
„Das Schicksal der Menschen ist denen egal“
Dielen, hohe Decken, geschnitzte Holzbalken: Harald Thomé empfängt in einer ehemaligen Bahnhofshalle. Der Loher Bahnhof, 1870 im bergischen Baustil errichtet und einst mit Schiefer verkleidet, war Teil der Rheinischen Strecke – gebaut für den Aufschwung. Seit 2009 residiert hier Tacheles, der Erwerbslosen- und Sozialhilfeverein, den Thomé vor über 30 Jahren mitgegründet hat und dem er vorsitzt. Sozialberatung, Seminarräume, Wohnbereich. Ausgerechnet in Wuppertal, der Heimat von Friedrich Engels, der schon 1845 beschrieb, wie aus einem Recht eine Gnade wird. Sein Geist schwingt in dieser Halle ein wenig mit.
„Wir haben hier vor Corona ein Café angeboten“, sagt Thomé und nippt an seiner Tasse am großen Holztisch. Heute setzten sie andere Prioritäten: „Unser Ziel ist nicht Gastronomie betreiben, sondern Sozialberatung und politische Interessensvertretung.“ Jetzt läuft alles über die Telefonzentrale: anrufen, das Problem schildern, Unterlagen „rüber schaffen“ – per Mail, Messenger oder Einwurf, wie es passt. Danach bespricht das Team die Fälle. „Vorher kamen 80 Prozent ohne Papiere, die mussten wir eh erstmal nach Hause schicken, um die Unterlagen zu holen. Jetzt arbeiten wir 1000-prozentig effizienter.“ Verdichtete Arbeit wird notwendig, wenn es mehr zu tun gibt.

„Anwalt der armen Menschen“
Acht bis zehn Leute arbeiten in der Beratung, insgesamt sind es 15 bis 18 – Beratung, Öffentlichkeitsarbeit, Telefonzentrale, überwiegend ehrenamtlich. Allein 2023 half das Team mehr als 1.500 Menschen aus Wuppertal und Umgebung, dazu Hunderte bundesweit am Telefon. „Unser selbst ernannter Auftrag ist es, arme und entrechtete Menschen zu unterstützen“, sagt Thomé.
Seit der Ampelkoalition, sagt er, sei der gesellschaftliche Druck auf Sozialleistungsbeziehende deutlich gewachsen, und dieser Druck komme in den Amtsstuben an. Er nennt es Leistungsbezieher-Bashing. Dazu die klammen Kommunen: Wenn gespart werden muss, fangen die Verhinderungsstrategien an, meint Thomé. „In der Coronazeit gab es vereinfachte Verfahren, da hieß es: Wir glauben euch.“ Heute stünden Antragsteller unter Generalverdacht.
Beispiele hat er viele. Ein Handwerker, Jahrzehnte gearbeitet und ins Steuersystem und Sozialkassen eingezahlt, nun insolvent, sitzt in einer zu großen Wohnung, deren Kosten die Grundsicherung nicht tragen will. Er findet eine neue – aber ohne Zustimmung zur Anmietung der Wohnung keine Kaution, ohne Kaution keine Wohnung. Anrufe, Mails von dem Menschen werden im Amt ignoriert. „Ich finde es unglaublich, dass denen das Schicksal der Menschen so egal ist.“ Jetzt, nachdem Tacheles sich eingeklinkt hat, laufe es.
Ein anderer Fall zieht sich über drei Jahre: Nachweise anfordern, nachfragen, wieder nachfragen – ein Spiel auf Zeit. 40.000 Euro standen aus. Was macht ein Mensch Jahre ohne Geld, wenn er es dringend braucht? Die Folgen kennt Thomé: Schulden, Wohnungsverlust, Hunger, wenn Kinder mit im Haushalt leben: Kindswohlgefährdung. Würde, Essen, Gleichheit – auf dem Papier garantiert das Grundgesetz jedem ein unantastbares Existenzminimum. Auf dem Papier.

