu häufig berichten sie davon, sich im Umgang mit den Behörden behaupten zu müssen und Respekt zu verschaffen.34 

Sozialer Geleitschutz statt Ausgrenzung

Diese Gesellschaft darf sich nicht damit abfinden, dass Langzeitarbeitslosigkeit und Armut fortbestehen. Das Leitbild der aktivierenden Sozialpolitik hat zu einem gesellschaftlichen Klima der Stigmatisierung von Arbeitslosen beigetragen und in der Förderpraxis der Jobcenter der weiteren Ausgrenzung von Langzeitarbeitslosen Vorschub geleistet. Es sind grundlegende Reformen in der sozialen Sicherung von arbeitslosen Menschen, bei ihrer Förderung und den Bedingungen am Arbeitsmarkt nötig: Dort wo im Arbeitsmarkt prekäre Beschäftigung und Niedriglöhne ausufern, müssen die Bedingungen neu gestaltet werden. Für diejenigen Langzeitarbeitslosen, die auf absehbare Zeit keinerlei Beschäftigungschancen haben, muss ein Sozialer Arbeitsmarkt mit geförderten sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen geschaffen werden. Für eine wirkliche Absicherung des soziokulturellen Existenzminimums bei Arbeitslosigkeit müssen endlich die Regelsätze angehoben werden. Gleichzeitig sollte die Sicherungskraft der vorgelagerten Arbeitslosenversicherung gestärkt werden: Experten fordern die Einführung eines Mindestarbeitslosengeldes I dafür, dass bei Bezug des Arbeitslosengeldes I nach einer Vollerwerbstätigkeit im Regelfall die Abhängigkeit von aufstockenden Leistungen nach dem SGB II vermieden werden kann. Im Ergebnis muss eine Armuts- und Erwerbslosensicherung geschaffen werden, die den Leitbegriffen des „Sozialen Geleitschutzes“ und der „Aufstiegshilfe“ folgt und damit den Schutz menschenwürdiger Existenz genauso sichert wie gesellschaftliche Aufstiegschancen
eröffnet.


Anmerkungen

1) Beste, Jonas; Bethmann, Arne, Gundert, Stefanie: Materielle und soziale Lage der ALG II-Empfänger. IAB-Kurzbericht Nr. 24/2014, Nürnberg.

2) IAQ-Pressemitteilung vom 05.11.2014: Ohne Job arm. Risiko in Deutschland am höchsten, www.iaq.uni-due.de/aktuell/presse/2014/141105.php (Stand:14.02.2017)

3) Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.) (2005): Amtliche Nachrichten der Bundesagentur für Arbeit, 54. Jahrgang, Sondernummer, Nürnberg und Bundesagentur für Arbeit (Hrsg).) (2016): Amtliche Nachrichten der Bundesagentur für Arbeit, 64. Jahrgang, Nummer 10., Nürnberg.

4) Dörre, Klaus; Scherschel, Karin; Booth, Melanie; Haubner, Tina; Marquardsen, Kai; Schierhorn, Karen: „Bewährungsproben für die Unterschicht? Soziale Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik. Frankfurt am Main: Campus Verlag, 2013 S. 291.

5) Beste, Jonas; Bethmann, Arne u.a.; a.a.O.

6) Ebenda.

7) Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Hrsg.) (2013): Acht Jahre Grundsicherung. Nürnberg: Bertelsmann-Verlag, S. 68.

8) Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Hrsg.) a.a.O., S. 64.

9) Ebenda., S. 68.

10) Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.) (2016): Statistik der Grundsicherung für Arbeitsuchende nach dem SGB  II. Zeitreihe zu Sanktionen nach Ländern 2007 bis Juni 2016, Nürnberg.

11) Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Hrsg.): Acht Jahre Grundsicherung, Nürnberg: Bertelsmann-Verlag, 2013, S. 244.

12) Becker, Irene (2015): Der Einfluss verdeckter Armut auf das Grundsicherungsniveau. Arbeitspapier der Hans-Böckler-Stiftung 309. Düsseldorf.

13) Best, Heinrich; Niehoff, Steffen; Salheiser, Axel; Salomo, Katja: Politische Kultur im Freistaat Thüringen. Die Thüringer als Europäer. Ergebnisse des Thüringen Monitors. September 2014, Jena.

14) Klärner, Andreas; Knabe, Andre: Soziale Netzwerke als Ressource für den Umgang bei Langzeitarbeitslosigkeit, in: WSI Mitteilungen 5/2016, S. S. 353–363.

15) Beste, Jonas; Bethmann, Arne u.a.; a.a.O.

16) Ebenda.

17) Dörre 2013 a.a.O., S. 354.

18) Klärner, Andreas; Knabe, André, a.a.O.

19) Paul, Karsten; Zechmann, Andrea, Moser, Klaus: Psychische Folgen von Arbeitsplatzverlust und Arbeitslosigkeit, in: WSI Mitteilungen 5/2016, S. 373–379.

20) Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Hrsg.) (2016):  „Modellprojekte öffentlich geförderte Beschäftigung“ in NRW. Teilnehmerauswahl und professionelle Begleitung machen den Unterschied IAB-Kurzbericht 10/2016, Nürnberg und Fertig, Michael; Fuchs, Philipp; Hamann, Silke (2015): Wissenschaftliche Begleitung und Evaluation des Programms „Modellhafte Entwicklung eines sozialen Arbeitsmarktes ,Passiv-Aktiv-Tausch‘ (PAT)“, vorläufiger Endbericht, Köln und Stuttgart.

21) Robert Koch-Institut: Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und Gesundheit, GBE Kompakt 1/2012.

22) Hollederer, Alfons; Voigtländer, Sven: Gesundheit und Gesundheitsverhalten von Arbeitslosen, in: WSI Mitteilungen 5/2016, S. 381–385.

23) Ebenda.

24) Eggs, Johannes; Trappmann, Mark; Unger, Stefanie: ALG-II-Bezieher schätzen ihre Gesundheit schlechter ein. IAB-Kurzbericht 23/2014, Nürnberg.

25) Schubert, Michael; Parthier, Katrin; Kupka, Peter; Krüger, Ulrich; Holke, Jörg; Fuchs, Phillip: Menschen mit psychischen Störungen im SGB II. IAB Forschungsbericht 12/2013, Nürnberg.

26) Achatz Juliane; Trappmann, Mark: Arbeitsmarktvermittelte Abgänge aus der Grundsicherung. IAB Discussion Paper 2/2011, Nürnberg.

27) Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.) (2016): Jahresbericht 2015, Nürnberg.

28) Eigene Berechnung nach DRS 18/9467, S. 51.

29) Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.) (2016); Die Arbeits-marktsituation von langzeitarbeitslosen Menschen 2015, Nürnberg.

30) Quelle: IAB-KB 9/2013.

31) Immer weniger arbeitsmarktpolitische Förderung für Hartz-IV-Empfänger, www.o-ton-arbeitsmarkt.de/o-ton-news/immer-weniger-arbeitsmarktpolitische-foerderung-fuer-hartz-iv-empfaenger-2 (Stand: 10.11.2016)

32) Dörre 2013 a.a.O., S. 369.

33) Ein Begriff, den Dr. Peter Bartelheimer, SOFI Göttingen, geprägt hat.

34) Diakonisches Werk Hamburg: Respekt Fehlanzeige? Erfahrungen von Leistungsberechtigten mit Jobcentern in Hamburg. Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung, Hamburg 2012.

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