
Bunt und voller Leben
„Hier ist Leben im Haus.“ Was Hausleiter Armin Blum mit dieser Aussage ausdrücken will, wird klar, sobald man das Julie-Roger-Haus in der Gummersbergstraße betritt. Kein anonymes, menschenleeres Foyer – stattdessen eine sofort spürbare angenehme Atmosphäre. Mehrere Sessel und eine liebevoll gestaltete Sitzgruppe mit Blumen auf dem Tisch laden die Bewohner*innen ein, das Geschehen im Eingangsbereich zu beobachten. Das Interieur ist ebenfalls voller Leben: Zwischen modernen Elementen sind antike Möbel, zum Teil von den Bewohner*innen selbst, zu finden. Eine großgeblümte Tapete ziert die Wände und bietet Platz für stilvoll gerahmte Fotos jenseits der Gegenwart. Ob alte Kommode, antiker Schreibtisch oder Grammophon – jedes Stück hat seine Geschichte und ist voller Erinnerungen an vergangene Tage.
So ist es auch bei den Bewohner*innen. Jeder und jede ein Unikat mit ganz eigener Geschichte. Die Menschen in ihrer Individualität zu sehen, ihre Geschichte und Vorlieben zu kennen und dementsprechend ihren Alltag mitzugestalten ist eines der erklärten Ziele aller Mitarbeitenden des Julie-Roger-Hauses. Das macht auch Empathiebeauftragter Thomas Kämmer mit Hingabe. Er liebt seine Arbeit und lässt dies die Bewohner*innen auch spüren. „Eine ausgiebige Biographiearbeit gehört unbedingt dazu“, weiß die Diversitätsbeauftragte Gaby Grossbach, die ebenfalls mit Herzblut ihrer Arbeit nachgeht. Wer nämlich um die Vergangenheit und Vorlieben der Bewohner*innen weiß, könne den Alltag so gestalten, dass sich alle wohlfühlen.
Und das geht im Julie-Roger-Haus weiter als in anderen Einrichtungen vielleicht üblich. Das beispielsweise ein Stripper bei einer Abendveranstaltung für Unterhaltung sorgt ist hier ebenso üblich wie der regelmäßige Besuch eines Therapieponys, Tanzteenachmittage oder Bingo spielen. Toleranz und Akzeptanz der unterschiedlichsten Lebensstile, Kulturen und Sexualitäten werden hier gelebt, fasst Armin Blum zusammen. Für dieses Engagement wurde die Einrichtung, als eine der ersten außerhalb der Niederlande, mit dem Regenbogenschlüssel zertifiziert. Die Zertifizierung mit dem Regenbogenschlüssel erfolgt nach dem niederländischen Modell durch die unabhängige Zertifizierungsstelle Kiwa.

Das bedeutet beispielsweise auch, dass queere Senior*innen hier ein aufgeschlossenes Umfeld finden. „Unser Haus ist ein Zuhause für alle Menschen, gleich welcher sexuellen Orientierung. Weil wir Toleranz gegenüber Schwulen, Lesben, Bi-, Trans- und Intersexuellen leben“, heißt es auch auf der Internetseite der Einrichtung. Dass beispielsweise bei Veranstaltungen ein Mann mit einem Mann tanzt oder eine gleichgeschlechtliche Hochzeit gefeiert wird, ist hier nicht ungewöhnlich. Wünsche der Bewohner*innen bezüglich Veranstaltungen werden, wenn möglich, umgesetzt. Eine betagte Dame wünschte sich zum 100. einen jungen Stripper, erinnert sich Blum. „Warum denn nicht?“, kommentiert er das und erinnert sich gerne an den Moment als der Dame dieser Wunsch erfüllt wurde.
Natürlich gebe es bei so vielen unterschiedlichen Lebensmodellen und Weltanschauungen auch mal Konflikte, erklärt er. Die Frage sei, wie man damit umgehe und genau da zeige sich wieder der Umgang mit Toleranz. Diese werde hier auf unterschiedlichste Weise sichtbar, auch in der Sprache. Eine seiner ersten Amtshandlungen in seinem Amt als Hausleitung war eine Umbenennung des Hauses, das einst Julie-Roger Heim hieß. Das Wort Heim möge er nicht, es suggeriere etwas Negatives. Er sei stolz auf sein Team an das besondere Anforderungen gestellt werden und auf das, was tagtäglich für die Bewohner*innen getan werde, damit sie sich wohlfühlen, freut sich Armin Blum.

