
Frauenpower in Gotha
Frau Rose, was genau macht das Projekt „Gemeinsam stark – Migrantinnen starten durch“ und wie stärken Sie migrantische Frauen?
Vielleicht erkläre ich zunächst einmal, an wen wir uns richten. Wir helfen geflüchteten Frauen, die einen gesicherten Aufenthaltstitel haben, also nach 2015 zugewandert sind und mindestens ein Jahr hier bleiben dürfen. Wir dürfen also niemandem mit Duldung oder im Asylverfahren helfen und auch keinen Frauen, die hier einen Schulabschluss gemacht haben.
Der Ablauf ist dann folgender: Zunächst führen wir Einzelgespräche durch und klären, was überhaupt die Ziele der Frauen sind und wie sie diese erreichen. Oft vermitteln wir Sprach- und Integrationskurse. Leider wird das immer schwieriger, weil derzeit viele Kurse weggekürzt werden. Kurse für das sprachliche B2-Niveau wurden minimiert, obwohl man das Level für die meisten Ausbildungen braucht. C1 wird schon gar nicht mehr bei uns angeboten. Manchmal suchen wir den Frauen auch direkt einen Job. Ein Teil möchte nur einen Minijob, meist suchen die Frauen eine Teilzeitbeschäftigung, um die Kinderbetreuung auch leisten zu können.
Oft haben unsere Klientinnen schwierige familiäre Situationen, etwa wenn sie in Abhängigkeitsverhältnissen zu gewalttätigen Männern sind. Da braucht es durch uns sehr viel Beziehungs- und Vertrauensarbeit, bis die sich öffnen. Wenn wir dann einen Zugang zu ihnen haben, versuchen wir, neben den Qualifikationsmöglichkeiten auch sie zu empowern, besonders mit herausfordernden Freizeitangeboten, zum Beispiel Klettern. In der Kletterhalle müssen sich die Frauen oft erstmal überwinden und etwas trauen. Wenn sie dann aber mal eine zwölf Meter hohe Wand erklommen haben, merken sie, dass sie viel mehr können, als sie selbst glauben.
Alle unsere Teilnehmerinnen sind Frauen. Das ist wichtig für die Gruppe. Denn nur so trauen sie sich, auch mal untereinander sensiblere Themen anzusprechen und sich auszutauschen. Zu den Themen, die sie beschäftigen, laden wir auch oft unterschiedliche Gäste ein, die aus der Praxis berichten. Wir hatten schon Vertreter*innen von Krankenkassen, der Polizei oder Mitarbeiterinnen des Frauenhauses Gotha, die zum Thema häusliche Gewalt referiert haben.
Manchmal kommen die Ideen aber auch von unseren Frauen. Nachdem wir in Erfurt eine Kunstausstellung zum Thema häusliche Gewalt besucht haben, wurden wir gefragt, ob wir sowas nicht auch machen können. Und jetzt haben wir über das Programm “Demokratie leben!” ein kleines Kunstprojekt beantragt, das jetzt im September startet. Das ist auch sehr empowernd für die Frauen, wenn sie merken, dass sie selbst in die Öffentlichkeit treten können.
Welche Rolle spielt Armut bei ihren Klientinnen?
Das ist ein großes Thema. Ich hatte gerade erst ein Beratungsgespräch mit einer Frau aus Eritrea. Sie hat zwei Kinder und lebt getrennt von ihrem Mann, beide wohnen aber noch im gleichen Haus. Das Jobcenter will, dass das Jugendamt Unterhaltsvorschuss zahlt. Das Jugendamt wiederrum sagt, dass sie das nicht tun, wenn die Eltern im gleichen Haus leben. Und meine Klientin hat immer wieder versucht, selbst über die Runden zu kommen, bis sie über 3000 Euro Nachzahlungen vom Jobcenter hatte. Sie saß in Tränen aufgelöst vor mir und meinte, sie hätte kein Geld mehr, um sich Essen für ihre Kinder zu kaufen. Zum Glück helfen sich die Frauen auch viel untereinander und bekochen sich.
Oft spielt auch Rassismus in Behörden eine Rolle. Das hat die InRa-Studie kürzlich auch belegt. Die Frauen werden dort nicht so gut behandelt und ich merke aber auch: Wenn ich als deutsche Frau mit den Behörden rede, sind sie eigentlich ganz umgänglich. Wenn unsere Klientinnen sich aber schlecht ausdrücken können und Zeitdruck in den Behörden herrscht, werden sie abgefertigt. Deswegen beantragen sie oft die Leistungen nicht, die ihnen zustehen.

