
Bessere Chancen durch SILKY4FUTURE
Auch im wohlhabenden Baden-Württemberg ist Kinder- und Jugendarmut eines der drängendsten sozialen Probleme: Fast jedes fünfte Kind und jeder vierte junge Mensch zwischen 18 und 25 Jahren ist von Armut betroffen oder gefährdet. Armut raubt jungen Menschen nicht nur materiellen Spielraum, sondern systematisch ihre Zukunftschancen, ihre soziale Teilhabe und das Vertrauen in Gesellschaft, Politik und demokratische Strukturen. Diese Kinder und Jugendlichen erleben Angst und Scham und das unverschuldet, denn sie sind Teil armer Familien.
Hier setzt SILKY4FUTURE an und baut auf den Erfahrungen und Erfolgen der Vorgängerprojekte SILKY und SILKYplus auf. Als Verbundprojekt des Paritätischen Baden-Württemberg und der Werkstatt PARITÄT gemeinsam mit acht Trägern werden benachteiligte Jugendliche und ihre Familien an 26 Standorten in Baden-Württemberg auf ihrem individuellen Lebens- und Berufsweg begleitet. Landesweit werden Kinder und Jugendliche vor Ort auf das Berufsleben vorbereitet und „fit gemacht“ mit praxisnahen Angeboten zu Berufsorientierung, Finanz- und Medienkompetenz, Gesundheit, politischer Teilhabe und sogar Wohnungssuche. Im Fokus stehen soziale Inklusion, der Übergang Schule–Beruf und Armutsbekämpfung.

Die Social Inclusion LABs
Kern des Projekts sind neben der festen Bezugsbetreuung die Social Inclusion LABs – Lern-, Erfahrungs- und Gestaltungsräume, in denen sogenannte Future Skills vermittelt werden: Fähigkeiten für Alltag, Ausbildung, Beruf und Selbstständigkeit. Im Future LAB werden die jungen Menschen bei der Berufsorientierung, Praktikumssuche und digitalen Bewerbungen unterstützt. Im Finance LAB werden Ansprüche geklärt, Anträge bearbeitet, der Umgang mit Geld geübt und Schuldenprävention vermittelt. Themen wie Wohnungssuche, Mietverträge und den Einzug in die erste eigene Wohnung werden im LAB Wohnen behandelt. In weiteren LABs wird sich den Themen Gesundheit, Ernährung, Bildung, digitaler sowie sozialer und kultureller Teilhabe gewidmet.
Junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren werden hier darin gestärkt, eigenständig Zukunftsperspektiven zu entwickeln und ihren Lebensweg selbstbestimmt zu gestalten.
„Der Unterschied zur ‚normalen' sozialen Arbeit besteht für mich darin, dass wir bei SILKY4FUTURE die Möglichkeit haben, Lösungsansätze und Arbeitstechniken aus unterschiedlichen Arbeits- und wissenschaftlichen Bereichen im Sinne der LABs auszuprobieren und dabei die Jugendlichen und ihre Bedarfsgemeinschaft ganzheitlich im Fokus stehen." (Projektmitarbeiterin, Tübingen)
Entscheidend ist die Haltung: Die Angebote sind freiwillig, kostenfrei und ohne feste, kurzfristige Zielvorgabe. Es gibt keine Sanktionen bei Abbrüchen, sondern ein Willkommen-zurück-Prinzip. Feste Bezugspersonen begleiten die jungen Menschen so lange, wie sie es brauchen, im Schnitt ein Jahr, in Einzelfällen bis zu drei Jahren. Wo Regelsysteme feste Zielvereinbarungen und Fristen setzen, schafft SILKY4FUTURE Raum, wirklich gemeinsam mit den Jugendlichen zu arbeiten und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen.
Ein armutssensibler Umgang und die eigene Haltung regelmäßig zu hinterfragen, ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit im Projekt. Aktuell fand im Rahmen des Projektes und der Reflexion der sozialen Arbeit mit jungen benachteiligten Menschen ein Workshop zum Thema „Klassismus in der sozialen Arbeit“ im Kupfer in Mannheim bei und mit Ausweg Rhein-Neckar e. V. statt. Im Austausch mit armutserfahrenen Menschen wurden die eigenen Erfahrungen, Arbeitsweisen und Haltung reflektiert und so Ansätze für die Integration in die eigene Arbeit und Multiplikator*innenrolle erarbeitet.

