
Katholisch geprägt und lesbisch aktiv
Ich wurde 1949 zwischen Köln und Bonn in einer kleinen Stadt im Rheinland geboren. Das Milieu, aus dem ich stamme, ist ein klassisch rheinisch-katholisches. Die Jugendarbeit in der katholischen Kirche hat mich geprägt.
Nachdem ich zunächst eine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht hatte, habe ich ein Studium der Sozialen Arbeit aufgenommen. Mit Mitte 20 wurde ich dann Diözesanvorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend im Erzbistum Köln. Das war mein erstes politisches Amt, und ich habe es bis 1982 hauptamtlich bekleidet. Zwischen 1983 bis 1990 habe ich noch einmal Politikwissenschaften, Katholische Theologie und Soziologie in Bonn studiert und war danach zehn Jahre als Verbandsreferentin bei der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands.
Zu meiner Zeit bei der Katholischen Kirche gab es zum Thema „Sexualität“ noch ein gewisses Paradoxon; einerseits war es sehr wichtig, andererseits sollte man keinesfalls innerhalb der Kirche darüber reden. Jenseits der Heteronormativität war sowieso nichts denkbar. Bei der Katholischen Frauengemeinschaft wurde beispielsweise im Zusammenhang mit einer Delegiertenversammlung erstmalig lesbisches Zusammenleben thematisiert, aber gar nicht explizit. In einem Antrag wurden nur verschiedene Lebensweisen von Frauen aufgezählt: alleinlebend, geschieden, wiederverheiratet, als Ordensschwester und eben auch als Lesbe. Es sollte lediglich die Gleichwertigkeit betont werden. Das rief umgehend die Deutsche Bischofskonferenz auf den Plan. Im daran anschließenden Prozess bin ich intern mit dieser Passage verbunden worden, obwohl ich mich inhaltlich gar nicht geäußert hatte. Letztendlich haben sich die Wege der Katholischen Frauengemeinschaft und meine dann auch getrennt. So etwas würde heute sicher nicht mehr passieren. Inzwischen tritt die Katholische Frauengemeinschaft sogar für die Ehe für alle und das Selbstbestimmungsgesetz ein. Da gab es also einen deutlichen Fortschritt.

Mit der Kirche habe ich auch immer mal wieder gehadert. Da ging es aber nicht nur um Sexualität, sondern etwa auch um die Machtstruktur der Kirche, in der Frauen nichts zu sagen haben. Bei allem Fortschritt in der Institution ist das bis heute so, etwa bei der Ordinationsfrage. Mit dem Gedanken auszutreten habe ich schon öfters gespielt, aber ich war ja auch angestellt bei der Kirche, und ein Austritt hätte meine sofortige Kündigung zur Folge gehabt. Ich habe allerdings auch gedacht: Wenn alle Menschen, die so denken wie ich, aus der Kirche rausgehen, verändert sich ja nie etwas. Hier in Berlin bin ich in einer evangelischen Gemeinde aktiv. Der fröhliche rheinische Katholizismus unterscheidet sich schon sehr von der ordnungsliebenden katholischen Kirche in Berlin. Aber auch in der katholischen Kirche insgesamt gibt es Veränderungen. Ich beobachte mit Begeisterung, was katholische queere Gruppen wie Out in Church und Homosexuelle und Kirche so machen.
Von 2003 bis zu meiner Pensionierung 2014 war ich dann Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrates. Da war mein Lesbisch-sein überhaupt kein Problem mehr. Für mich war aber auch klar, dass ich in meiner Zeit beim Frauenrat nicht aktivistisch auftrete, obwohl ich bereits zu der Zeit Berührungen mit dem LSVD+ hatte. Das lag für mich einfach zu nah beieinander, und wahrscheinlich wäre nicht immer klar gewesen, ob ich für den Frauenrat oder für den LSVD+ spreche, wenn ich mich öffentlich äußere. Als ich kurz vor der Rente war, wurde ich von einer Mitarbeiterin des LSVD+ gefragt, ob ich nicht nach meiner Zeit beim Frauenrat zu ihnen kommen wolle. Bis dahin habe ich gar nicht darüber nachgedacht, bin dann aber in den LSVD+ eingetreten und im April 2014 in den Bundesvorstand gewählt worden.

