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Ausgabe 02 | 2026: Bürokratie!
Schwerpunkt

Eine Villa, viele Vorschriften

Einfach für die Menschen in Steglitz-Zehlendorf da sein. Das möchte Mittelhof e.V. leisten. Das ist gar nicht mal so leicht, wie Geschäftsführer Markus Schönbauer immer wieder erfahren muss.

Die wenigsten Mitgliedsorganisationen des Paritätischen Gesamtverbandes können von sich behaupten, in einer Gründerzeit-Villa zu residieren. Eine, die das kann, ist Mittelhof e. V. im Südwesten von Berlin, in Steglitz-Zehlendorf. Ihre Geschäftsstelle ist nicht nur ein eindrucksvolles Haus, es ist auch eins mit Geschichte. 

Zu verdanken hat der Verein dies US-amerikanischen Quäkern. Diese christliche Glaubensgemeinschaft engagiert sich auch in Deutschland seit über 100 Jahren im Sinne der Nächstenliebe in der Armenhilfe. 1947 errichteten die Quäker in der Bundesrepublik insgesamt 12 Nachbarschaftsheime, die Räume der freien Entfaltung und der Hilfe zur Selbsthilfe sein sollten. „Zu Beginn gab es hier eine Schuhwerkstatt, eine Nähwerkstatt und täglich Mittagessen“, erzählt Mittelhof-Geschäftsführer Markus Schönbauer in seinem Büro unter dem Dach der Geschäftsstelle.

Joerg Farys-dieprojektoren.de
Markus Schönbauer

Damit hätte es schon schnell wieder vorbei sein können, denn kurzzeitig war der Verkauf des Hauses zu befürchten, wodurch der Verein seinen Sitz wieder verloren hätte. Zum Glück meldete sich die Quäkerin Hertha Kraus, die aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln vor den Nazis in die USA fliehen musste und kurz zuvor eine hohe Summe geerbt hatte. So wurde kurzerhand die Villa gekauft und dem Mittelhof großzügig überlassen. Ein Opfer des Nationalsozialismus kauft im Land der Täter ein Haus, in dem Gutes bewirkt wird. Für Schönbauer eine „Gänsehautgeschichte“, in der so viel Verzeihen liegt, wie er sagt. 

Ein Sprung in die Gegenwart. Der Mittelhof-Verein agiert nach dem Rückzug der Quäker in den 60er Jahren eigenständig und bietet mit inzwischen 480 haupt- und fast noch einmal so vielen ehrenamtlichen Mitarbeitenden Angebote vom Geburtsvorbereitungskurs bis zur Trauerselbsthilfegruppe. Dabei begrenzen sie ihre Aktivitäten bewusst auf den Bezirk Steglitz-Zehlendorf. „Wir arbeiten mit einem hohen Bewusstsein für Regionalität, die für uns auch Qualität bedeutet. Wir kennen seit Jahrzehnten die Menschen im Bezirk und sie kennen uns“, so der gebürtige Münchner Markus Schönbauer, der vor seinem Studium der Sozialen Arbeit eine Tischlerlehre abgeschlossen hat.

Wie schön könnte Schönbauers Alltag sein, wenn da nicht die Bürokratie wäre. Im letzten Sommer verschaffte ihm eine Amtsposse sogar einen Artikel in der Berliner Morgenpost (Bezahlartikel). Anlass waren zehn Wolldecken, die der Geschäftsführer im Zehnerpack für 59 Euro das Stück erwarb. Das rief das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) auf den Plan. Es bemängelte, dass vor dem Kauf mindestens drei Kostenvoranschläge eingeholt werden müssten. Außerdem müssten die Decken jetzt mittels eines Steuerberaters inventarisiert werden. Alles wegen ein paar Decken.

