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Unser gemeinsames Menschsein wird brutal in Frage gestellt, wenn man die vielfältigen Teilungen in der Welt auf ein einziges, angeblich dominierendes Klassifikationsschema reduziert, sei es der Religion, der Gemeinschaft, der Kultur, der Nation oder der Zivilisation – ein Schema, dem in Sachen Krieg und Frieden jeweils einzigartige Wirkung zugeschrieben wird. Die Aufteilung der Welt nach einem einzigen Kriterium stiftet weit mehr Unfrieden als das Universum der pluralen und mannigfaltigen Kategorien, welche die Welt prägen, in der wir leben.
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Armutsbericht 2017

Ausgrenzung und Migrantisierung

von Sergio Andrés Cortés Núñez

Liebe und Verantwortung

3,3 Prozent der Weltbevölkerung befinden sich außerhalb ihrer Herkunftsländer. Diese Personen in Bewegung sind mehrheitlich jung (durchschnittlich 38 Jahre alt), kommen meistens aus Ländern mit einem mittleren Nettoeinkommen und bewegen sich eher in den Nachbarländern als in der Ferne.1 Dieser kurze Blick auf die Zahlen zeigt drei grundsätzliche Fakten: erstens, nicht annähernd so viele Menschen sind unterwegs, wie oft suggeriert wird. Zweitens, nicht nur die Ärmsten suchen ihr Glück im Ausland und drittens, nicht alle „Personen in Bewegung“2 sind unterwegs nach oder befinden sich in Europa oder den USA. Hier muss man allerdings bedenken, dass Statistiken entmenschlichen und außerdem nicht viel über die Motivation dieser Menschen, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen, aussagen.

Die Liebe zu den Familienmitgliedern und die Verantwortung dafür, dass die Familie bessere Chancen und eine bessere Zukunft hat, sind meistens die treibende Kraft für die Bewegung von Personen. Dauerhaft auszuwandern ist keine einfache Angelegenheit. Neben den hohen Kosten sowie dem großen zeitlichen Aufwand für bürokratische Vorgänge stellen die Tränen beim Abschied, die Sehnsucht nach den geliebten Menschen und Orten sowie das Ankommen und Einleben am Zielort große Herausforderungen dar. Sich von Null an ein neues Leben aufzubauen, ist für die betroffenen Personen eine Zerreißprobe: eine neue Sprache, neue Gesichter, neue Straßen, jede Menge geschriebene und ungeschriebene Regeln, das Wetter, das Essen usw., alles muss sich neu angeeignet werden. Gleichzeitig gibt es bewusst oder unbewusst kein Zurück mehr. Selbst wenn die Menschen zurückkehren würden, würden sie nicht dieselben sein, wie vorher. Sie würden immer alles und jeden zwischen den beiden Orten vergleichen und eine Sehnsucht nach der weiten Welt haben. Das alles ist noch drastischer, wenn sich die Menschen die Reise nicht selbst ausgesucht haben, sondern Krieg, Elend und Zerstörung sie zu der Bewegung gezwungen haben, manchmal womöglich ohne Abschied nehmen zu können.

Ankommen

So oder so werden diese Personen versuchen, früher oder später ihre Familien nachzuholen oder am Ankunftsort eine Familie gründen. Sie werden versuchen, dass spätestens die zweite Generation die sich selbst und der Familie versprochenen, besseren Chancen bekommt.

Bedauerlicherweise reichen Liebe für und Verantwortung gegenüber der Familie nicht aus, um dieses Versprechen einzuhalten. Es müssen bestimmte Voraussetzungen und Strukturen an den Ankunftsorten gegeben sein, um dies zu ermöglichen. Wenn eine Ankunftsgesellschaft sich hartnäckig weigert, den Menschen ankommen zu lassen, wird das Versprechen zur fortdauernden Enttäuschung und programmierten Überforderung für alle Beteiligten. Es ist eine Realität, dass in Deutschland aufgrund bestimmter Ausgrenzungsmechanismen in der Gesellschafft der soziale Aufstieg, verstanden als Teilhabe in allen gesellschaftlichen Ebenen, selbst den Kindern der Einreisenden verwehrt wird.        

Menschen, die seit mehreren Jahren (teilweise Jahrzehnten) in Deutschland leben und die deutsche Sprache nicht ausreichend für eine tiefergehende Unterhaltung beherrschen, die ihre vermeintlich fremden Traditionen und ihre Religion immer noch intensiv pflegen, wird nachgesagt, dass sie nicht „angekommen“ seien und dies auch gar nicht wollen würden.

