Besonders von Armut betroffene Gruppen

Zur Soziodemografie der Armut

Lag die Armutsquote der Gesamtbevölkerung 2018 in Deutschland bei 15,5 Prozent, so stellt sich die Frage, welche soziodemografischen Gruppen besonders, d.h. überproportional von Armut betroffen sind, welche Gruppen also ein erhöhtes Armutsrisiko tragen. Es sind – wenig überraschend – die gleichen Gruppen wie auch in den Vorjahren: Es sind Kinder und junge Erwachsene unter 25 Jahren, Frauen, Ein-Personen-Haushalte, Alleinerziehende, Paar-Haushalte mit drei oder mehr Kindern, Erwerbslose, Rentner*innen, Personen mit niedrigem Qualifikationsniveau sowie Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit und Personen mit Migrationshintergrund.

Der leichte Rückgang der generellen Armutsquote von 0,3 Prozentpunkten in 2018 fand auch bei den meisten der besonderen Risikogruppen seinen Niederschlag. Ausgenommen sind davon jedoch kinderreiche Familien mit drei oder mehr Kindern, deren Armutsquote von 29,1 auf 30 Prozent weiter deutlich anstieg sowie mit leichten Anstiegen die Erwerbslosen (plus 0,2 Prozentpunkte) und die Rentner*innen (plus 0,1 Prozentpunkt). Der Zehnjahresvergleich (2008 mit 2018) zeigt, dass sich die soziodemografische Risikostruktur der Armut nicht nur verfestigt, sondern auch zunehmend schärfer konturiert hat. Mit anderen Worten: Bei den schon vor zehn Jahren deutlich überproportional von Armut betroffenen Gruppen ist die Armut in den Folgejahren auch noch einmal deutlich stärker angestiegen als beim Rest der Bevölkerung.

Hat die generelle Armutsquote in Deutschland in diesem Zeitraum um 7,6 Prozent zugenommen, so waren es bei den Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit 10,1 Prozent Zuwachs und bei den niedrig Qualifizierten sogar 25,3 Prozent. Komplexer ist das Bild bei der Armutsentwicklung von Haushalten mit Kindern. Bei den Paar-Haushalten mit einem Kind sank die Armutsquote im Zehnjahresvergleich erfreulicherweise um 12,5 Prozent, während sie bei den Paarhaushalten mit drei oder mehr Kindern jedoch um 22,4 Prozent anstieg. Bei den Paar-Haushalten mit zwei Kindern (1,9 Prozent Zuwachs) sowie den Alleinerziehenden (4,5 Prozent Zuwachs) stieg die Armutsquote ebenfalls, allerdings deutlich unterproportional im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung. Erwähnt werden müssen im Zehnjahresvergleich die Rentner*innen. Mit einem Anstieg der Armutsquote um 33,1 Prozent in den letzten zehn Jahren ist dies die Gruppe mit der schlechtesten Entwicklung. Wiesen Rentner*innen über lange Jahre nur unterproportionale Armutsquoten auf, so hat sich dies seit 2014 geändert. Rentner*innen gehören seitdem zu den Gruppen mit erhöhtem Armutsrisiko – bei zunehmender Tendenz.

Zur Sozialstruktur der Armut

Um ein vollständiges statistisches Bild von der Gruppe der Armen zu erhalten, ist es notwendig, nicht nur der Frage nachzugehen, unter welchen Bevölkerungsgruppen die Armutsrisiken am höchsten sind, sondern ebenfalls die Frage zu stellen, wie sich die Gruppe der rechnerisch 12,8 Millionen armen Menschen in Deutschland zusammensetzt: Wie viele von ihnen sind alt oder jung, erwerbstätig oder arbeitslos, leben allein oder in Familien? Wenn 57 Prozent der Erwerbslosen oder 42 Prozent der Alleinerziehenden arm sind, heißt das ja keinesfalls, dass 57 Prozent der Armen erwerbslos oder 42 Prozent von ihnen alleinerziehend sind.

Erwachsene Arme nach Erwerbsstatus 2018 (in %)Aber zu genau solchen falschen Typisierungen führt die durchaus richtige Berichterstattung über besondere Risikogruppen der Armut gelegentlich: Bei armen Menschen, heißt es dann, handele es sich vor allem um Alleinerziehende, Erwerbslose, Migrant*innen und Menschen mit schlechter oder ohne Ausbildung. Dem ist jedoch ganz und gar nicht so. Nur 8 Prozent der erwachsenen Armen sind tatsächlich erwerbslos, 29 Prozent sind dagegen Rentner*innen und Pensionär*innen und 32 Prozent sind erwerbstätig – überwiegend sozialversicherungspflichtig, wie der Paritätische Armutsbericht 2018 auf Grundlage des SOEP belegen konnte. 62 Prozent der über 25-jährigen Armen verfügen über ein mittleres und sogar hohes Qualifikationsniveau. Armut in Deutschland ist auch nicht hauptsächlich ein Problem von Migrant*innen: Die Mehrzahl der Armen (54,9 Prozent) haben keinen Migrationshintergrund, 72,6 Prozent besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. Auch das Bild der Dominanz von Alleinerziehenden unter den Armen-Haushalten mit Kindern relativiert sich in dieser Betrachtungsweise ganz erheblich: So beträgt das Armutsrisiko in Alleinerziehenden-Haushalten zwar fast 42 Prozent, doch leben lediglich 23 Prozent aller Personen, die in Haushalten mit Kindern leben, in Alleinerziehenden-Haushalten.

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