
(Noch) keine Plattenmillionärin
Bernadette, du hast 2011 mal in einem Interview das prekäre Leben als dein „Lebensthema“ bezeichnet. Was meintest du damit?
Vielleicht meinte ich das ein bisschen philosophisch. Das prekäre Leben ist ja begrenzt und immer sehr wackelig und instabil. Man kann jederzeit aus dem Raster fallen oder umkippen und sterben. Ich meinte aber wohl auch mein selbstgewähltes Künstlerinnen-Prekariat, das auch sehr instabil und unvorhersehbar ist. Das merke ich immer an den Steuererklärungen und dem Geld, was ich dann entweder zahle oder zurückkriege. Ich merke es auch an meiner Existenzangst. Oft weiß ich Anfang des Jahres nicht, ob ich Ende des Jahres meine Miete noch zahlen kann. So etwas thematisiere ich schon seit vielen Jahren in meiner Kunst. Vielleicht mache ich das auch, weil ich dieses Prekariat selbst gewählt habe. Eine Existenzangst gibt es bei mir auch, aber ich habe auch eine Art Resilienz dagegen entwickelt. Aus dieser Unsicherheit ziehe ich auch Kreativität. Mir macht das Spaß, ins kalte Wasser zu springen. Dadurch habe ich, glaube ich, auch Empathie für andere Menschen, die sich in prekären Situationen befinden. Daher habe ich früh angefangen, mich in der Kunst mit Biografien und Menschen auseinanderzusetzen, die in prekären Lebensverhältnissen sind, also noch viel prekärer als ich. Gegen die Menschen, mit denen ich mich in meiner Kunst auseinandersetze, ist mein Leben schon relativ privilegiert.
Inwiefern?
Ich komme aus einer Mittelschichtfamilie, aber mein Vater hat all sein Geld verloren. Ich erwarte auch keine Erbschaft. Als ich auszog, musste ich mich auf einmal um meinen eigenen Lebensunterhalt kümmern. Ich glaube, das hat meine Zukunft ganz schön bestimmt. Mit Musik habe ich nicht angefangen, um damit reich und berühmt zu werden und mich abzusichern. Das war selbst in den Neunzigern nicht so einfach möglich. Diese Leute, die direkt in die Charts wollten, haben wir immer verachtet. Wir wollten selbstbestimmt Musik machen und uns nicht reinreden lassen. Ich habe früh angefangen, Straßenmusik zu machen, und bin als Jugendliche durch Europa getrampt. Dabei habe ich viele Leute kennengelernt, die gestrandet waren. Ich war noch nicht ganz so gestrandet. Ich konnte immer noch zurück in ein Zuhause. Viele von den Leuten, die auf der Straße gespielt haben, konnten das nicht. Denen fühlte ich mich aber auch sehr nahe. Das ist ein wichtiger Teil meiner Biografie.

Das besagte Interview ist ja schon relativ alt. Wie ist das denn jetzt 15 Jahre später, von der Kunst zu leben, in Zeiten von KI-Musik, geringen Streaming-Einnahmen und schrumpfenden Kultur-Etats?
Das hat sich natürlich sehr geändert. Schon Ende der Neunziger konnte man mit Tonträgern weniger Geld verdienen. Mit dem Vinyl-Revival war es kurzzeitig wieder besser, aber man konnte nicht mehr davon leben. Mir war damals schon klar, dass ich mit meiner Band „Die Braut haut ins Auge“, die damals aus vier bis fünf Frauen bestand, keinen Lebensunterhalt sichern kann. Meine Mitmusikerinnen sind zum Teil zurück in ihre alten Jobs gegangen oder haben sich umgeschult. Auch ich habe eine Bookingagentur gegründet und habe mich sehr vernetzt, unter anderem in feministischen Netzwerken. Außerdem habe ich bei einem Plattenlabel als Promoterin gearbeitet und meine Solokarriere weiter vorangetrieben. Es war sowohl eine klare wirtschaftliche als auch eine kreativ-künstlerische Entscheidung. Ich merkte, dass ich mit elektronischen Mitteln und Beats inzwischen dieselbe Energie wie mit einer ganzen Band erzeugen kann, aber das Geld nicht teilen muss. Wenn man nicht so berühmt war wie Tocotronic oder Wir sind Helden, ging das nicht.
Wie bist du Chorgründerin geworden?
Ich habe angefangen, im Theater zu arbeiten. Als Musikerin, aber auch Regisseurin oder Texterin. Dort konnte ich mich in partizipative Theaterprojekte einbringen. Dabei habe ich ein ganz neues Talent, mit Laien zusammen Lieder zu schreiben, an mir entdeckt. Eines der ersten Projekte dieser Art war die „Bettleroper“ mit Armutsexperten und Menschen mit Obdachlosigkeitserfahrung in Freiburg. Wir wollten bewusst ärmere Menschen nicht als Opfer auf die Bühne stellen. Stattdessen haben wir sie damals „Avantgarde-Bettler“ getauft, um dem Mittelstand und der Mittelschicht zu zeigen, was sie in der Zukunft erwartet und wie sie damit umgehen können. Es war auch ein bisschen selbstironisch gemeint, aber sie waren schon bewusst als Expertinnen und Experten auf die Bühne.
Und 2019 hast du dann den Chor der Statistik gegründet. Bist du da auch so vorgegangen wie bei der „Bettleroper“?