Empowerment in der Praxis: Zwei Erfolgsgeschichten
Eine 18-jährige Teilnehmerin am Standort Pforzheim kam mit einem breiten Spektrum an Unterstützungsbedarfen ins Projekt. Im Social LAB fand sie Raum für Begegnung und den Aufbau von Selbstvertrauen. Im LAB Bildung wurden grundlegende Alltagskompetenzen wie Deutschkenntnisse und Lesen gefördert. Bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen und der Orientierung im Übergang in Ausbildung und Beruf wurde sie im Future LAB begleitet. Im Finance LAB erhielt sie Unterstützung bei Anträgen zur Existenzsicherung. Das Projekt holte sie dort ab, wo sie stand – individuell, niedrigschwellig und ganzheitlich.
Ein anderer Teilnehmer stand unter erheblichem Druck durch lange Schultage, schulischen Stress und finanzielle Herausforderungen im Familiensystem. Im Social LAB fand er einen geschützten Gegenpol: Raum für Kreativität, Selbstausdruck und Erholung. Parallel gelang es dem Projekt, auch die Mutter einzubeziehen: Mit Unterstützung im Future LAB fand sie den Weg auf den Arbeitsmarkt, die finanzielle Situation der Familie entspannte sich spürbar – eine Entlastung, die unmittelbar auch dem Sohn zugutekam. Dieser Fall zeigt exemplarisch, was SILKY4FUTURE auszeichnet: die nach Möglichkeit konsequente Einbeziehung des Familiensystems und die Verzahnung mehrerer LABs.
Weitere Erfolgsfaktoren des Projektes
Ein wichtiger Aspekt des Projekts neben der Arbeit mit den Teilnehmenden ist die kontinuierliche fachliche Weiterentwicklung des Projekts und der Mitarbeitenden. So entstand aus einem Praxistag zur Finanzkompetenz, bei dem sich Projektmitarbeitende mit dem eigenen Wissen und ihren Glaubenssätzen zum Thema Finanzen auseinandersetzten, das Finance LAB „Let's talk about money". Eine Projektmitarbeiterin resümiert: „Das Thema Finanzen ist eigentlich bei Jugendlichen, aber auch bei Fachkräften unbeliebt. Durch unser LAB Finanzen beschäftige ich mich als Fachkraft nochmals ganz anders damit und schärfe meine Wahrnehmung."
In der verbleibenden Projektlaufzeit sollen auf Basis kontinuierlicher Evaluierung weitere Themen in den Blick genommen werden: z.B. Medienkompetenz und Mediensucht, psychische Belastungen junger Menschen und ihrer Familien, Genderaspekte in der Berufsorientierung, Vertrauensverlust in Politik und Demokratie sowie das Armutsrisiko bei queeren jungen Menschen.
Ergänzt wird die Projektarbeit durch Aufklärungs- und Lobbyarbeit: Am Standort Tübingen finden regelmäßig öffentlichkeitswirksame Lesungen von und mit armutserfahrenen Autor*innen statt. Der Paritätische bringt im Rahmen der Lobbyarbeit die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Gesamtprojekt und die daraus entstehenden Bedarfe in den politischen Diskurs ein.
Auch der hohe Vernetzungsgrad innerhalb des Projekts, über die Grenzen der Träger hinaus, in den Kommunen und Netzwerken ermöglicht den kollegialen Austausch, bei Bedarf die nötige Weitervermittlung ins Hilfesystem, Nutzung von Synergieeffekten und nahezu lückenlose Arbeit entlang der Präventionsketten.

Armut ist strukturell – die Last darf nicht bei den Jugendlichen liegen
„Bei aller positiven Projekterfahrung gilt eine klare Grenze: Empowerment und Projektarbeit ersetzen keine gerechte Sozialpolitik und auskömmliche Finanzierung der Angebote. Die Armut junger Menschen ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck struktureller Ungleichheit. Geringe Einkommen, hohe Mieten, unzureichende Sozialleistungen, ein Bildungssystem, in dem Herkunft Chancen mitbestimmt, und Diskriminierung beim Zugang zu Ausbildung und Arbeit lassen sich nicht durch individuelle Anstrengung beseitigen. Dem wollen wir mit SILKY4FUTURE entgegenwirken und Kindern und Jugendlichen die Chance geben, ihre eigenen Stärken zu erkennen, weiterzuentwickeln und mit Zuversicht die eigene Zukunft zu gestalten. Dabei gibt es keine Pauschallösung. Zukunftsperspektiven werden individuell erarbeitet, angepasst an den Lebensweg der jungen Menschen und die familiäre Situation." sagt Sabine Wild, Projektleitung von SILKY4FUTURE beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg.
Kontakt zur Autorin
Sabine Wild ist Fachreferentin für Armut beim Paritätischen Baden-Württemberg und Projektleitung von SILKY4FUTURE // Der Paritätische Baden-Württemberg // Hauptstraße 28 // 70563 Stuttgart // Mobil: 0157 8507 5520 // E-Mail: wild@paritaet-bw.de
Weitere Infos zum Projekt
SILKY4FUTURE auf der Homepage des Paritätischen Baden-Württembergs
Förderhinweis
