
Obdachlos in die Oper?
Wenn man fragt, was wohnungs- und obdachlose Menschen am dringendsten benötigen, dürfte die Antwort sein: einen sicheren Schlafplatz. Angesichts der anhaltenden katastrophalen Situation auf dem Mietenmarkt ist die einfachste Lösung gleichzeitig die Schwierigste. Auf Platz zwei und drei der dringendsten Bedürfnisse folgen dann sicher Nahrung und Hygiene. Aber kaum jemand denkt bei Obdachlosigkeit an das Bedürfnis nach Kultur.
Selbstverständlich aber haben alle Menschen ein Grundbedürfnis nach Kunst und Unterhaltung – völlig egal, ob sie eine Wohnung besitzen oder nicht. So war es auch bei Uwe, der früher ohne eigene Wohnung lebte und inzwischen bei Union für Obdachlosenrechte, kurz UFO, engagiert ist. Bereits vor 30 Jahren war er zum ersten Mal nach einer Zwangsräumung obdachlos. 2003 folgte erneut eine Wohnungslosigkeit, „durch Selbstverschulden“, wie er zugibt. Zwischenzeitlich hat er geheiratet, aber nach der Trennung von seinem Mann war er 2018 erneut für zweieinhalb Jahre ohne festen Wohnsitz.

Hier setzt die Arbeit von KulturLeben an, die in Berlin den Zugang zu Kultur auch für ärmere Menschen ermöglichen möchte. Maximilien da Cruz, der bei KulturLeben nur Max genannt wird und aus Frankreich kommt, arbeitet im Projekt “Kultur hat Platz für Alle! Kulturelle Teilhabe für obdachlose und wohnungslose Menschen.” Als der studierte Musikwissenschaftler 2017 nach Deutschland kam, konnte er kaum Deutsch, wohnte aber in der Nähe der Geschäftsstelle von KulturLeben. „Aufgrund der Sprachbarriere habe ich mich zunächst nicht herausgetraut“, berichtet Max. „Als ich dann aber ein Praktikum suchte, bin ich reingegangen.“ Nach seinem Praktikum bekam er eine Bundesfreiwilligenstelle und schließlich ein reguläres Arbeitsverhältnis.
Seit Juli 2025 besteht das Projekt und das Angebot ist vielfältig. Workshops, Lesungen, Stadt- und Museumsführungen, Theater, Comedy und Kabarett und alles Mögliche an Musik gebe es, so Max. Und das alles in Veranstaltungsorten unterschiedlichster Größen: „Das geht von der kleinen Kulturstätte im Kiez bis in die Uber-Arena oder der Philharmonie“, erklärt Max.
Der Görlitzer Park ist kein Veranstaltungsort, aber auch hier findet Kultur statt. So zum Beispiel am 10. September. Dort gibt es eine Kundgebung unter dem Motto „Menschen sind kein Müll“ und neben Reden auch Auftritte der Bands Dirty Feetz, Waifish und Die Ausreden. Anna und Moritz machen Straßensozialarbeit bei Gangway e.V. und waren bei der Organisation der Kundgebung beteiligt.
Auf die Bands sei man über persönliche Kontakte gekommen, erklärt Moritz im späteren Gespräch. „Aber wir versuchen dabei auch, ein relativ breites Spektrum abzudecken. Wir haben auch versucht, größere Acts anzufragen, aber da prallt man an irgendwelchen Bookern ab.“ Es war bereits die zweite Veranstaltung dieser Art. „Es wäre cool, wenn wir es schaffen würden, das weiter zu stemmen“, ergänzt Anna. Die Organisation, die beide neben ihrer Kernarbeit absolviert haben, hätte sie schon herausgefordert, aber man wolle die Veranstaltung regelmäßig anbieten. „Und es ist ja auch eine coole Sache für unsere Adressat*innen, die dort auch eine gute Zeit haben können“, so Moritz.

