Deutsch-Französische Freundschaft: Voneinander lernen - Familien- und Jugendpolitik in Frankreich

Mitte November reisten Referent*innen Paritätischer Landesverbände und Vertreter*innen Paritätischer Mitgliedsorganisationen zu einer viertägigen Studienreise nach Paris. Inhalte und zugleich Themen des Seminars waren die Familien- und Jugendpolitik Frankreichs. Anliegen der Teilnehmer*innen war es, einen vertieften Einblick in diese Felder erhalten, um neue Impulse für die eigene Organisationsentwicklung und politische Lobbyarbeit in Deutschland zu bekommen. Konkrete inhaltliche Schwerpunkte waren: Familienhilfe, Kinderbetreuung, Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, aktuelle Fragestellungen der französischen Familienpolitik unter Präsident Macron sowie psychosoziale Unterstützungsangebote für Kinder, Eltern und Familien.

Im Mittelpunkt stand der Mensch mit seinen Rechten - denn die menschenrechtlichen Erfordernisse für die soziale Arbeit sind universell. Die menschenrechtlichen Anforderungen an Wohlfahrtsorganisationen in Deutschland und Frankreich sind mithin dieselben. Dennoch werden die Systeme in beiden Ländern diesem Erfordernis in unterschiedlicher Weise gerecht.  Spitzenverbände der Wohlfahrtspflege gibt es in Frankreich nach deutschem Verständnis nicht.   

Hier ein erster Eindruck und ein kurzer Abriss der besuchten Organisationen.

Zu der Studienreise wird ein ausführlicher Bericht im Verbandsmagazin 2/2019 erfolgen. Zudem ist eine kleine Handreichung zu den Inhalten in Arbeit.

Ligue de l'Enseignement

Die Ligue de l’Enseignement unterstützt Kinder und Jugendliche, Sozialpädagog*innen, Familien und Ausbilder*innen auf dem Sektor der außerschulischen Bildung. Die Organisation bringt in über 103 Departementsverbänden fast 30.000 lokale Verbände zusammen, die in 24.000 Gemeinden vertreten sind und 1,6 Millionen Menschen erreichen. Die Ligue de l’Enseignement macht sich zur Aufgabe, das Menschenrecht auf Bildung für alle durchzusetzen und arbeitet ebenfalls zu Themen wie Diversität, Partizipation und Unterstützungssysteme für Familien.

Hauptaufgabe ist die Förderung eines gleichberechtigten Zugangs zu Kultur, Bildung und Freizeitaktivitäten mit verschiedenen Angeboten: Freiwilligendienste, ehrenamtlich Arbeit, gesellschaftliches Engagement ("Aktive Bürgerschaft"), Krippen, Zugang zu „Ferien für alle“, Nachhaltigkeit (Ökologie), Kultur, Jugend und Sport. Viele Ehrenamtliche engagieren sich in dem Verband und tragen die Arbeit entscheidend mit. So absolvierten 2017 5850 Jugendliche im Alter von 16 bis 25 Jahre einen Freiwilligendienst (service civique).

Da es in Frankreich außerhalb des Lehrerstudiums keinen formalen Bildungsgang für pädagogische Berufe gibt, hat die Qualifizierung von Mitarbeiter*innen, besonders auch für den eigenen Bedarf, einen hohen Stellenwert. Neue Mitarbeiter*innen werden nicht selten über Honorartätigkeiten, Freiwilligendienste oder ehrenamtliche Arbeit gewonnen. Sie haben dann die Möglichkeit, sich intern über verschiedene Qualifizierungsstufen weiterzubilden, um für sich eine nachhaltige berufliche Perspektive im pädagogischen Bereich zu entwickeln.
 
Francas
Die Francas sind ein Nationalverband von „Centres de loisirs“ (Freizeitzentren) und eine Bewegung der „éducation populaire“ (außerschulische formelle Bildung), parallel zur öffentlichen Bildung. Sie sind eine gemeinnützige Organisation, die u.a. von den französischen Ministerien für Bildung, Jugend und Sport finanziert werden. Der Verband setzt sich für (Werte)-Bildung sowie für eine soziale und kulturelle Förderung von Kindern und Jugendlichen ein. Schwerpunkte der Arbeit sind Bildungsprojekte und Freizeitaktivitäten für Kinder und Jugendliche, vor allem auf lokaler Ebene. Diese Aktivitäten finden ergänzend zu Schule und Ausbildung statt.

