
Sichtbar und familiär
In schweren Zeiten rücken queere Menschen zusammen. Von dieser Solidarität profitiert derzeit auch LesLeFam. Eigentlich hat der Berliner Verein, dessen Name ausgeschrieben „Lesben* Leben Familie“ bedeutet, seinen Sitz der Dolgenseestraße in Berlin-Lichtenberg. Doch ein Brand in dem Hochhaus, in dem eigentlich LesLeFam seine Räumlichkeiten hat und bei dem eine Mutter mit ihren zwei Kindern ums Leben kam, ist komplett zerstört. Das Löschwasser hat das Büro des lesbischen Vereins vorerst unbenutzbar gemacht.
Glück im Unglück: LesLeFam hat mehrere Projekte und eins davon ist das Queere Beratungszentrum Lichtenberg, kurz Q*BeL, wo das Team aus der Dolgenseestraße vorläufig Asyl, gefunden hat. Das liegt direkt am S-Bahnhof Lichtenberg in einer Etagenwohnung. In den funktionalen, aber gemütlichen Räumen sitzen Constanze Körner und Anto Damm auf Sofas. In der Ecke steht ein Kicker, darüber hängt eine überdimensionale Inter*Progress-Pridefahne. Sie ist eine noch buntere Weiterentwicklung der Regenbogenfahne, die noch mehr Menschen der queeren Community integrieren möchte.
Constanze Körner ist eine der Gründerinnen von LesLeFam. 2018 hat sie den Verein mitgegründet, ganz bewusst im Osten der Stadt. „In Westberlin ist die queere Community ganz gut abgedeckt, während es im Osten quasi eine Wüste gab“, erklärt sie. Tatsächlich meldete sich vor einigen Jahren das Bezirksamt Lichtenberg bei Frau Körner mit der Bitte, in ihrem Bezirk ein Projekt für Regenbogenfamilien aufzubauen.

Das ausgerechnet Constanze Körner angefragt wurde, hat Gründe. Sie kann auf viel Erfahrung zurückgreifen, denn bereits seit 25 Jahren engagiert sie sich für Regenbogenfamilien und gründete Deutschlands erstes Regenbogenfamilienzentrum und auch das Regenbogenfamilienzentrum Lichtenberg, also Anlaufstellen für queere Familien mit Kinderwunsch und mehr: „Mit LesLeFam wollte ich einen Verein gründen, der besonders die Perspektiven aus lesbisch*-queerer Sicht mit aufgreift.“ Viele der größeren Vereine der LGBTIQ*-Community seien stark männlich geprägt und sind weiterhin männlich geprägt. Dieses Missverhältnis hat historische Gründe, so Constanze Körner: „Das Patriarchat macht auch vor der queeren Community keinen Halt.“ Schwule Männer waren und sind wie ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossen immer stärker in Macht- und Entscheidungsstrukturen repräsentiert und wurden an den Fördertöpfen stärker bedacht. Lesbischen Personen wurde, wie ihren heterosexuellen Genossinnen, die Sorgearbeit überlassen. „Wenn man sich als großes schwules Projekt seit Jahrzehnten kennt, sind auch einfach alte Seilschaften vorhanden“, ergänzt Anto Damm. Und da Regenbogenfamilien vornehmlich von Lesben* initiiert werden, brauchte es ein spezialisiertes Angebot.
Die Regenbogenfamilienberatung als ein Projekt bei LesLeFam steht dabei keineswegs nur Lesben* offen. Mit ihrem Kinderwunsch wenden sich ganz unterschiedliche Konstellationen an den Verein, erklärt Constanze Körner. Auch Singles, Trans*-Personen oder schwule Paare haben natürlich Kinderwünsche. Viele kämen direkt in die Beratung und fragen ab, was sie beachten müssten und welche Möglichkeiten es gibt. Bei LesLeFam gibt es aber noch Gruppenangebote, in denen man sich lockerer kennenlernen und unterhalten kann. Dies nutzen besonders Personen, die noch keine genaue Familienplanung haben. Ist die Samenbank oder der private Spender für mich besser geeignet? Welche Ärzt*innen wissen am besten Bescheid? Ist die Adoption eines Kindes doch die beste Option, wie ist das alles rechtlich geregelt und was kostet das alles? Das wären die gängigen Fragen, so Constanze Körner.

