
Hilfe bei queerfeindlicher Gewalt
Wie ist Strong! entstanden und wie bist du dort gelandet?
Unser Trägerverein, das Schwul-Queere Zentrum Sub e.V., begann seine hauptamtliche Arbeit 1993 mit einem Anti-Gewalt Projekt. Hieraus entstand 2019/2020 durch eine zusätzliche Förderung des Ministeriums für Arbeit, Familie und Soziales Strong! als eine bayernweite LGBTIQ* Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt.
Wir haben durch den personellen Zuwachs mehrere Kooperationen aufbauen können, etwa mit der Generalstaatsanwaltschaft München für unsere Hate Speech-Meldestelle. Wir haben eine 0800 Nummer etabliert, unter der Betroffene kostenlos anrufen können. Eine kostenlose, ungebundene Rufnummer war auch wichtig, um als bayernweites Projekt für alle LGBTIQ*-Menschen zu arbeiten und uns nicht nur auf München zu beschränken. Ich selbst, kam nach meinem Studium 2022 zu Strong!.
Wie sieht ein klassisches Hilfsgesuch aus und wie helft ihr dann?
Das ganz klassische Hilfsgesuch, gibt es bei uns nicht, dafür sind die Anfragen und unser Angebot zu vielfältig. Wir haben unterschiedliche Wege, über die Anfragen bei uns reinkommen. Es gibt ein Kontaktformular oder Mail-Postfach, über das man uns erreichen kann. Des Weiteren haben wir eine Telefonsprechzeit Dienstag bis Donnerstag etabliert, in der zwischen 10 und 12 Uhr Clearing-Gespräche stattfinden.
Hauptsächlich beraten wir LGBTIQ* Personen, die Diskriminierungs- und/oder Gewalterfahrungen gemacht haben sowie deren soziales Umfeld oder Fachkräfte, die mit dem Thema zu tun haben. Wenn es z.B. zu einem queerfeindlichen Mobbingfall an einer Schule kommt und die Schulsozialarbeit Unterstützung wünscht. LGBTIQ* Personen, die starke Formen von Gewalt erfahren haben, begleiten wir auch längerfristig. Manche Klient*innen sind sich auch unsicher, ob sie überhaupt zur Polizei gehen sollen, hier versuchen wir gemeinsam herauszufinden, was sie für sich brauchen. Wir dienen bayernweit zu allen weiteren LGBTIQ* Themen als Erstanlaufstelle Verweisberatung und sind mit vielen ortsansässigen Fachstellen gut vernetzt.
Gibt es eine Hilfsanfrage, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Wir haben ein schwules Pärchen begleitet, das eine sehr schlimme Gewalterfahrung gemacht hat. Sie waren nachts unterwegs und wurden von einer Personengruppe angegriffen. In diesem Fall haben wir verstärkt mit Polizei und Generalstaatsanwaltschaft kooperiert. Von den Betroffenen wurde uns zurückgemeldet, dass Strong! als queeres Beratungsangebot als auch die Arbeit der Polizei und Staatsanwaltschaft ihnen in der Kombination eine große Sicherheit gegeben haben. Sie fühlten sich verstanden und aufgehoben bei uns als unabhängiger Vertretung und waren froh, dass ihr Erlebnis auch von Seiten des Staates ernstgenommen wird. Sie fühlten sich also emotional, aber auch rechtlich gut betreut. Für uns war das eine wichtige Bestätigung, dass unsere Kooperationen wichtig sind.

Siehst du eine qualitative oder quantitative Veränderung bei den Gewaltfällen gegen queere Menschen in den letzten Jahren?
Auf jeden Fall! Konkrete Einschätzungen zu geben, ist schwierig. Aber was wir hier bei Strong! feststellen ist, dass Online-Sprache gewaltvoller wird und sich das schrittweise auch in die analoge Welt überträgt. Das, was sagbar geworden ist bezüglich LGBTIQ* und insbesondere trans* Menschen verschiebt sich gerade sehr. Und was ausgesprochen wird, wird schlimmstenfalls auch in Taten umgesetzt. Es gibt kein Gefühl mehr, wo eigentlich die Grenze verlaufen kann.
Welche Möglichkeiten siehst du, um die aktuellen Entwicklungen einzudämmen?
Wünschenswert wäre es natürlich, dass es Stellen wie unsere gar nicht braucht. Wenn wir ein gesellschaftliches Miteinander hätten, dass so sehr auf Respekt und Wertschätzung von unserer vielfältigen Gesellschaft beruht, dass es keine Diskriminierung und/oder Gewalt in dieser Form gibt. Das ist natürlich utopisch, aber ich finde die aktuelle Entwicklung ist schon alarmierend.
Die komplexe Sachlage ist sicherlich nicht einfach zu lösen. Ein Anfang wäre mehr Präventionsarbeit. Wenn die Kriminalstatistik veröffentlicht wird, ist jedes Mal auffällig, dass die Mehrheit der gewaltausübenden Personen Männer sind. Die Frage ist, was machen wir mit dieser Information? Es braucht an den richtigen Stellen eine offene Ansprache der Mechanismen, die dahinterstecken und möglicherweise spezialisierte Präventionsarbeit. Wir müssen gerade jungen Menschen etwas anderes an die Hand geben, damit sie Aggression und Gewalt nicht als Lösung sehen, um aufzulösen, was in ihnen vor sich geht. Die Schule ist der Ort, in dem wir alle lernen sollten in einem vielfältigen miteinander gemeinsam zu leben. Es ist der Ort, an dem wir alle erreichen können.
Dazu finde ich den Zustand unseres demokratischen Miteinanders online teilweise nicht tragbar. Konkrete Überlegungen zu Lösungen würden hier leider den Rahmen sprengen.
Das Interview führte Philipp Meinert