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Umschlag des Armutsberichtes 2012 mit Link zum PDF-Download.

Im Mai 2009 legte der Paritätische Wohlfahrtsverband zum ersten Mal einen Armutsatlas für Regionen in Deutschland vor. Deutlich wurde vor allem, dass Deutschland nicht nur sozial, sondern auch regional ein tief zerrissenes Land ist.
Da wir bei dieser ersten regionalen Betrachtung lediglich auf drei Erhebungswellen – nämlich 2005 bis 2007 – zurückgreifen konnten, war es nicht möglich, Entwicklungen nachzuzeichnen oder gar zu analysieren. Dies gelang erstmalig mit dem Paritätischen Armutsbericht 2011. Durch die Zusammenführung der Erkenntnisse des Armutsatlas einerseits und den seitdem regelmäßig veröffentlichen regionalen Armutsquoten der statistischen Ämter des Bundes und der Länder andererseits konnten erstmalig – mit aller gebotenen Vorsicht – Trends analysiert werden, da regionale Daten nunmehr von 2005 bis 2010 vorlagen.

Positive Trends gestoppt, negative beschleunigt.

In dem hier vorliegenden Dateidownload startenArmutsbericht 2012 kann der Analysezeitraum um das Jahr 2011 ergänzt werden. Erstmalig werden in diesem Bericht darüber hinaus eigene Armutsquoten für das Ruhrgebiet ermittelt.
In jüngerer Zeit wurde eine Reihe zum Teil sehr unterschiedlicher Armutsquoten, auf unterschiedlichen Statistiken beruhend, der Öffentlichkeit präsentiert; so vom Statistischen Bundesamt am 17. Oktober, aber auch vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung am 25. Oktober. Es scheint daher geboten, ein kurzes Wort zur Datengrundlage und zur Methodik zu verlieren, auf der dieser Armutsbericht aufsetzt.
Die amtlichen Armutsquoten, mit denen in dieser
Bilanz gearbeitet wird, beruhen auf dem so genannten Mikrozensus, eine groß angelegte jährliche Befragung von Haushalten in Deutschland, die als die valideste Datenquelle angesehen werden kann, wenn es um die Ermittlung von Armutsquoten in Deutschland geht, und die als einzige in der Lage ist, die Quoten relativ zeitnah zu bieten. Es ist die einzige Datenquelle, die uns derzeit Armutsquoten für das Jahr 2011 liefert.
Der Mikrozensus („kleine Volkszählung“) ist die größte Haushaltsbefragung der amtlichen Statistik. Nach einer Zufallsstichprobe werden etwa 1 Prozent
aller Haushalte in Deutschland befragt. Dies sind ca. 390.000 Haushalte mit etwa 830.000 Personen. Die Teilnahme am Mikrozensus ist gesetzlich verpflichtend. Für die wesentlichen Fragen, so auch über das Nettoeinkommen des Haushaltes, besteht ausdrückliche Auskunftspflicht. Durch die hohe Haushalts- und Personenzahl sind zudem relativ tiefe regionale Analysen möglich, ohne dass die statistischen Unsicherheiten zu groß werden.  Der Mikrozensus ist damit nicht nur aktueller, sondern im Grunde auch zuverlässiger als andere Datenquellen wie EU-SILC oder SOEP.
Bei der Berechnung der „relativen Armutsquoten“ werden, wie mittlerweile in der EU üblich, Personen in Haushalten gezählt, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen bedarfsgewichteten Einkommens (Median) in Deutschland beträgt. Es wird in diesen Fällen von Armutsnähe oder Armutsgefährdung gesprochen. Theoretisch zeigt die Armutsgefährdungsquote damit erst einmal vor allem Einkommensspreizungen in einer Gesellschaft an. Ob tatsächlich von Einkommensarmut gesprochen werden sollte, hängt in der Tat unter anderem von den konkreten Schwellenwerten ab.
2011 lag die so errechnete, quasi-amtliche Armutsgefährdungsschwelle für einen Singlehaushalt bei 848 Euro. Für Familien mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag sie bei 1781 Euro. Die 60-Prozent-Grenze liegt damit für den Alleinlebenden noch relativ deutlich über der durchschnittlichen Hartz-IV-Bedarfsschwelle von 690 Euro, die je nach Region – wie zuletzt das Arbeitsministerium selbst am Beispiel Wiesbaden deutlich machte –, auch bis 830 Euro reichen kann. Bei der angesprochenen Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren betrug die Differenz im Durchschnitt sogar nur noch 90 Euro.
Angesichts der Tatsache, dass die Hartz-IV-Regelsätze in 2011 keinesfalls bedarfsdeckend, sondern haushaltspolitisch motiviert um rund 30 Prozent zu niedrig bemessen waren, stellt daher die 60-Prozent-Armutsgefährdungsgrenze eine in ihrer Höhe plausible Kennziffer zur Bestimmung von Einkommensarmut dar.  
In diesem Bericht haben wir die Einkommensarmutsquoten zu ihrer besseren Einordnung mit den zugehörigen SGB-II-Quoten in den einzelnen Regionen unterlegt.
Immer wieder neu wird bei der Veröffentlichung solcher Quoten die Frage gestellt, ob es überhaupt sinnvoll sei, eine einheitliche Armutsschwelle für die gesamte Bundesrepublik als Meßlatte der Entwicklung anzusetzen. Dürfen Einkommensverhältnisse in Mecklenburg-Vorpommern mit denen in Hamburg oder München verglichen werden? Darf man das Ruhrgebiet mit Stuttgart „über einen Kamm scheren“?
Diese Frage ist weniger eine wissenschaftlich-methodische als vielmehr eine politische. Unter methodischen Gesichtspunkten würde die sehr kleinräumige Berechnung regionaler Armutsschwellen dazu führen, dass die Armut schlicht „verschwinden“ würde. Wo keiner etwas besitzt, gibt es auch keine Einkommensungleichheit und damit keine relative Armut. Wo allgemeine und alle umfassende Unterversorgung ohnehin Standard ist, können keine relativen Armutsquoten berechnet werden. Auch diese Tatsache macht die politische Brisanz dieser Frage deutlich. Wer in einer Stadt wie z.  B. Berlin darauf bestehen würde, unterschiedliche regionale Armutsschwellen für den Villenstadtteil Grunewald einerseits und Neukölln andererseits anzulegen, wird nicht mehr in der Lage sein, soziale Schieflagen, Einkommensungleichheiten und Armut und Ausgrenzung zwischen diesen beiden Stadtteilen abzubilden.
Wer dagegen im Sinne der in Artikel 72 des Grundgesetzes geforderten Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse Deutschland als Gemeinwesen und nationale soziale Zerrissenheit als politisches Problem begreift, wird nicht umhin kommen, eine bundesweite Armutsschwelle zu definieren, an der sich die regionalen Verhältnisse zu messen haben.