Einen Tag nach der Kundgebung, am 11. September und damit am Tag der wohnungslosen Menschen, findet eine Pressekonferenz in den Schöneberger Räumen von KulturLeben statt. Hier wird das Projekt von Max vorgestellt, der ebenso wie Uwe für UFO auf dem Podium sitzt. KulturLeben hat einige Erfolge vorzuweisen. Bereits 30.000 Eintrittskarten konnte der Verein in den 16 Jahren seines Bestehens kostenlos an Menschen mit wenig Geld ausgeben. Aber es gibt auch Barrieren bei der Arbeit, die hier offen angesprochen werden. Hier kann Uwe nicht nur aus seinen eigenen Erfahrungen als ehemaliger Wohnungsloser, sondern auch aus seinem aktuellen Engagement berichten, wenn er Menschen auf der Straße motivieren will, zu einer Veranstaltung zu kommen. Von der Scham, die eigene Bubble zu verlassen und überhaupt an einer Veranstaltung teilzunehmen. Gerade ärmere Menschen hätten eher die Tendenz, sich zu verstecken und möglichst unsichtbar zu sein. Der Besuch eines Kinos oder eines Konzerts kann eine unglaubliche Hürde sein.
Auch Max kann dies beobachten. Später im Interview erklärt er: „Viele Menschen waren im persönlichen Gespräch sehr interessiert. Ich habe ihnen dann mitgeteilt, wo sie sich für die Veranstaltungen anmelden können. Von zehn Interessierten kam dann aber doch nur eine Person.“ Dass es nicht reicht, einfach nur ein Angebot zu machen und die Leute kommen zu lassen, hat man bei KulturLeben schon lange erkannt. Daher gibt es auch immer wieder Veranstaltungen direkt in sozialen Einrichtungen, die sehr gut besucht seien. Das hat noch einen weiteren positiven Effekt, wie Max weiter ausführt: „Wenn wir eine Veranstaltung direkt für die Menschen machen, haben Sie stärker das Gefühl, dazu zu gehören und teilzuhaben.“

Auch Gangway will so viele kulturelle Angebote wie möglich machen, steht aber vor ähnlichen Herausforderungen: „Es gibt bei unseren Klient*innen viele andere Grundbedürfnisse, die in dem Moment wichtiger sind. Für Kultur bleibt da oft keine Zeit“, erklärt Moritz. Aber für diejenigen, die Zeit hätten, gibt es immer wieder tolle Erlebnisse, ergänzt Anna. Mit ihren Klient*innen gehen sie in Konzerte, in Comedyshows oder auch mal ins Kino. Die Freude würde sie oft sehr rühren, sagt die Streetworkerin: „Einmal meinte eine Person nach einem Kinobesuch zu mir, dass sie zum ersten Mal nach langer Zeit zwei Stunden abschalten und nicht darüber nachdenken musste, wo sie als nächstes Schnorren könnte oder ihren Schlafsack ausrollen müsse.“ Auf der Straße seien die Leute ständig „angeschaltet“, so Anna, und müssen ständig ihre Umgebung im Blick haben.
Gemeinsame Kultur- und Veranstaltungserlebnisse sind für Moritz und Anna ein wichtiger Teil der Beziehungsarbeit mit Adressat*innen. Gemeinsam wird überlegt, welche Veranstaltungen interessant sein könnten. Im Vordergrund steht dabei nicht die Vermittlung von Eintrittskarten, sondern das gemeinsame Erlebnis: Zeit miteinander zu verbringen, Beziehungen aufzubauen und zu festigen und sich auch einmal außerhalb der üblichen Kontexte der Straßensozialarbeit zu begegnen. Dafür fragen die Sozialarbeiterinnen dann auch direkt bei Veranstalter*innen nach kostenlosen Tickets. So hatte ein Kollege von Gangway Karten für ein Konzert organisiert. Dadurch kommen auch die Sozialarbeiter*innen immer wieder an Orte, an denen sie sich sonst vielleicht nicht unbedingt wiederfinden würden. „Da waren wir dann bei den No Angels“, sagt Anna und lacht leicht verlegen.

Und welche Bedeutung hat Kunst und Kultur gesamtgesellschaftlich, um auf Armut und Obdachlosigkeit aufmerksam zu machen? „Sie kann ein Teil der Öffentlichkeitsarbeit sein“, meint Moritz. Das Thema wäre trotz seiner Dringlichkeit gerade nicht ausreichend präsent, findet der Sozialarbeiter. Er macht die Wirkung an einem konkreten Beispiel fest: „Letztes Jahr hat eine Band sehr viele junge Leute gezogen, die sich dann auch die Redebeiträge zu Wohnungslosigkeit angehört haben und sich vielleicht zum ersten Mal mit dem Thema beschäftigt haben.“
Max geht noch einen Schritt weiter. „Nichtweiße, Queere und Menschen mit Behinderung tauchen immer mehr in Filmen, Serien und Plakaten als ganz normale und voll integrierte Figuren auf, sodass das Stigma nicht im Mittelpunkt steht. Obdachlose bisher nicht.“ Er wünscht sich eine obdachlose Hauptfigur, ganz ohne die üblichen Klischees.
Philipp Meinert