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Projekt

Partizipation und Demokratiebildung in der Kindertagesbetreuung

Verschiedene Spielzeuge wie Holzbuchstaben und Knete stehen auf dem Tisch einer Kita zur Auswahl
Gautam Arora/Unsplash
Die meisten Kinder in Deutschland besuchen vor dem Schuleintritt eine Kita oder eine Tagespflegestelle. Sie erleben zum ersten Mal eine Gemeinschaft mit Menschen außerhalb ihres vertrauten familiären Umfelds und die Möglichkeit, im Miteinander weitere wichtige Erfahrungen zu sammeln. Im Kita-Alltag erleben sie Vielfalt und erfahren Demokratie. Hier setzt die Demokratiebildung in der Kindertagesbetreuung an. Interessierte und Fachkräfte der Kindertagesbetreuung finden auf diesen Seiten Videos, Dokumentationen, praktische Arbeitshilfen u.v.m. zu den Themen Partizipation, Kinderrechte, Vielfalt, Beschwerdemöglichkeiten für Kinder, Demokratiebildung in der Kita etc.

Beteiligung & Beschwerde als Kinderrechte

Kinder haben das Recht, sich beschweren oder Kritik üben zu dürfen. Sabine Radtke geht auf die rechtlichen Regelungen im Kinder- und Jugendhilfegesetz (§45 SGB VIII) ein.

Rechtliches

Das Recht auf Leben, das Recht auf Gesundheit, das Recht auf Bildung – Kinderrechte, die heute in vielen Staaten für selbstverständlich gelten, sind in anderen noch Wunschträume. Damit die Rechte der Kinder überall auf der Welt respektiert werden, hat die internationale Staatengemeinschaft ein Übereinkommen über die Rechte des Kindes verabschiedet: die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN). Die Artikel der UN-Kinderrechtskonvention legen auf 20 Seiten Versorgungs-, Schutz- und Beteiligungsrechte für Kinder fest und gibt ebenso vor, dass Kinder bei Verletzung ihrer Rechte Beschwerde einlegen können.

Kinder haben also nicht nur das Bedürfnis ihre Sichtweise kundzutun, sie haben auch das Recht dazu.

Im Zusammenhang mit den Veränderungen durch das Bundeskinderschutzgesetz sind diese Rechte auch im Kinder- und Jugendhilfegesetz festgeschrieben worden. In § 45 des SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) sind die Auswirkungen dieses Rechts seit dem 1. Januar 2012 verankert.

 

45 SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) Erlaubnis für den Betrieb einer Einrichtung

(1) Der Träger einer Einrichtung, in der Kinder und Jugendliche ganztägig oder für einen Teil des Tages betreut werden oder Unterkunft erhalten, bedarf für den Betrieb der Einrichtung der Erlaubnis [...]

(2) Die Erlaubnis ist zu erteilen, wenn das Wohl der Kinder und Jugendlichen in der Einrichtung gewährleistet ist. Dies ist in der Regel anzunehmen, wenn [...] zur Sicherung der Rechte von Kindern und Jugendlichen in der Einrichtung geeignete Verfahren der Beteiligung sowie der Möglichkeit der Beschwerde in persönlichen Angelegenheiten Anwendung finden.

(3) Zur Prüfung der Voraussetzungen hat der Träger der Einrichtung mit dem Antrag die Konzeption der Einrichtung vorzulegen [...]

Die Erlangung der Betriebserlaubnis ist an die Etablierung von Beteiligungsverfahren und Beschwerdemöglichkeiten geknüpft. Demzufolge wird eine Betriebserlaubnis nur dann erteilt, wenn „zur Sicherung der Rechte von Kindern und Jugendlichen in der Einrichtung geeignete Verfahren der Beteiligung, sowie der Beschwerde in persönlichen Angelegenheiten Anwendung finden“. Damit hat der Gesetzgeber den Anspruch eindeutig formuliert, und alle Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, auch Kindertageseinrichtungen, stehen vor der Anforderung, konzeptionell nachzuweisen [BILD], dass und wie sie Beteiligung und Beschwerdeverfahren implementiert haben. Dies beinhaltet nicht nur die nachdrückliche Verpflichtung, Kinder zu beteiligen, sondern auch eine inhaltliche Konkretisierung der Partizipationsrechte.

Die rechtliche Konkretisierung der Partizipationsrechte

Diese rechtliche Konkretisierung der Partizipationsrechte der Kinder erfolgte durch das Bundeskinderschutzgesetz, das infolge der öffentlichen Debatte über Missbrauch in der Heimerziehung verabschiedet wurde. Ziel war und ist es, die körperliche, seelische, psychische und verbale Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in pädagogischen Institutionen zu verhindern und sie vor Übergriffen durch Erwachsene zu schützen. Sich zu beschweren, ist ein Recht von Kindern, das auch zu ihrem Schutz vor Machtmissbrauch von Fachkräften in pädagogischen Einrichtungen beitragen soll. Damit Kinder sich über Grenzverletzungen [BILD] und Übergriffe von Fachkräften beschweren können, muss diese Möglichkeit bekannt und vertraut werden. Dazu sind Bildungsprozesse von Kindern, aber auch Fort- und Weiterbildung der Fachkräfte erforderlich.

Kinder, die sich selbstbewusst für ihre Rechte und Bedürfnisse einsetzen und sich wertgeschätzt und wirksam fühlen, sind besser vor Gefährdungen geschützt. Damit ist die Entwicklung von Beschwerdemöglichkeiten ein wichtiger Beitrag zur Gewaltprävention und zum Schutz jedes Kindes.

Ergänzend muss darauf hingewiesen werden, dass Beschwerden, die sich auf Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung durch Eltern, Fachkräfte oder andere Personen beziehen, über die hier beschriebenen Verfahren hinaus gehende Reaktionen erfordern, insbesondere die Vorgehensweise nach § 8a SGB VIII (Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung), die hier nicht weiter ausgeführt wird.

Wir empfehlen hierzu unsere Arbeitshilfe "Kinder- und Jugendschutz in Einrichtungen. Gefährdung des Kindeswohls innerhalb von Institutionen", Neuauflage Juli 2018, Berlin. 2020 wird eine neue Printausgabe gedruckt.

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Literatur und Quellen

  • Hansen R./ Knauer, R./ Sturzenhecker, B. – Kinderstube der Demokratie / 2008
  • Hansen R./ Knauer, R./ Sturzenhecker, B. – Partizipation in Kindertageseinrichtungen / 2011 Verlag das netz
  • Hansen, R. / Knauer, R. – Beschweren erwünscht! 1-3 / 2016 TPS-Zeitschrift für Erzieher, Klett Kita Fachverlag
  • Hansen, R./Knauer, R. – Beschwerdeverfahren für Kinder in Kindertageseinrichtungen Annäherung an Standards für die Umsetzung des § 45sgB VIII / 2016 Beltz Juventa, Weinheim und Basel
  • Maywald, J. – Kinderrechte in der Kita / 2016 / Verlag Herder
  • Schubert-Suffrian, F. / Regner, M. – Partizipation in Krippe und Hort / 2015 Kindergarten heute, Verlag Herder
  • Schubert-Suffrian, F. / Regner, M. – Beschwerdeverfahren für Kinder / 2014 Kindergarten heute, Verlag Herder
  • Urban-Stahl, U. – Beschwerden erlaubt! 10 Empfehlungen zur Implementierung von Beschwerdeverfahren in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe / 2014 Reinhardt-Verlag, München

Sehen Sie sich auch unsere Literaturliste an.

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