Die Arbeit in Freiburg war eher etwas zwischen Sozialarbeit und künstlerischer Umsetzung eines Theaterstücks. Danach habe ich noch viele andere Theaterstücke gemacht. Das mache ich bis heute, auch immer noch, mit Teilhabe von ganz unterschiedlichsten Gruppen: Kinder, Jugendliche, Geflüchtete, Senior*innen, Leute aus unterschiedlichsten Ländern, Feministinnen mit Frauen unterschiedlichsten Alters. Das wurde neben meinen Alben immer mehr mein Hauptarbeitsfeld. Neben dem Theater habe ich weiter Chöre gegründet. Der Chor der Statistik ist jetzt mein Hauptchor. Den habe ich schon seit sieben Jahren, er ist mein nachhaltigster Chor, den ich neben einigen anderen temporären Chören noch habe.

Welche Aktivitäten macht ihr mit dem Chor außer klassisches Chorsingen natürlich?
Mit dem Chor der Statistik singen wir an unterschiedlichsten Orten im öffentlichen Raum. In Gärten, auf Demos gegen die Klimapolitik oder gegen Gentrifizierung und Mieterhöhungen. Am 9. März sind wir auch beim Internationalen Frauenstreik aufgetreten. Wir wollen die öffentlichen Plätze zurückerobern. Wir haben auch schon als „Chor der Nachbarschaft“ in einem Theaterstück der Regiestudentin Linda Glanz mitgespielt. Es hieß „Innere Häuser“ und wurde von und mit vier obdach- und wohnungslosen Frauen konzipiert.
Wie entstehen die Lieder und worum geht es?
Die meisten Lieder sind von mir. Es gab sie entweder schon vorher oder sie wurden für den Chor der Statistik geschrieben. Einer unserer ersten Songs war „Die Häuser denen, die drin wohnen“, und der handelt von der Zukunft des Hauses der Statistik und wie wir sie uns vorstellen. Tatsächlich ziehen ja zahlreiche gemeinwohlorientierte Projekte ein und wir sind eins davon. Für ein Europa der offenen Grenzen habe ich zum Beispiel eine Europahymne in verschiedenen Sprachen geschrieben. Wir haben aber auch Klimasongs und ein Liebeslied an die Lausitz im Repertoire.
Wenn Künstlerinnen und Künstler sich politisch engagieren, geht es sehr häufig gegen Faschismus oder die AfD, was ja auch völlig richtig ist. Soziale Themen sind aber nicht so häufig ein Thema. Du bist ja eine Ausnahme. Warum glaubst du, ist es so?
Es ist immer einfacher, sich von etwas abzugrenzen, als konkrete Utopien zu benennen. Ich finde es aber total wichtig, dass man auch Vorschläge macht. Es gibt ein Lied von meinem alten Freund Knarf Rellöm, darin heißt es: „Ihr seid immer nur dagegen, macht doch mal bessere Vorschläge.“ Und daraufhin antwortet er: „Nein, nein, nein, nein.“ Das ist auch eine Möglichkeit, sich den Faschisten entgegenzustellen. Ich glaube aber, im Moment brauchen wir andere Ideen und Konzepte. Die müssen meiner Meinung nach darin bestehen, dass wir uns die visionäre Leere auf der linken Seite mit konkreten Utopien füllen. Und dazu gehört auch, dass wir mit guten Ideen und Vorschlägen die Klimakrise bekämpfen, die überall schon in der Luft schwirren. Die müssen nur auch politisch umgesetzt werden. Und natürlich müssen wir auch die Ungleichheit in der Gesellschaft bekämpfen. Die führt ja unter anderem dazu, dass die Rechten und die Faschisten überhaupt so eingreifen können und die Welt immer weiter auseinanderspalten. Das sind schon immer meine Themen und die werde ich auch weiterhin besingen.
Glaubst du, dass Kunst im Allgemeinen und Popmusik im Speziellen immer politisch sein sollte?
Nein, das glaube ich nicht. Immer wenn etwas irgendwie „zu sein“ hat, dann bin ich schon mal grundsätzlich dagegen. Es gibt natürlich Gründe, warum man in dieser Zeit die Politik nicht aus der Kunst raushalten kann. Also, wenn jemand das tut, dann ist es vielleicht auch eine gegenläufige Bewegung. Es gibt auch gute, verinnerlichte, zu sich selbst findende Musik. Dafür gibt es auch Gründe und das tut vielleicht einigen Leuten gut. Das muss es vielleicht auch geben. Dieser Eskapismus ist aber nicht mein Weg. Mir ist wichtig, die Dinge auszusprechen, über die sich keiner mehr zu sprechen oder zu singen traut. Bei den Chören, die ich gründe, sind die Diskussionen über die Texte oder die Textfindung fast so wichtig wie das Singen. Es ist immer auch ein demokratischer Prozess, die Meinung der anderen nicht nur auszuhalten, sondern auch zu singen, also sie zu emotionalisieren und dadurch körperlich zu machen. Die Polarisierung ist so weit fortgeschritten, dass wir uns gar nicht mehr trauen, irgendwas zu sagen. Alle haben Angst davor, dass sie auseinandergenommen werden. Die schöne harmonische Gemeinschaft könnte ja zusammenbrechen, aber wir müssen üben, irgendwie dagegenzuhalten. Wir müssen auch lernen, Kompromisse zu finden, und das kann man mit dem Chorgesang ganz gut. Man muss Dinge diskutieren, aber dann auch wieder zu einem Kompromiss finden, den alle mittragen können. Und das ist ein künstlerisches und demokratisches Mittel.