Auch Michael Gratenau fühlt sich im Julie-Roger-Haus wohl. Besonders häufig ist der 77-Jährige im heimeligen Foyer des Hauses zu finden. Das sei sein Lieblingsplatz, berichtet er. Doch es gibt noch einen weiteren Lieblingsplatz: Der Billardbereich des Hauses im 3. Stock. Dort spielt er gerne eine Partie Billard. Als Vorsitzender des Einrichtungsbeirates bringt er sich auch aktiv ein. Er notiert zum Beispiel Wünsche oder auch Beschwerden der Bewohner*innen und gibt diese weiter, um den Austausch und die Kommunikation zu erleichtern.
„Die Menschen hier sollen so leben, wie sie es gewohnt sind und bekommen dabei die Unterstützung, die sie benötigen“, fasst Armin Blum einen weiteren Baustein des Hauskonzeptes zusammen. Dafür brauche es eben ein empathisches Team aus Fachleuten, die auch für den unterschiedlichsten Pflegebedarf ausgebildet sind. Denn auch Menschen mit demenziellen Erkrankungen zählen beispielsweise zu den Bewohner*innen des Julie-Roger-Hauses.
Armin Blum liebt das was er tut und gerät ins Schwärmen über das, was er hier im Julie-Roger-Haus schon alles miterleben durfte. Er erinnert sich an viele Momente, die zeigen, dass sich die Menschen hier wohlfühlen und sie selbst sein können. Viele Menschen blühen hier regelrecht auf, weiß er. Zuhause seien sie teilweise vereinsamt, hätten hier aber dann nach einiger Zeit wieder Lust auf das Leben bekommen. Unterstützung ist dabei viel mehr als nur gute Pflege, weiß er. Als Beispiel nennt er eine ältere Dame, die in keiner guten Verfassung ihr neues Domizil bezog. Ihre Haare waren glatt und grau und damit ganz anders als sie es eigentlich liebte. Sie nämlich trug diese einst rot und gewellt, erfuhren sie durch Gespräche. So kam es dann auch wieder mit Hilfe der hauseigenen Friseurin. Die Dame fühlte sich wieder wohl in ihrer Haut und die Haare bestätigten dies mit Symbolkraft.

Dass das Miteinander herzlich und familiär ist, zeigt sich auch bei den Reaktionen zwischen Mitarbeitenden und Bewohner*innen während des Rundgangs durch die Einrichtung. Freudige Begrüßung, liebevolle Worte und mittendrin Haushund Luna, der ebenfalls für Abwechslung sorgt. Tiere spielen im Julie-Roger-Haus auch eine wichtige Rolle. Bewohner*innen dürfen hier, sofern die Tiere miteinander verträglich sind, ihre Lieblinge mitbringen. Auch in diesem Kontext erinnert sich Blum an besondere Momente. Einen Hund eines Bewohners holte er und sein Team aus dem Tierheim zurück zu seinem Besitzer ins Julie-Roger-Haus – ein ganz besonderer Moment. Wie so viele im Alltag im Julie-Roger-Haus.
Nadja Quirein
Mehr Infos zum Julie-Roger Haus finden Sie auf der Internetseite des Frankfurter Verbandes: frankfurter-verband.de/einrichtung/julie-roger-haus
Umfrage von BISS
„Queeres Leben mit Pflege? – Wir wollen es wissen!“: Unsere Mitgliedsorganisation BISS, die Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren, hat eine bundesweite Umfrage zur Lebens- und Pflegesituation unterstützungsbedürftiger LSBTIQ* und Menschen mit HIV gestartet.
Die Umfrage richtet sich sowohl an pflegebedürftige Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und queere Menschen, als auch an pflegebedürftige Menschen mit HIV sowie an deren pflegende An- und Zugehörige, wie Partner*innen, Wahlfamilien, Freund*innen. Auch Pflegefachkräfte sind angesprochen, die die Befragung gemeinsam mit ihren Klient*innen ausfüllen möchten.
Die Befragung ist anonym. Sie nimmt ca. 30 Minuten in Anspruch und kann bis Mitte Juni 2026 ausgefüllt werden.