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Das 1 x 1 der Online-Moderation: Haltung, Technik, Atmosphäre!

Videokonferenzen stellen nochmal andere Herausforderungen an die Moderation, als wir es von analogen Veranstaltungen gewohnt sind. Der Eröffnungsbeitrag aus unserer Handreichung stellt gezielt Fragen zur eigenen Moderationsrolle und zur professionellen Vorbereitung.

#GleichImNetz-Kollegin Lena Plaut moderiert einen Workshop

Was sind die Gemeinsamkeiten zwischen Analoger und Online-Moderation?

Das Offensichtliche zuerst: Sowohl bei Präsenzveranstaltungen als auch bei Online-Veranstaltungen versammeln sich Menschen, die sich am gleichen Tag zu einem gemeinsamen Anlass oder Thema treffen, austauschen oder vernetzen möchten. Diese Teilnehmer*innen bringen analog und virtuell häufig etwas sehr Menschliches mit: Gefühle, Bedürfnisse,Tagesform, Sorgen, Ängste, Freuden. In beiden Fällen nehmen wir das wahr und ernst - und können darauf im Empfangsbereich und der Start-Moderation eingehen. Eine weitere Gemeinsamkeit sind die Rahmenbedingungen: Analoge und virtuelle Veranstaltungen werden beide von einer oder mehreren Personen moderiert, es gibt einen inhaltlichen und didaktischen “Fahrplan” und die Teilnehmenden freuen sich auf eine angenehme und professionelle Atmosphäre, die sich vom Büroalltag deutlich abhebt. Soweit, so gut.

Wo sind denn dann die Unterschiede?

Der wohl größte, und auch herausforderndste, Unterschied zwischen Analog und Digital ist die Tatsache, dass wir uns online in einem eindimensionalen Raum treffen. Wir können unsere Sinne nicht einsetzen. Nicht riechen, nicht schmecken, nicht fühlen, keine Geräusche im Hintergrund wahrnehmen und keine Körpersprache von Kopf bis Fuß erfassen. Im virtuellen Konferenzraum sehen sich die 10, 20, vielleicht 200 Teilnehmenden, sie können sich zuwinken oder in einer Kleingruppe zusammenarbeiten. Aber sie können sich nicht zufällig vor den Toiletten, beim Rauchen oder in der Kaffeepause vor dem Catering begegnen. Das müssen wir berücksichtigen, wahrnehmen, ernstnehmen und in unserer Moderation einbauen. “Ruft euch an, wenn ihr jemanden gesehen habt, über den ihr euch freut”, “Verabredet euch für die Mittagspause in einem eigenen Zoom-Raum” - es liegt an der Online-Moderation, aus dem eindimensionalen Raum wieder drei Dimensionen zu machen!

Ein weiterer Unterschied liegt in den Räumen, in denen sich die Online-Teilnehmer*innen befinden. Die einen sitzen im Home-Office am Küchentisch, die anderen im häuslichen Arbeitszimmer, wieder andere auf dem Fußboden im Wohnzimmer und andere sind im Büro. Wir haben unterschiedliche Settings - es gibt nicht den einen großen Seminar- oder Tagungsraum, der uns alleine räumlich schon verbindet. Diese Nähe, diese Zusammengehörigkeit müssen wir anders herstellen. Durch virtuelle Hintergründe, die wir zum Download anbieten, durch kleine Werbeartikel, die wir vorher verschicken oder das Artikulieren und Spielen mit diesen Unterschieden, die wir sehen und wahrnehmen und kreativ in unsere Moderationen einbauen.

Wie ist das mit dem professionellen Auftreten in einem Video-Meeting oder einer Video-Tagung. Ist das online anders als analog?

Die Antwortet lautet ja und nein zugleich. Erfahrungsgemäß sind wir uns in Online-Videomeetings oft nicht der oben genannten Gemeinsamkeiten zwischen Online und Analog bewusst. Daraus resultiert ein anderes Video-Verhalten, als wir es in einem echten Raum, auf einem echten Stuhl neben den anderen sitzend, an den Tag legen würden. Im Hinblick auf die Rolle der Online-Moderation & Co-Moderation sind diese virtuellen Verhaltensweisen daher eher ein “No Go”:

Das Gegenteil von Professionell: No Go´s vor dem Bildschirm!

  • Ich stelle mein Video andauernd an und aus, da ich nebenbei noch etwas anderes mache. Im analogen Seminarraum kann ich mich auch nicht einfach “wegbeamen”!
  • Ich habe zwei Monitore an, arbeite neben der Online-Tagung noch an etwas anderem. Die Teilnehmer*innen sehen mich ständig im Seitenprofil. Im echten Veranstaltungssaal drehe mich auch nicht ständig weg!
  • Ich stelle mein Audio andauernd an und aus, aktiviere es nur, wenn ich etwas sage. Keiner soll hören, wie ich atme, mich räuspere, einen Schluck trinke. Klebe ich mir bei der analogen Klausurtagung auch zu diesen Anlässen den Mund zu?
  • Ich sitze in der gleichen Körperhaltung vor dem Laptop oder Computer, wie ich arbeite. Würde ich als Tagungsleitung auch alles von einem Bürostuhl im Sitzen aus vortragen oder stehe ich und bewege ich mich zwischendurch?
  • Ich höre seit Wochen, dass meine Raumakustik schlecht ist und mein Internet andauernd hängt. Aber ich kaufe mir kein neues Mikrofon und benutze mein Lan-Kabel nicht anstatt des überlasteten W-Lans. Würde ich in analogen Meetings auch leise sprechen, meine Stimme verzerren und häufig einfach “einfrieren”?
  • Ich schaue beim Online-Meeting immer mich selbst an. Oder immer die gleiche Person, weil ich deren Hintergrundbild so hübsch finde. Würde ich bei der Gremiensitzung auch immer die gleichen drei Personen anschauen oder wandert mein Blick durch den Raum und sucht Kontakt zu neuen Gesichtern?