Anto Damm betreut bei LesLeFam das Projekt Lesbisch*.Sichtbar.Berlin.Der Kampf um lesbische Sichtbarkeit ist nicht neu. Seit 1993 gibt es weltweit sogenannte Dyke Marches, also Demonstrationen, bei denen Lesben* auf die Straße gehen und zeigen, dass sie da sind und eigene Anliegen haben. Auch wenn das Bewusstsein für Ausschlüsse in der Community gewachsen ist, bestehen diese nach wie vor.
Lesbisch*.Sichtbar.Berlin macht Veranstaltungen mit Fokus auf lesbische Themen und setzt vor allem auf Netzwerkbildung unter Lesben* als Schlüssel zu mehr Einfluss. Diese mache man sowohl mit queeren als auch nicht-queeren Projekten und außerdem klassische Community-Angebote: Spieleabende, Stammtische, Lesungen. Ebenfalls wichtig ist es, jede sich als lesbisch* identifizierende Person mitzunehmen: „Wir schreiben ‚lesbisch‘ immer mit Sternchen. Wir wollen damit deutlich machen, dass lesbisch* sein mehr als cis-Weiblichkeiten bedeutet. Nichtbinäre und Translesben* sind genauso ein Teil davon“, so Anto Damm als eine Person, die keine Pronomen nutzt.
Und in Berlin, mit seinen fast vier Millionen Einwohner*innen, unter ihnen bestimmt einige Lesben* und der großen queeren Club- und Kulturszene fehlt es wirklich an lesbischer Sichtbarkeit? „Klar gab es schon immer selbstorganisierte lesbische* Sichtbarkeit in der Community, zum Beispiel durch Partys. Auf der Projekteebene gab es lange eine Leerstelle“, entgegnet Anto Damm und ergänzt: „In der selbsternannten Regenbogenhauptstadt Berlin gibt es nicht massenhaft lesbische* Projekte.“

Vor einigen Jahren überlagerte der Begriff „Queer“ die Identitäten in der Community und traditionellere Selbstbezeichnungen kamen gerade bei Jüngeren aus der Mode. „Auch bei mir war lesbisch* total mit einer Cis-Identifikation verbunden. Damals habe auch ich mich abgegrenzt“, erzählt Anto Damm. „Jetzt erleben wir gerade ein Reclaiming der Begriffe, auch in Teilen der jungen Generation. Der Begriff ‚Lesbisch*‘ wird wieder zurückgeholt.“ Gleichzeitig gibt es im Zuge neuerer Aneignungen auch Neuordnungen und Offenheiten. Eine Transfrau mit einer Partnerin ist auch selbstverständlich lesbisch*, ebenso wie Menschen, die sich der binären Geschlechtszuordnung verweigern. Für Constanze Körner schließt sich nichts aus: „Queer sehe ich als Begriff für die Community. Aber gleichzeitig kann ich lesbisch* sein oder andere Begriffe benutzen, die für mich funktionieren.“ Wörter werden immer im Wandel sein. Und solange die Debatte darum konstruktiv und solidarisch bleibt und der Zusammenhalt bestehen bleibt, ist das auch kein Problem. Constanze Körner: „Denn wenn wir nicht zusammenhalten, können die Errungenschaften schnell wieder verschwinden, wie wir es leider woanders schon sehen.“ Auswirkungen des grassierenden Rechtsrucks beobachtet die Projektleiterin bereits jetzt schon: „Wir merken in allen Settings, dass die Menschen defensiver und vorsichtiger werden. Der Rückzug ins Private ist größer geworden. Man geht nicht mehr mit seinen Kindern mit der Regenbogenfahne auf jede Demo.“
Dass es Einrichtungen wie die der Regenbogenfamilienberatungen immer noch braucht, zeigt sich auch im Recht. Queere Familien sind noch immer nicht voll mit den Heterosexuellen gleichgesetzt. Das Abstammungsrecht ist immer noch auf die cis-heterosexuelle Familie mit Mutter und Vater ausgerichtet. Bei lesbischen* Paaren muss eine der Frauen immer noch eine aufwändige Stiefkindadoption durchführen. Eine gesetzliche Reform wurde immer wieder in Aussicht gestellt, zuletzt durch die geplatzte Ampel-Regierung, doch es kam nie dazu. Bei LesLeFam musste man die Klient*innen immer wieder vertrösten, so Körner: „Auch in unserer Beratung haben wir immer darauf verwiesen, dass bestimmt bald das Abstammungsrecht geändert wird. Das ist bisher nicht passiert und das frustriert die Familien natürlich.“
Es bleibt also noch viel zu tun für Anto Damm, Constanze Körner und alle anderen bei LesLeFam. Und das hoffentlich bald wieder in eigenen Räumlichkeiten.
Philipp Meinert
Weitere Infos
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