Betrachten wir das Bild genauer: Diese Personen sind hier nicht vollends angekommen – sie sind hier, aber, wenn wir den Narrativen folgen, gleichzeitig auch  an einem anderen Ort. Weder dort noch hier zu sein, selbst in der zweiten, oft sogar in der dritten Generation. Wie ist das überhaupt möglich?

Die Soziologin Ceren Türkmen bringt den Sachverhalt auf den Punkt: „Auch wenn viele hier geboren sind und ihren Kiez schon lange mit aufgebaut haben, die konservative Migrationspolitik und unterschiedliche rassistische Diskurse haben sie bis heute nach wie vor mit aller Mühe „migrantisiert“.3 Unter Migrantisierung versteht man eine kulturalisierende Zuschreibung, die eine Gruppe von Personen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihrer Sprache als homogen bezeichnet.
Diese Zuschreibungen geben der betreffenden Gruppe meisten eine negative Konnotation4 (rückgewandt, emotional, faul, gewaltbereit, unterdrückt usw.), sie legitimieren ihre ungleiche Behandlung und sind Ausdruck von ungleichen Machtverhältnissen.

Die Migrantisierung gestaltet das „Ankommen“ in der Gesellschaft sehr schwierig. Es wird ein Narrativ geschaffen, bei dem ein „wir“ und ein „ihr“ klar getrennt sind. Es wird unterschieden zwischen einem „zugehörigen“ und einem „nicht-zugehörigen“ Bevölkerungsteil. Gleichzeitig wird eine Selbstmigrantisierung geschaffen, bei der sich die Menschen an vermeintlich kulturelle Idiosynkrasien als Abwehrmechanismus und Schutzraum festklammern.

Doug Saunders zeigt in seinem Buch „Arrival City“ (Ankunftsstadt), wie das Aberkennen der Staatsbürgerschaft im rechtlichen, aber auch im kulturellen Sinne eine Gruppe von Menschen marginalisiert und bewusst in eine heruntergekommene Gegend zwingt und dieser so die Ankunft verwehrt. Er beschreibt, wie einer Gruppe vergleichbarer Menschen in anderen Ländern das Ankommen einfacher gelingt, obwohl sie aus demselben (zugeschriebenen) Kulturkreis stammen.5

Wir reden also hier nicht von einem Konflikt zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die ihre jeweiligen vermeintlich kulturellen oder religiösen Hintergründe durchsetzen möchten, sondern von einer Struktur der Ausgrenzung auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass es nicht „erfolgreiche“ und „integrierte“ Menschen gibt, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern nicht in Deutschland geboren sind. Es gibt sie durchaus, sie werden sehr oft als gute Beispiele aufgeführt. Dass sie es geschafft haben, trotz ihres Hintergrundes, ist leider mitunter immer noch eine Nachricht wert.

Einbürgerung

Im Folgenden werden anhand der Beispiele Einbürgerung und Bildung diese Ausgrenzungsmechanismen genauer betrachtet. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2015 in Deutschland knapp 107.311 Menschen eingebürgert.6 Das sind über tausend Einbürgerungen weniger als im Jahr 2014 (108.422).7 Der Trend zu immer weniger Einbürgerungen setzt sich damit fort. Die Beziehung zwischen einer vereinfachten und wohlwollenden Einbürgerungspraxis und einer positiven Identifikation mit dem Land wird systematisch ausgeblendet. Lediglich 2,1 Prozent des Einbürgerungspotenzials8 wird ausgeschöpft.

Lange Voraufenthaltszeiten, langwierige Verfahrensdauern, zahlreiche gesetzliche Hürden, wie die Abgabe der bisherigen Staatsangehörigkeit9 und hohe Gebühren sind solche Barrieren, die die Menschen, die sich einbürgern lassen könnten, von einer Einbürgerung abhalten. Diese Einbürgerungspolitik ist auch der Grund dafür, dass Millionen von Menschen keinen Zugang zu den Wahlurnen haben. Personen aus Nicht-EU-Ländern haben nicht einmal das Recht, an den Kommunalwahlen teilzunehmen. Wenn diese Menschen durch eine verbesserte Einbürgerungspraxis Zugang zu vollen demokratischen Rechten hätten und somit ein Wählerpotenzial bilden würden, würden die rechtspopulistischen Parteien, Organisationen und Einzelpersonen sicherlich nicht so ein leichtes Spiel haben. Ganz im Gegenteil wurde jedoch die Vereinfachung der sogenannten Optionspflicht in Frage gestellt10 und es es ist zu befürchten, dass sie trotz der Widerstände einiger prominenter Politikerinnen und Politiker bei der nächsten Legislaturperiode rückgängig gemacht wird. 