Zugegeben: Diese No Go´s sind etwas provokant, manche auch nicht so einfach zu ändern. Aber sie sollen eine Anregung sein, Verhalten und Technik im virtuellen Raum als verbunden miteinander zu betrachten. Das bringt uns zum lösungsorientierten Teil der Online-Moderation: Die Technik-Ausstattung!

Was brauche ich als Online-Moderator*in für meine technische Vorbereitung?

  • Ein Setting – wie kann ich mir meinen Arbeitsplatz so einrichten, dass ich meinem Anspruch an professionelles Auftreten gerecht werde?
  • Von wo und wie möchte ich gesehen werden? (Positionierung des Laptops/ Tablets mit Webcam)
  • Möchte ich stehen oder sitzen? Oder mal so, mal so? (Hocker, Bücher etc. zurechtlegen, um dies wechseln zu können)
  • Hat meine eingebaute Webcam eine passende Auflösung oder benötige ich eine neuere, separate Kamera?
  • Wie ist das Licht und die Ausleuchtung? Kann ich meinen Raum so umgestalten/ umräumen, dass ich Gegenlicht vermeide und Lichtquellen nutzen kann, wenn das Tageslicht nicht ausreicht?
  • Möchte ich einen virtuellen Hintergrund nutzen oder passt mein eigener Raum-Auschnitt zu  meiner Rolle als Moderator*in?
  • Wenn ich einen virtuellen Hintergrund benutze, aktiviert sich dann mein Lüfter, um die hohe Grafikleistung zu bewerkstelligen? Habe ich ein Headset, mit dem ich das integrierte Mikrofon umgehen kann, um diese Lüftungsgeräusche nicht zu übertragen?
  • Wie möchte ich generell mit Mikrofon und Ton umgehen? Möchte ich kabellose Bluetooth-In Ear-Kopfhörer, um mich im Stehen frei bewegen zu können? Oder reichen kabelgebundene Kopfhörer mit Headset?
  • Wie möchte ich meine Online-Teilnehmer*innen sehen? Alle gleichberechtigt in der Galerieansicht oder hefte ich Videos an von Personen, die ich gerne im Blick behalten möchte?
  • Wie ist meine Internetverbindung – ist mein W-Lan stark und stabil oder kann ich den Router näher positionieren? Kann mir alternativ ein Kabel mit Verbindung zum Router helfen, Bandbreiten-Schwankungen zu vermeiden und die Internetgeschwindigkeit zu erhöhen?

Noch viel mehr Hinweise gibt es im Öffnet externen Link in neuem FensterBeitrag mit Videokonferenz-Moderationstipps.

Welche innere Haltung trägt mich durch ein Online-Meeting?

Nach diesen technischen Hilfestellungen kommen wir zum letzten - und in den Augen der Autorin - wichtigsten Punkt der Moderation ganz allgemein - und online noch viel mehr: Eine Veranstaltung zu moderieren bedeutet Menschen und Prozesse zu lenken, zu leiten, zu regeln! Dies kann ich aus völlig unterschiedlichen Haltungen heraus tun: Demokratisch, Diktatorisch, Kooperativ, Nüchtern, Sachlich, Locker, mit oder ohne Humor… Ohne allzu pädagogisch-psychologisch zu werden, möchte ich zum Ende meines Inputs einfach ein paar Fragen mitgeben, die jede*r für sich wirken lassen kann...

Fühle ich mich auch in einem virtuellen Raum als Gastgeber*in und begrüße online meine Gäste mit Namen, frage, wie es ihnen geht, sammle Stimmungen und Empfindungen ein oder warte ich bis zum Startpunkt des Meetings und arbeite meine Tagesordnung ab?

Möchte ich Moderator*in sein und die Online-Teilnehmenden begleiten, integrieren und sie an der Tagesordnung teilhaben lassen oder möchte ich nur Informationen weitergeben und die Regeln selbst festlegen?

Bin ich Prozessbegleitung und starte eine Breakout-Session, wenn ich das Bedürfnis nach bilateralem Austausch spüre oder halte ich an meinem Vorhaben fest und “ziehe meinen Stiefel durch?”

Möchte ich meine Teilnehmenden sehen und hören und sage ich dies auch oder akzeptiere ich, dass jeder das für sich selbst entscheidet und mich das irritiert? Kann ich mit technischen Störungen entspannt und gelassen umgehen und eine Bildschirmpause vorschlagen oder verfalle ich in Panik und die Stimmung kippt?

Sind die Menschen in den kleinen Video-Kästen mit Namen drunter Meeting-Teilnehmer oder fühlende Menschen für mich?

Online-Moderation bedeutet: Echte Menschen begegnen sich in einem eindimensionalen virtuellen Raum. Ist es daher nicht umso wichtiger, dass wir die fehlenden zwei Dimensionen mit Menschlichkeit füllen? Es liegt an uns, was wir daraus machen.

(Dies ist der erste Beitrag aus unserer Öffnet externen Link in neuem FensterHandreichung "Digitale Räume für analoge Veranstaltungen")


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