Im Nationalverband, mit Sitz in Paris, sind 81 nationale Verbände auf Département-Ebene mit 15.000 Mitgliedern zusammengeschlossen. Es existieren 5000 Freizeitzentren und 50.000 Ehrenamtliche betreuen pro Jahr ca. 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche. Jährlich werden 4.600 hauptamtliche Mitarbeiter*innen und 11.000 freiwillige Jugendbetreuer*innen fortgebildet.

Um die vielfältigen Aufgaben bewältigen zu können, sind die Francas seit 1973 zur Ausbildung von Bafa (Brevet d'Aptitude aux Functions de Animateur) und Bafd (Brevet d'Aptitude aux Functions de Directeur) berechtigt. Diese Schulungen vermitteln praktische und theoretische Kenntnisse zur Animation von Kindern und Jugendlichen sowie pädagogisches Wissen auf der Wertebasis der Francas. Zudem arbeiten sie landesweit mit einer hohen Zahl von Freiwilligen zusammen. Diese müssen akquiriert, eine pädagogische Grundausbildung erhalten und von hauptberuflichen Mitarbeitern begleitet werden. Jugendliche haben die Chance zum hauptamtlichen Animateur ausgebildet zu werden. Sie kommen i.d.R. über zwei Zugangswege: ca. 70 % über die nationale Ebene und ca. 30 % über Vereine.

Des Weiteren finden Schulungen für Akteure im Bildungsbereich statt, beispielsweise Abgeordnete, Gemeinderät*innen, Lehrer*innen etc. Es werden für Jugendliche, die aus dem formalen Bildungssystem fallen, Praktikumsplätze geschaffen, die den Einstieg in das Berufsleben ermöglichen. Neben den Netzwerken auf lokaler Ebene, die mehr als 4000 Gebietskörperschaften bei Bildungsprojekten unterstützen, gibt es vielfältige Vernetzungen mit Partner*innen aus dem Ausland, beispielsweise mit der Technischen Universität in Berlin, der Bundesvereinigung kulturelle Kinder und Jugendbildung e.V. , mehrere Städtepartnerschaften etc. Durch diese internationalen Kooperationen soll verstärkt interkulturelles Lernen ermöglicht werden. Zu den beispielhaften Programmen, die durchgeführt wurden, zählt das von 2014 bis 2018 durchgeführte Projekt mit dem Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge. Für 2019 ist ein europäisches Projekt zu Kinderrechten geplant.

Die Francas arbeiten politisch, indem sie beispielsweise die Internationale Konvention über die Rechte des Kindes sowie Partizipation zum Referenzrahmen für alle Pädagog*innen machen möchten. Sie machen auf gesellschaftliche Missstände, wie Gewalt und mangelnde Elternbildung, aufmerksam und entwickeln Gegenstrategien. Die nationale Fédération der Francas kooperiert mit 77 Nichtregierungsorganisationen in 45 Ländern.

Deutsch-Französisches Jugendwerk
Seit über 50 Jahren ermöglicht das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Deutschland und Frankreich die Teilnahme an Austauschmaßnahmen, Fortbildungen und internationalen Projekten. Das DFJW vertraut Drittorganisationen Mittel an, damit sie diese in Übereinstimmung mit seinen Zielvorgaben für Programme und Partnerschaften nutzen. Es ist Impulsgeber und arbeitet in Netzwerken, schafft Synergien zwischen Strukturen und Personen, entwickelt pädagogische, interkulturelle und sprachliche Methoden sowie Materialien, die innovativ sind und die Nachhaltigkeit seiner Aktionen gewährleisten. Das DFJW hat großes Interesse an einer engeren Zusammenarbeit mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und seinen Mitgliedsorganisationen. In Paris wollte das DFJW insbesondere den Mitgliedern des Arbeitskreises Familie sein Netzwerk und seine Partner im Bereich Familienhilfe, Frühe Hilfen und Jugendhilfe vorstellen und den Multiplikator*innen vor Ort auch das umfassende Angebot zum Fachkräfte- und Jugendaustausch im Bereich der Sozialen Arbeit vorstellen. Für die deutschen Teilnehmer*innen äußerst wertvoll waren insbesondere die Informationen von Sandra Schmidt vom Deutsch-Französischen Jugendwerk zum deutsch-französischen Freiwilligendienst. Dass das DFJW für Freiwilligendienste einen Rahmen und Beratungsangebote bietet und insbesondere auch sozial benachteiligten jungen Menschen den Zugang erleichtern möchte, wurde von allen Teilnehmer*innen sehr positiv bewertet. Nähere Informationen zu den Angeboten des DFJW unter: www.dfjw.org