Dabei wäre es sehr sinnvoll, die Einbürgerungspraxis zu vereinfachen. Dies hätte eine große Signalwirkung, es wäre ein Symbol dafür, dass Deutschland als Bürgergemeinschaft offen ist. Alles ist eine Frage der Haltung, wie die unterschiedlichen Einbürgerungszahlen in den jeweiligen Bundesländern deutlich machen. Im Jahr 2015 lag die Einbürgerungsquote in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern unter 1 Prozent. Die höchsten Einbürgerungsquoten hatten Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg, letzteres mit 2,3 Prozent, was sicherlich mit der Einbürgerungskampagne der Landesregierung11 zusammenhängt. Je nach Bundesland werden unbestimmte Rechtsbegriffe anders verwendet und Ermessensspielräume anders genutzt. Das hängt offensichtlich mit der politischen Haltung der jeweiligen Regierungen zusammen.  

Bildung

Nicht nur die Einbürgerungspraxis, sondern auch das Bildungssystem zeigen deutlich, welche Folgen die Ausgrenzung dieser Bevölkerungsgruppe hat.

Der „hohe Ausländeranteil“ an einer Schule gilt als Schlagwort, um eine Schule und ihre Schülerinnen und Schüler zu stigmatisieren. Begriffe wie „Brennpunkt“, „Schulversagen“, „Gewaltpotenzial“, „Überforderung“, „Sprachdefizite“ folgen in der Regel.

Sicher ist, dass die Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit einer (manchmal zugeschriebenen) Zuwanderungsgeschichte an deutschen Schulen benachteiligt ist. Diese jungen Menschen erreichen statistisch gesehen schlechtere Schulabschlüsse und brechen die Schule häufiger ab.

2015 verließen immer noch mehr als doppelt so viele Jugendliche ohne deutsche Staatsangehörigkeit die Schule ohne Hauptschulabschluss wie Deutsche (11,8% gegenüber 5%). Schülerinnen und Schüler mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit erlangen durchgehend niedrigere Abschlüsse als ihre gleichaltrigen deutschen Mitschülerinnen und Mitschüler. So hat zwar die Bedeutung des Hauptschulabschlusses bei beiden Gruppen abgenommen, 2000 waren es 40 Prozent bei den Ausländern und 23 Prozent bei den Deutschen, 2015 waren es 28 Prozent bzw. 15 Prozent. Aber noch immer beenden fast doppelt so viele Ausländerinnen und Ausländer wie Deutsche die Schullaufbahn mit einem Hauptschulabschluss. Des Weiteren haben im selben Jahr 35,9 Prozent aller deutschen Schülerinnen und Schüler die Schule mit allgemeiner Hochschulreife verlassen, demgegenüber jedoch nur 15 Prozent der ausländischen Schülerinnen und Schüler.12

Was auf den ersten Blick wie ein Versagen dieser Kinder und Jugendlichen bzw. deren Familien aussieht, ist in Wahrheit ein Versagen des deutschen Schulsystems. Im Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wird attestiert, dass die Kinder von Zugewanderten „unter Vorurteilen und sachlich ungerechtfertigten Zuschreibungen wie etwa einer niedrigeren Leistungsfähigkeit“ leiden.13 Die Migrantisierung der Kinder und Jugendlichen macht sie anfällig für diskriminierende Strukturen innerhalb des (Schul-)Systems.

Selbst das Übergangssystem in die berufliche Ausbildung scheitert häufig trotz des überall verkündeten Fachkräftemangels. Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) stellte im Rahmen einer Studie fest: „Für junge Erwachsene mit Migrationshintergrund kann sich der Übergang in die berufliche Ausbildung besonders schwierig gestalten (…) obwohl sich beide Gruppen in ihren Präferenzen hinsichtlich einer Ausbildung nicht unterscheiden. Zudem zeigen sich dabei deutliche Unterschiede hinsichtlich des Herkunftslandes“. Und weiter, „dies trifft insbesondere auf junge Männer zu. Jugendliche mit Migrationshintergrund kommen außerdem seltener in ihrem Wunschberuf unter“.14 Zum einen haben diese Jugendlichen sowieso schlechtere Abschlüsse aber zum anderem gilt auch: „bei gleichwertigen Voraussetzungen bleiben die Einmündungschancen für Jugendliche mit Migrationshintergrund geringer“.15 Diese Jugendlichen werden häufig aufgrund ihrer Namen bzw. ihres Aussehen als „unpünktlich“, „sprachdefizitär“, „demotiviert“ und „unangepasst“ abgestempelt. 