Es ist nicht der einzige Fall, mit dem sich Schönbauer herumärgern darf. Mittelhof hat kürzlich Verantwortung für einen alten Kiosk in Zehlendorf übernommen, den sie gern mit anderen Akteuren aus dem Sozialraum bespielen möchten. Das Problem: Der Kiosk steht unter Denkmalschutz und das schraubt die Vorgaben für Restaurationen derart in die Höhe, dass eine lebensnahe Nutzung für soziale Einrichtungen  erheblich erschwert wird. Schönauer: „Ich kann mich nicht damit beschäftigen, wie der Boden oder die Lampen im Kiosk vor 80 Jahren aussahen. Wir wollen soziale Angebote für die Menschen im Jetzt machen.“ 

Markus Schönbauer hat den Kiosk noch nicht aufgegeben. Ein anderes Projekt, das der Mittelhof jedoch nicht mehr mitbetreibt, ist die Registerstelle. Dort werden Vorkommen diskriminierender Art dokumentiert, etwa extrem rechte Propaganda oder auch verbale und körperliche Übergriffe von rechts, die dann in eine Jahresstatistik fließen. Der Mittelhof würde das Problem gern unterstützen, aber die zuständige Senatsverwaltung verlangte von ihm für Projektmitarbeiter*innen Bezahlung nach dem Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes, kurz TV-L. Das würde Markus Schönbauer auch sofort tun, aber da dieser Anspruch durch Querfinanzierungen nicht für alle Mitarbeiter*innen bei Mittelhof gilt, müsste er einige Kolleg*innen mit gleicher Qualifikation besser bezahlen als andere, und das könne er im Sinne des Betriebsfriedens nicht machen. Dabei verfügt der Mittelhof selbst über eine Entgeltvereinbarung in Anlehnung an den TV-L für seine Mitarbeiter*innen. „Die Idee finde ich sehr sympathisch und ich würde sofort alles, was der TV-L bietet, auch meinen Mitarbeiter*innen anbieten. Kann ich aber nicht.“ Zwei Jahre hat er sich dazu mit der Senatsverwaltung ausgetauscht, aber es irgendwann aufgegeben. „Dann soll eben jemand anders das Projekt machen“, meint Schönbauer etwas resigniert.

Ein Thema, das Markus Schönbauer in diesem Zusammenhang noch beschäftigt, ist das Besserstellungsverbot, das besagt, Mitarbeiter*innen der Einrichtung dürfen nicht besser bezahlt werden als Mitarbeiter*innen im öffentlichen Dienst mit vergleichbarer Tätigkeit. Auch das ist unter Gerechtigkeitsaspekten nachvollziehbar, führt aber in der Praxis zu immensen Problemen. Denn anstatt daraufhin nur die Jahreslohnkonten zu prüfen, müssen auch Zusatzleistungen, wie etwa Jobtickets, umfänglich einzeln geprüft werden. „Das macht uns am meisten Aufwand“, klagt Schönauer. 

Die Folgen der Bürokratie werden auch zur finanziellen Belastung beim Mittelhof. „Ich habe hier eine und eine halbe Stelle zusätzlich finanziert, um Zuwendungsprojekte vom Land zu administrieren“, so Schönbauer. Refinanziert seien diese Stellen nicht, obwohl der Aufwand durch das Land Berlin selbst verschuldet sei.  

Wenn man den Geschäftsführer fragt, was er sich denn wünsche, damit sich die Situation verbessert, kommt kein Reformkatalog zum Zuwendungsrecht, diese lägen seit Jahren bereits vor. Konkret gehe es ihm schon um einen finanziellen Ausgleich der Kosten, die erst durch Bürokratie entstehen. 

Außerdem wünscht er sich darüber hinaus weniger Skepsis und mehr Anerkennung seiner Arbeit und der der Kolleg*innen. Denn letztendlich wirken die umfassenden Kontrollwerkzeuge wie ein Misstrauensvotum für die Arbeit der Wohlfahrt. Denn er definiert die Rolle vom Mittelhof und all den anderen sozialen Dienstleistern als Partnerschaft. „Hier muss man niemandem wegen 200 Euro misstrauen“, findet Schönbauer. 

Vielleicht sollte sich das Land ein Beispiel an der unbürokratischen Hertha Kraus nehmen, auch wenn es nicht immer gleich eine Villa sein muss.

Philipp Meinert

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