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Ausgabe 03 | 2026: Armut bekämpfen!
Schwerpunkt

Bühne frei für Geschichten, die das Leben mit Armut schreibt

Armutsgipfel vom Paritätischen und der Diakonie im Herbst 2026

In so mancher Talkshow feiert das Armen-Bashing gerade fröhliche Urstände. Der Unmut von Menschen, die zu Recht verärgert sind, dass ihnen trotz harter Arbeit zu wenig zum Leben bleibt, wird dabei gegen jene gelenkt, die noch weniger haben. Anstatt Maßnahmen zu ergreifen, die den „hart Arbeitenden“ wirklich Entlastung bringen würden, wie z. B. konsequente Mietenregulierung, wird erzählt, es müsse nur den Arbeitslosen und Armen schlechter gehen, damit sie sich besser fühlen könnten. 

In dieser gesellschaftlichen Situation führen der Paritätische Gesamtverband und die Diakonie Deutschland zusammen mit der Nationalen Armutskonferenz und der Heilig-Kreuz-Kirche einen Armutsgipfel durch. Nachdem die beiden Wohlfahrtsverbände viele Jahre getrennt voneinander Armutskongresse bzw. Armutskonferenzen durchgeführt hatten, war für 2026 sehr schnell klar, dass alle eine Zusammenarbeit wünschen. Schließlich können sich so die verschiedenen Stärken gut ergänzen. Zudem sprechen die vielen Anfeindungen, die alle erfahren, die mit Empathie über arme Menschen reden, dafür, stärker zusammenzurücken und zusammenzuhalten.

Die Scham muss die Seite wechseln.

Beteiligung von Menschen mit Armutserfahrungen, Austausch zwischen Praxis und Wissenschaft sowie die Adressierung des politischen Raums mit armutspolitischen Fragestellungen – das sind die drei Ziele des Armutsgipfels. Eine der Inputgeberinnen am ersten Tag ist die Tafel-Geschäftsführerin Sirkka Jendis. Sie ist zugleich die Autorin des Buchs „Armut hat System“. Die Keynote der Publizistin Carolin Emcke, die den zweiten Tag eröffnet, trägt den Titel „Die Scham muss die Seite wechseln“. In diesen Worten steckt eine Haltung, die auch das Vorbereitungsteam motiviert: Nicht jene, die von Armut betroffen sind, sollten sich schämen. Vielmehr gilt es, die gesellschaftlichen Ursachen von Armut in Angriff zu nehmen. 

Im Rahmen dieses Gipfels finden am 30.09. und 01.10. 2026 folgende drei Veranstaltungen in räumlicher und zeitlicher Nähe statt:

  • erstens das Treffen von Menschen mit Armutserfahrungen, welches das Bundesministerium für Arbeit und Soziales finanziert,

  • zweitens die Fachveranstaltung „Praxis meets Wissenschaft“ mit 200 Teilnehmenden, welches durch die Glückspirale unterstützt wird und

  • drittens die Abendveranstaltung zum Legislativen Theater mit bis zu 500 Teilnehmenden, welche durch die Robert-Bosch-Stiftung gefördert wird.

Andreas Labes
Autorin Dr. Carolin Emcke

Nicht nur wie ÜBER arme Menschen gesprochen wird, sondern auch wie MIT ihnen gesprochen wird, gehört hinterfragt. Deshalb hat sich das Vorbereitungsteam gründlich mit gelingenden Ansätzen der Partizipation von Menschen mit Armutserfahrungen auseinandergesetzt. So wurde erstens daraufhin gewirkt, dass in allen Workshops nicht nur die Perspektiven aus Wissenschaft und Politik einfließen, sondern auch die der Betroffenen selbst. Schließlich sind sie die Expert*innen des Alltags, wenn es um Armut geht. Beim Grand Opening, also der Eröffnung, spricht zweitens auf der Bühne nach der Sozialministerin Bärbel Bas mit Manja Starke eine Vertreterin der Nationalen Armutskonferenz. Drittens wurde über das Treffen von Menschen mit Armutserfahrung sichergestellt, dass an den Tagen des Gipfels mindestens 50 Armutsbetroffene vor Ort teilnehmen können, weil alle Kosten für ihre Teilnahme übernommen werden. So dass nicht nur auf den Panels, sondern auch in der Teilnehmerschaft die Expert*innen der Praxis eine größere Gruppe darstellen. Eine besonders innovative Form der Beteiligung stellt viertens das Legislative Theater dar.

So viel mehr als Kunstgenuss – das Legislative Theater 

Die Theaterschaffenden Harald Hahn und Jens Claußen haben bereits mit verschiedenen Betroffenengruppen (u.a. Alleinerziehenden) Projekte des Legislativen Theaters erfolgreich durchgeführt. Am Abend des 30. Septembers 2026 werden in der Heilig-Kreuz-Kirche Theaterszenen von Menschen, die von Armut betroffen sind, auf die Bühne gebracht. Die von Armut betroffenen Menschen sind dabei nicht nur Schauspielende, sondern mit ihren Erlebnissen auch kollektive Autor*innen der Szenen.  Die Erarbeitung des Stücks erfolgt in Workshops im Vorfeld.

Zudem ermöglicht das Legislative Theater eine Beteiligung des Publikums, das an bestimmten Punkten an die Stelle der Schauspielenden treten kann und somit andere Perspektiven auf die Bühne bringen kann. Durch die Moderation erfolgt die aktive Einbeziehung der Legislative. So werden die Abgeordneten in einzelne Szenen reingeholt und daraufhin befragt, welche Gesetzesänderung für das gezeigte Problem Abhilfe schaffen könnte oder welche Verordnung geändert werden müsste, um einen positiveren Ausgang der Szene zu ermöglichen. Es ist sehr erfreulich, dass mit Andreas Audretsch, Annika Klose, Ottilie Klein und Janine Wissler fachlich zuständige Bundestagsabgeordnete aus den vier demokratischen Fraktionen ihre Teilnahme zugesagt haben.

Das Legislative Theater ist also so viel mehr als reiner Kunstgenuss oder bloßes Erleben von Betroffenheit. Vielmehr sollen die Szenen zum Ausgangspunkt eines gemeinsamen Nachdenkens werden, was sich ändern soll. 

Dieser Abend steht ganz im Zeichen gesellschaftlich intervenierender Ästhetik. Wir sind Marc-Uwe Kling und Bernadette La Hengst mit dem Chor der Statistik sehr dankbar, dass sie mit ihrer Kunst an diesem Abend Aufmerksamkeit auf die Erfahrungen von Armutsbetroffenen lenken.

Zum Abschluss ein großes Dankeschön an all die Mitarbeitenden und Mitwirkenden, die mit ihrem Einsatz die Durchführung dieser Veranstaltungen erst möglich machen. 

Katja Kipping, Geschäftsführerin des Paritätischen Gesamtverbandes

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