Neben den notwendigen strukturellen Gegenmaßnahmen zur Überwindung dieser Misere – wie zum Beispiel eine spätere Aufteilung der Kinder auf die verschiedenen Schulformen, eine Verbesserung der Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schularten, eine Ausweitung der kostenlosen Förderangebote oder eine Abschaffung des Kooperationsverbotes zwischen Bundesländern und Bund, die Investitionen des Bundes im Bildungsbereich ermöglichen würde – ist es notwendig, dass die Stigmatisierung und Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen innerhalb des (Aus-)Bildungssystems offen diskutiert wird, um Lösungsvorschläge unterbreiten zu können. Die Gesellschaft muss sich außerdem endlich mit dem Thema Rassismus und Diskriminierung auseinandersetzen. Auch hier gibt es immensen Nachholbedarf.

Armut als Ergebnis

In jedem Fall hat die schlechte Ausgangslage im Bildungssystem Auswirkungen auf die Stellung im Arbeitsmarkt und generell auf die Armutssituation der Menschen, wie die folgenden Zahlen darlegen. 

Einschlägige Statistiken bestätigen, dass Menschen, die im Ausland geboren sind, sowie auch ihre Kinder und Enkelkinder, es schwieriger haben, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen.

Die Diskriminierung und die Herrschaftsverhältnisse, die aus der Migrantisierung entstehen, haben konkrete Auswirkungen auf die gesellschaftliche Stellung und den Chancenhorizont sehr vieler Personen. Menschen, die nach Deutschland eingewandert sind, sind statistisch gesehen ärmer16 als die Gesamtbevölkerung. Auch bei den Gruppen mit besonderen Risikofaktoren, wie Alleinerziehende, Kinder und Alte, ist die Armutsgefährdung um einiges höher, als bei der Gruppe ohne Einwanderungsgeschichte.

Laut Mikrozensus lag die Armutsgefährdungsquote17 bei den zugewanderten Menschen und ihren Nachkommen  im Jahr 2015 bei 27,7 Prozent, während sie bei der restlichen Bevölkerung bei 12,5 Prozent lag. Diese Zahl wächst obendrein seit 2010 kontinuierlich. 

Bei den Kindern unter 6 Jahren liegt die Quote bei 31,1 Prozent gegenüber 13,7 Prozent  was eine Differenz von mehr als 17 Prozentpunkten bedeutet: jedes dritte Kind der Gruppe der Zugewanderten ist von Armut bedroht. Bei der Untergruppe mit eigener Mobilitätserfahrung19 betrifft es fast jedes zweite Kind (49,2%).

Auch bei den Menschen im Alter zwischen 35 und 45 Jahren weisen beide Gruppen einen Unterschied auf. Etwa 24,7 Prozent der Gruppe mit einer Zuwanderungsgeschichte gegenüber 9,4 Prozent bei den Menschen ohne. Diese Personen haben zumeist eine geringere (oder nicht anerkannte) Qualifikation im Vergleich zu der restlichen Bevölkerung und sind häufig in unsicheren Arbeitsverhältnissen beschäftigt oder in Wirtschaftssektoren mit einer hohen Fluktuation.

Bei den Menschen ab 65 Jahren ist die Lage nicht besser: 32 Prozent gegenüber 12 Prozent sind armutsgefährdet. Familien mit Kindern sind ebenso überdurchschnittlich arm mit 28 Prozent gegenüber 16 Prozent.

 Sündenböcke und Parias

Der erste Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung und zur Einbindung der Menschen in die gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse ist eine Entkulturalisierung der Integrationspolitik. Integrationspolitik soll Sozialpolitik sein und sich nicht nur auf die Vermittlung von Sprache und vermeintlich deutschen Werten konzentrieren (bei der gute nachbarschaftliche Beziehungen und menschliche Freundschaften als „Dialog der Kulturen“ umgedeutet werden), während auf der anderen Seite an allen Schrauben der sozialen Ausgrenzung gedreht wird. Beispiel hierfür sind der vollständige Ausschluss bestimmter Gruppen von Personen aus den Leistungen des SGB II und XII20, die Verschärfungen des Asylbewerberleistungsgesetzes, die Aussetzung der Familienzusammenführung für sogenannte subsidiär geschützte Menschen etc.