Weil ich sowas einfach ganz gut kann, habe ich relativ bald beim LSVD+ die Leitung der Bundesvorstandsitzungen übernommen. Als Rentnerin habe ich zudem viel Zeit. Deshalb habe ich im LSVD+ gesagt, dass man mich einsetzen kann, wo es nötig ist, und wenn es mir liegt, mache ich das. Ich habe dann schnell Vertretungsaufgaben übernommen, etwa im Forum Menschenrechte, beim Verbandstag des Paritätischen und der Arbeitsgruppe Queer. Ich habe übrigens die Gespräche mit dem Paritätischen Gesamtverband mitgeführt, als wir dort Mitglied geworden sind. Ich bin also aufgrund meiner vorherigen Berufserfahrungen sowas wie die Allzweckwaffe des LSVD+. Lobbyieren und Hintergrundgespräche führen konnte ich immer gut. Auch Interviews gebe ich gern, nur nicht so gern vor der Kamera, lieber für das Radio. In den letzten Jahren habe ich vor allem unsere Projekte im Rahmen von „Demokratie leben!“ begleitet und das Thema „Gedenken“, etwa im Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, insbesondere rund um das Frauen-KZ Ravensbrück.
Tatsächlich macht mir das Engagement bei internen Fragen des Verbandes besonders Spaß, Satzungsfragen zum Beispiel. Durch meine Erfahrungen im Jugendverband habe ich das früh gelernt, und manchmal ist diese Art zu lernen effektiver als ein Jurastudium. Großen Spaß macht mir außerdem die Begleitung der verschiedenen Projekte im Rahmen von „Demokratie leben!“. Dass genau dieses Programm jetzt gekürzt wird, und wie es überarbeitet werden soll, macht mir Sorge. Zudem treibt mich um, dass bei „Demokratie leben!“ Queerfeindlichkeit neuerdings gar nicht mehr als eigenständiger Aspekt auftaucht. Bisher wurde uns versichert, dass die Neuausrichtung der Förderrichtlinie uns nicht übermäßig betrifft, aber zurzeit ist vieles noch im Unklaren. Und die Botschaft ist leider klar: Die derzeitige Bundesregierung traut der Zivilgesellschaft nicht.

In meinen zwölf Jahren beim LSVD+ hat sich einiges verändert. Zunächst einmal die Rahmenbedingungen. Queerfeindliche Übergriffe sind stark gestiegen. Von einer allgemeinen Akzeptanz von Vielfalt und Queerness hat sich das Klima dahin entwickelt, dass „sowas“ allgemein nicht mehr gern gesehen wird. Gerade fühlt es sich so an, als sollten wir wieder zurück in den Schrank, aus dem wir mal kamen. Das verändert natürlich auch unsere Arbeit und stellt gerade unsere ostdeutschen Landesverbände vor ganz neue Herausforderungen. Angesichts der Wahlergebnisse der AfD wird die Arbeit dort immer schwieriger, aber inzwischen beobachten wir diese Entwicklung auch zunehmend in westdeutschen Bundesländern, wo diese Partei ja auch immer stärker wird.
In jüngerer Zeit hat der LSVD+ auch die Klientel, die er vertritt, erweitert. Gegründet wurden wir 1990 in Leipzig als Schwulenverband, 1999 kamen die Lesben dazu, und aus dem SVD wurde der LSVD. Mehr und mehr wurde das Bewusstsein auch für intergeschlechtliche, transgeschlechtliche und nonbinäre Personen geweitet und damit auch der Blick auf ihre Themen. Wichtig war mir dabei immer die Kooperation mit anderen, teilweise viel jüngeren Verbänden wie dem BV Trans*. Dabei müssen wir als etablierter Verband natürlich aufpassen, dass wir den Neuen nicht im Vorgarten „herumwildern“. In der Praxis arbeiten wir darum sehr eng mit dem BV Trans* zusammen; konkret geben wir zum Beispiel Stellungnahmen zu Trans-Themen entweder gemeinsam ab, oder wir stimmen uns vorher ab.
Natürlich gibt es aktuell auch andere Herausforderungen. Wie viele Verbände hat auch der LSVD+ das Problem der Überalterung. Wir haben nicht genügend junge Menschen in unseren Reihen. Daher überlegen wir schon länger, eine Jugendorganisation zu gründen, die selbstständig agieren kann und damit für den Verband auch neue Mitglieder gewinnt. Zudem wollen wir die Zugangswege zum LSVD+ erweitern. Bisher ist es ganz klassisch so: Jemand beantragt die Mitgliedschaft und wird Mitglied. Aber die Neigung, sich an Institutionen zu binden, geht bekanntlich schon seit Langem zurück. Deshalb wollen wir Interessierte zur Zusammenarbeit bei Projekten einladen, ohne dass direkt eine Mitgliedschaft nötig ist, um sich einzubringen. Bestenfalls tritt die Person dann aufgrund positiver Erfahrungen dem LSVD+ bei.
Meine Zeit im Verband endet nach zwölf Jahren langsam. Ich werde im April nicht noch einmal für den Vorstand kandidieren. Langweilig wird mir sicher nicht. Über den LSVD+ werde ich bis zum Ende der Berufungsfrist noch in drei Beiräten auf Bundes- bzw. Landesebene bleiben. Außerdem bin ich hier im Bezirk Marzahn-Hellersdorf aktiv im Frauenbeirat, im Queerbeirat, im „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ und auch im Begleitausschuss der „Partnerschaft für Demokratie Marzahn.“ Das werde ich weitermachen. Und, nicht zuletzt, singe ich gerne weiter in der evangelischen Kantorei Kaulsdorf mit.
Aufgeschrieben von Philipp Meinert
