
Liebe Leser*innen,
mal ehrlich: Welche Menschen haben Sie vor Ihrem inneren Auge, wenn der Begriff „Armut“ fällt? Einen Mann, der Sie in zerschlissener Kleidung um Kleingeld bittet? Eine Frau, die auf der Suche nach Pfandflaschen ihre Hand in einem Mülleimer hat? Eine Familie in einer viel zu kleinen, abgewohnten Wohnung im Hochhaus? Nicht unwahrscheinlich, denn das sind Bilder, die Armut in den Medien oft veranschaulichen sollen. Und es ist weder ganz falsch noch ganz richtig.
Laut Paritätischem Armutsbericht gelten über 13 Millionen Deutsche als arm beziehungsweise als armutsgefährdet. Zählt man die Belastung durch die Wohnkosten dazu, sind es sogar über 18 Millionen. Den wenigsten sieht man ihre finanzielle Situation tatsächlich an. Jenseits der plakativen und verzerrten Darstellungen ist Armut damit häufig unsichtbar, und somit sind arme Menschen auch oft ungehört.
Unser Verband möchte das schon lange ändern. Immer wieder versuchen wir, armutsbetroffenen Menschen eine Stimme und ein Gesicht zu geben, denn sie sind Expert*innen in eigener Sache. Gleichzeitig werden sie viel zu selten gehört, denn anders als große Wirtschafts- und Interessensverbände fehlt Armen logischerweise das nötige Geld, um lautstark mit großen Kampagnen auf sich aufmerksam zu machen. Und um das zu ändern, veranstalten wir als Paritätischer Gesamtverband in einer Woche gemeinsam mit der Diakonie und der NAK unseren Gipfel gegen Ungleichheit in Berlin-Kreuzberg. Hier treffen Wohlfahrt, Armutsbetroffene und Künstler:innen aufeinander und gehen in den Austausch.
Wahr ist aber auch: Es erfordert Mut, aufzustehen und zu sagen: "Ich bin arm!” Die Stigmatisierungen sind vielfältig. Die häufigste Erzählung ist sicher, dass man an seiner Armut selbst schuld ist. Man sei faul und ziehe das bequeme Leben mit Transferleistungen vor. Falscher kann ein Bild kaum sein. Schaut man sich die Bürgergeldstatistik an, steht nur ein gutes Drittel derer, die es beziehen, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Viele sind krank, pflegen daheim Angehörige und gehen arbeiten, müssen aber ihr geringes Gehalt „aufstocken“. Und wer Bürgergeld bezieht, muss sich trotzdem oft in den Behörden rechtfertigen oder sogar schikanieren lassen. Aber Vorurteile halten sich hartnäckig und schüchtern ein. Dagegen müssen wir und die Betroffenen sich wehren.
Das war auch der Aufhänger für dieses Magazin. Wir möchten an verschiedenen Beispielen aufzeigen, wie ärmere Menschen empowert werden können und wie wir als Wohlfahrtsverband sowie unsere Mitgliedsorganisationen dazu beitragen können. Dazu haben wir wieder einige Geschichten aus der Praxis sammeln können.
Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre.




