Hier spielt die Politik ein gefährliches Spiel. Zum einem werden gesetzliche Anpassungen und Erneuerungen versprochen, die die Einwanderung nach Deutschland neu regulieren sollen. Diese Anpassungen reglementieren aber im Kern nur den Zuzug von qualifizierten Arbeitskräften. Zum anderen werden Verschärfungen angekündigt, die den Zuzug von allen anderen Menschen eindämmen soll, insbesondere aus angeblichen fremden Kulturen.

Das Thema Einwanderung wird bei den Bundestagswahlen eine entscheidende Rolle spielen, wie schon beim Brexit-Referendum oder bei den Wahlen in den USA. Eine Gruppe von Menschen wird als Sündenbock für die Arbeitslosigkeit, die Kriminalität, den Wohnungsmangel und vieles mehr deklariert. Diese Gruppe kann sich sehr schwer dagegen wehren, da sie seit Jahrzehnten selbst ausgegrenzt wird, die meisten Personen der Gruppe die Staatsangehörigkeit nicht besitzen und daher kein ernsthaftes Wählerpotential bilden. Der Fokus auf diese Gruppe droht alle anderen Politikbereiche verblassen zu lassen. Es geht nicht mehr um Renten, Sozialwohnungsbau, Finanzierung der Kommunen, Kinderarmut, Umweltschutz, Umverteilung von Reichtum, Bankenregulierung oder Bildungspolitik, sondern um diffuse Sorgen, um eine vermeintlich deutsche (Leit-)Kultur und um einen konstruierten Kampf der Kulturen und Religionen. Am Ende dient dieser Diskurs nur den radikalen Gruppierungen aus allen Ecken, wie die Ergebnisse einiger Landtagswahlen und der Zuspruch zu radikalen Tendenzen von Jugendlichen aus rechten und islamistischen Szenen zeigen.   

Zusätzlich zu der Auseinandersetzung mit der Jahrzehnte dauernden Ausgrenzung dieser Menschen, die über alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens geführt werden muss, gibt es eine weitere Aufgabe für Politik und Gesellschaft: Die wachsende Schicht der Parias, die in vielen Branchen als billige, entrechtete Wanderarbeitskräfte arbeiten. Ihre einzige Aufgabe ist es, den Profithunger einiger Firmen zu stillen. Um diese Menschen muss sich dringend auch die Politik kümmern. Sie sollten dabei unterstützt werden, ihre Lebenspläne umzusetzen und sie müssen vor Ausbeutung geschützt werden, damit sie ihre Familien aus Liebe und Verantwortung zu sich bringen dürfen. Am Ende wird die gesamte Gesellschaft davon profitieren.


Anmerkungen

1) Siehe: World Migration Report 2015 der International Organization for Migration unter: www.iom.int/world-migration-report-2015

2) Aus dem englischen „people on the move“. Ich vermeide bewusst die Worte Migrant, Migrationshintergrund, Migration usw. da sie politisch sehr aufgeladen sind und sehr oft als diskriminierend gelten. 

3) Siehe: Gespräch mit Ceren Türkmen über Migration, Arbeit und das Recht auf Stadt unter: www.labournet.de/wp-content/uploads/2014/05/nowak_buch.pdf. S.1.

4) Grada Kilomba zeigt die dichotomische Perspektive der Migrantisierung:  „You have a very subjective perspective”; „very personal”; „very emotional”;  „very specific”;  „Are these objective facts?” Such comments function like a mask that silences our voices as soon as we speak. They place the discourses back at the margins, as deviating knowledge, while white discourses remain at the centre, as the norm. When they speak, it is scientific; when we speak, it is unscientific; universal / specific; objective / subjective; neutral / personal; rational / emotional; impartial / partial; they have facts, we have opinions; they have knowledge, we have experiences. These are not simple semantic categorizations; they possess a dimension of power that maintains hierarchical positions (…)” Kilomba, Grada (2008): Plantation memories. Episodes of Everyday Racism Mu?nster: Unrast. S. 28.

5) Saunders Doug (2012) Arrival City: How the Largest Migration in History Is Reshaping Our World, Vintage; N.Y.C. S. 241–253.