Wenn Digitalisierung ausschließt
Einer Klientin, der Strom abgedreht. Früher, sagt Thomé, habe man das mit einem Anruf geklärt. Heute brauche er eine Vollmacht, die nur auf Deutsch abgegeben werden darf – wer kein Deutsch kann, habe keine Chance. Mails blieben unbeantwortet, Anrufe kämen nicht durch, Post brauche fünf Tage. Nach zwei Wochen stehe der Kontakt. Zwei Wochen ohne Strom. Dabei seien die Behörden gesetzlich verpflichtet, mit Beratungsstellen zusammenzuarbeiten – Paragraf 17 Absatz 3 SGB I. Er kennt die Paragrafen aus dem Effeff.
„Es gibt tausende strukturelle Probleme“, sagt Thomé, und es werde schlimmer: Ab dem 1. Juli greifen Verschärfungen in der Grundsicherung, unter anderem bei den angemessenen Unterkunftskosten. Wird die Miete stärker an Quadratmeterpreise oder an das Anderthalbfache der örtlichen Mietobergrenze gekoppelt, werde es noch schwerer, passenden Wohnraum zu finden. „Eine Frau schmeißt ihren gewalttätigen Mann raus, die Wohnung ist zu groß, sie muss in kurzer Zeit umziehen: Viel Spaß beim Untergehen.“ Auch die neuen Sanktionen treiben ihn um, besonders die Nichterreichbarkeitsfiktion – wer dreimal nicht zum Termin erscheint oder Fristen verstreichen lässt, gilt als nicht erreichbar. „Ich kenne Leute, die machen Briefe nicht auf.“ Diese angstgestörten, psychisch Kranken würden hinten runterfallen. „Links ist vorbei", hat Merz gesagt – und versetzt damit den Sozialstaat zurück ins Mittelalter.
Recht haben, Recht bekommen
Neben der Halle ein Büro, Sticker mit der Aufschrift „Kein Platz für Nazis“ kleben auf der Tür. Von hier aus prüfen die Tacheles-Mitarbeitenden Bescheide, scannen Unterlagen, rufen Behörden an – bis zu 400 Stunden pro Woche kommen im gesamten Team zusammen. Aus dem ehemaligen Bahnhofsgebäude kommen auch die Stellungnahmen zu Gesetzgebungsverfahren, die dem Verein bundesweit Gewicht geben – ebenso wie zum Beispiel der „Leitfaden Grundsicherung“ und die Datenbank zu den Kosten der Unterkunft.
Die Bescheide auf diesen Tischen sind Einzelfälle. Zusammen ergeben sie ein Muster. Wie viele wehren sich? Eine Expertise, die Tacheles im September in Berlin vorlegte, liefert die Zahlen. Rund eine halbe Million Widersprüche gegen Jobcenter-Entscheidungen gingen 2025 bundesweit ein, von Januar bis Juli 2026 kamen 31 Prozent mehr dazu, die Eilverfahren stiegen um 125 Prozent. Und wer sich wehrt, hat oft recht: Jedes dritte bis vierte Widerspruchsverfahren endete 2025 mit einer Korrektur – bei gut der Hälfte der erfolgreichen Widersprüche wegen Fehlern oder Versäumnissen der Verwaltung. Nur – wer stellt den Antrag, wenn niemand hilft?
Theoretisch funktioniere das Recht, sagt Thomé. Praktisch fänden immer weniger Betroffene Anwältinnen und Anwälte, die Sozialrecht machen – zu schlecht bezahlt, stressig. Übrig blieben Überzeugungstäter. Und die Künstliche Intelligenz? Sie mobilisiere die Menschen ihre Rechte wahrzunehmen, sagt Thomé, produziere aber auch Unsinn. Je mehr Recht bereits im Antragsverfahren mit Füßen getreten werde, desto mehr Rechtsprechung brauche es.

Ein Totenkopf am Mauersockel
Ums Haus herum, an der Nordbahntrasse, führt der Weg zu den Seminarräumen: vorbei an Mosaikwänden und an einem Mauersockel, in den Thomé selbst große bunte Glassteine eingearbeitet hat. In einer Ecke steht ein Totenkopf. Bunt, unkonventionell.
Im großen Seminarraum gibt der Vorsitzende keine Kurse mehr, nur noch online. Gegründet wurde Tacheles nach dem rassistischen Brandanschlag von Solingen 1993, bei dem fünf Frauen und Mädchen starben. Die Haltung ist geblieben. Hier bereitet der Verein auch Demonstrationen vor, etwa jene nach den Correctiv-Recherchen über ein Geheimtreffen von Rechtsextremen: 13.500 Menschen kamen nach Thomés Angaben zusammen, die nach seinen Worten größte Demo in Wuppertal seit 50 Jahren. „Das hat Mut gemacht“, sagt Thomé – auch wenn es nicht lange gehalten habe.
Nebenan sind weitere Büros angedockt. Weniger Arbeit wird es nicht.
Draußen rollen Radfahrer über die alte Gleistrasse, die einst für den industriellen Aufschwung der Stadt stand. Der berühmteste Sohn dieser Stadt hat beschrieben, wie man ein Recht abschafft, ohne es abzuschaffen: Man macht es so unangenehm, dass keiner es will. Muss man 180 Jahre später immer noch dafür kämpfen? Im Loher Bahnhof tun sie das – Fall für Fall.
Isabell Block
Sozialportal.net
Mit www.sozialportal.net betreibt Tacheles e.V. eine bundesweite, trägerübergreifende Suchmaschine für Hilfsangebote. Verzeichnet sind nach Vereinsangaben weit über 20.000 Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen sowie Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte. Ratsuchende finden dort Anlaufstellen in ihrer Nähe, Beratungsstellen nutzen das Portal für die Verweisberatung. Tacheles erhält keine öffentlichen Fördergelder und finanziert sich über Spenden.