Wie würden Sie einen Zusammenhang zwischen wenig Geld und mangelnden Partizipationsmöglichkeiten erklären?
Wenig Geld sorgt dafür, dass die Frauen sich nicht trauen, Freizeitangebote wahrzunehmen, weil sie Angst haben, diese nicht bezahlen zu können. Deshalb sage ich immer, dass wir die Frauen an die Hand nehmen müssen. Wir berichten auch von Bildungs- oder Sportangeboten oder zeigen Möglichkeiten auf, was man mit den Kindern machen kann. Am besten ist es, wenn wir sie einladen oder sogar mit ihnen dahingehen. Wir haben zwar ein paar toughe Frauen, die zu Angeboten hingehen und auch andere ermuntern, aber das sind die Wenigsten.
Dazu kommt noch die Sprachbarriere. Viele Frauen haben daher gar nicht die Informationen, die sie zur Partizipation benötigen. Dann trauen sich viele gar nicht zu Angeboten, weil sie nicht wissen, wie die Menschen vor Ort reagieren.
Das fehlende Geld ist das eine. Aber viele ziehen sich auch aufgrund ihrer Rassismuserfahrungen zurück. Gotha ist nun mal leider keine weltoffene Stadt.
Die AfD hat bei der Bundestagswahl 40 Prozent bekommen, der gewählte Wahlkreiskandidat ist ebenfalls von dieser Partei. Wie merken die Frauen das?
Im Moment merkt man es noch nicht so akut, weil sie aktuell in den Parlamenten noch keine Mehrheit haben. Die Frauen merken es eher in der Bevölkerung an den rassistischen Haltungen. Eine syrische Klientin hat mir letztens erzählt, dass sie von einem älteren Mann an der Bushaltestelle wegen ihres Kopftuches beleidigt wurde. Das würde sie jeden Tag hören und daher ist sie jetzt nach Nordrhein-Westfalen gezogen. Viele ziehen sich aufgrund solcher Erfahrungen zurück, sind fast nur noch allein zuhause und gehen maximal noch zu unseren Angeboten und nicht mal mehr auf den Spielplatz mit den Kindern.
Politisch macht mir die Zukunft schon Sorge, besonders was mögliche Mittelkürzungen bei Projektförderungen angeht, etwa bei „Demokratie leben!“. Bereits jetzt ist es prekär. Unser Projekt wird von zwei Frauen mit jeweils 30 Stunden betreut und deckt jetzt schon nicht den Bedarf. Realistisch glaube ich nicht, dass wir noch lange weiterfinanziert werden.
Hätten Sie vielleicht zum Abschluss noch Beispiel, wo ihr Projekt besonders gut funktioniert hat?
Eine Klientin von mir aus Afghanistan ist in ihren Vierzigern und hat noch nie außerhalb ihres Haushaltes gearbeitet. Sie möchte aber unbedingt hierbleiben und lernt sehr motiviert Deutsch, auch selbstständig mit YouTube-Videos. Für das Bleiberecht braucht man aber eine Arbeitsstelle. Nun arbeitet sie, wohnt weiterhin in Gotha und pendelt jeden Tag mit dem Bus. Das sind nur 10 Minuten mit dem Auto bis ins Dorf. Für sie ist das aber sehr weit weg, da sie noch nie selbstständig irgendwohin gefahren ist. Frauen aus Afghanistan dürfen da nicht ohne die Begleitung eines Mannes fahren. Dann habe ich ihr eine Reinigungsstelle in der Schule meiner Kinder vermittelt. Sie hat wenig Schulbildung und war auch sehr unsicher, hatte zum Beispiel große Angst, Ärger zu kriegen, wenn der Bus nicht kommt und sie sich verspätet. Wir mussten ihr gut zureden und immer erklären, dass alle sie unterstützen. Die Schule war nach dem Probearbeiten auch echt zufrieden mit ihr. Als sie mit dem Arbeitsvertrag ankam, dachte ich, ich sehe nicht richtig: ein unbefristeter Arbeitsvertrag. Das hätte ich nicht erwartet. Nach der Probezeit kann sie damit ihren Aufenthaltstitel erneuern und in Deutschland bleiben!
Das Interview führte Philipp Meinert