6) Statistische Angaben zur Einbürgerung in Deutschland in: Bevölkerung und Erwerbstätigkeit Einbürgerungen Fachserie 1 Reihe 2.1, 2015, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, unter: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Einbuergerungen

7) Bevölkerung und Erwerbstätigkeit Einbürgerungen Fachserie 1 Reihe 2.1, 2015, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, unter:
https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/AlteAusgaben/EinbuergerungenAlt.html

8) Das ausgeschöpfte Einbürgerungspotential bezieht die Zahl der Einbürgerungen (ohne Einbürgerungen im Ausland) auf die Zahl der Ausländerinnen und Ausländer im Inland, die sich seit mindestens zehn Jahren in Deutschland aufhalten.

9) Die Hinnahme der Mehrstaatigkeit ist laut Gesetz nur eine Ausnahme, in der Realität wurden jedoch in 2015 56 Prozent der Einbürgerungen unter Hinnahme der Mehrstaatigkeit durchgeführt. Hier geht eine anachronistische Einbürgerungspolitik an der Realität vorbei. 

10) Die Debatte um die Optionspflicht unter: www.zeit.de/politik/deutschland/2016-12/doppelte-staatsbuergerschaft-wolfgang-schaeuble-doppelpass

11) Siehe: einbuergerung.hamburg.de

12) Alle statistischen Angaben nach: Statistisches Bundesamt, Fachserie 11 Reihe 1 – Schuljahr 2015/16, https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/BildungForschungKultur/Schulen/AllgemeinbildendeSchulen.html (zuletzt aufgerufen am: 22.12.2016).

13) Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2013) Diskriminierung im Bildungsbereich und im Arbeitsleben – Zweiter Gemeinsamer Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und der in ihrem Zuständigkeitsbereich betroffenen Beauftragten der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages, Berlin, S. 15.

14) Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2015) Aktuelle Entwicklungen der sozialen Mobilität und der Dynamik von Armutsrisiken in Deutschland- Follow Up-Studie zur Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung, Berlin, S. 62.

15) Ebenda  S. 63.

16) Zur Definition des Armutsbegriffs, siehe Methodenteil in diesem Bericht, S. 6.  

17) Alle statistischen Angaben in diesem Abschnitt aus: Fachserie 1 Reihe 2.2, Statistisches Bundesamt Bevölkerung und Erwerbstätigkeit: Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus – 2014, 2015; https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund.html (zuletzt aufgerufen am: 05.01.2017).

18) Diese werden unter der Kategorie „Menschen mit Migrationshintergrund“ erfasst. Darunter sind die Personen, die a) selbst nach 1949 in die BRD zugewandert sind; b) Menschen, die zwar in Deutschland geboren sind, aber eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzen; c) deutsche Staatsangehörige mit mindestens einem zugewanderten oder; d) als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil. Das heißt, der Migrationshintergrund erstreckt sich nach dieser Definition des Statistischen Bundesamtes in einigen Fällen bis in die dritte Einwanderergeneration und ist von der Staatsangehörigkeit der betreffenden Personen nicht direkt abhängig. Seit 2005 wird im Rahmen des sogenannten Mikrozen-sus  die Lebenssituation der Menschen mit Migrationshintergrund abgefragt und erfasst. Neben der Definition des Statistischen Bundesamtes gibt es eine Reihe anderer Definitionen, zum Beispiel in den Schulstatistiken einiger Bundesländer, die den Fokus auf die Verkehrssprache in der Familie legen. In allen Fällen aber wird nicht nur zwischen „Ausländer“ und „Deutscher“ unterschieden, sondern es wird eine Kategorie gebildet, die sich auf die persönliche und familiäre Geschichte der betreffenden Personen richtet.

19) Der Begriff Mobilität wird an der Stelle verwendet um die Bewegung von A nach B zu beschreiben. Migration ist eine Form von Mobilität impliziert aber auch, dass etwas von „Außen“ angekommen ist, während der Begriff Mobilität nur die Bewegung beschreibt. Zur Auseinandersetzung mit dem Konzept Mobilität siehe: Bokow, Wolf-D (2016) in Migration und Soziale Arbeit,  Ausgabe 01, Jahr 2016, S.4–13.  

20) Siehe Stellungnahme des Paritätischen zum Entwurf eines „Gesetzes zur Regelung von Ansprüchen ausländischer Personen in der Grundsicherung für Arbeitsuchende nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch und in der Sozialhilfe nach dem Zwölften Buch Sozialgesetzbuch“ unter: infothek.paritaet.org/pid/fachinfos.nsf/0/9ad16a223e38bceec1258079005a80ac/$FILE/Stelln%20Anhoerung%20Sozialleistungen%20EU-Buerger%2028_11_2016.pdf (zuletzt aufgerufen am: 05.01.2017).

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