Mission Locale in Bords de Marne
Die Mission Locale in Bords der Marne ist eine von vielen hundert Beratungsstellen für arbeitslose junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren in ganz Frankreich: Sie liegt im Banlieue von Paris und bietet eine umfassende ganzheitliche Beratung, die nicht nur auf die Vermittlung in den Arbeitsmarkt abzielt. Vielmehr geht es darum, die gesamte Lebenssituation der Jugendlichen zu analysieren und zu begleiten. Gearbeitet wird mit festen Berater*innen – so lange bis die wirtschaftliche Autonomie der jungen Menschen gesichert ist. Vor Ort soll diskutiert werden, inwiefern diese Art der Unterstützungsleistung zielführend ist. Beim Besuch in diesem typisch Pariser Banlieue ging es darum, das umfassende Hilfenetzwerk vor Ort kennenzulernen und die Unterschiede zu unserem bestehenden deutschen System wahrzunehmen. Wie unterscheidet sich Soziale Arbeit in den Brennpunktbezirken? – dies war nur eine der Fragen, die vor Ort diskutiert wurde.

Die deutschen Teilnehmer*innen diskutierten mit den französischen Partnern Unterschiede und Gemeinsamkeiten und entdeckten Potenzial für den weiteren fachlichen Austausch. Es entstanden bereits erste bilaterale Kontakte zwischen Paritätischen Organisationen und Landeverbänden und den französischen Partnern zwecks einer weiteren inhaltlichen Zusammenarbeit.  
 
Die Maßnahme wurde vom Deutsch-Französischen Jugendwerk gefördert. Außerdem fand auch ein Besuch in der Assemblée Nationale in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung statt.

Ansprechpartnerin:
Katrin Frank
Referentin Familienhilfe/ -politik, Frauen und Frühe Hilfen
Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-Mailfaf(at)paritaet.org


Unsere nächste Veranstaltung

21.05.2019 10:30
Auf dem Fachtag wird die aktuelle Situation der in den Einrichtungen lebenden Kindern und Jugendlichen insbesondere mit Blick auf deren Zugänge zur Schulbildung verdeutlicht. Mit Schaffung der so genannten AnkER, Transit-, Aufnahme- oder Landeseinrichtungen scheint das grundsätzliche Recht und die Pflicht zur Schule zu gehen nicht mehr zu gelten. Nachweislich über Monate spielt sich das Leben vieler der dort untergebrachten geflüchteten Kinder und Jugendlichen fast ausschließlich in den Grenzen der Einrichtungen ab. Einen Zugang zur Regelschule gibt es für die Dauer des Aufenthaltes nicht. Bildungs- und Betreuungsangebote in den Einrichtungen unterliegen höchst eigenen Maßstäben und Realitäten, die an ein Äquivalent zur Regelschule nicht heranreichen. Das vom Paritätischen Gesamtverband in Auftrag gegebene Rechtsgutachten zum Recht auf Bildung und Zugang zur Regelschule für geflüchtete Kinder und Jugendliche in Aufnahmeeinrichtungen verdeutlicht, wie das international als auch europäisch und verfassungsrechtlich verbuchte „Recht auf Bildung“ eng mit dem Recht und der Pflicht des Zugangs zu einer Regelschule verbunden ist und wie hoch die Rechtfertigungsanforderungen bezüglich eines Eingriffes in dieses Recht sind. Gleichzeitig sollen Argumentationsmöglichkeiten vermittelt und Handlungsoptionen zur Einforderung des Zuganges zur Regelschule für die Kinder und Jugendlichen in den Einrichtungen dargestellt werden.
  Ort: Centre Monbijou

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