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Ausgabe 04 | 2021
Schwerpunkt

Interview mit Sadija Klepo (Hilfe von Mensch zu Mensch e.V.)

Sadija Klepo wurde 1954 in Jablanica in Bosnien-Herzegowina geboren. Die Diplomjournalistin musste 1992 nach Deutschland fliehen. Sie ist Gründerin des Vereins "Hilfe von Mensch zu Mensch" in München. Für ihre Aktivitäten wurde sie mehrfach ausgezeichnet. 2003 erhielt sie die „Goldene Brücke“, 2010 die „Europa-Medaille“ des Freistaats Bayern.

Frau Klepo, alle Parteien werben derzeit um die Stimmen der Wähler*innen. Unabhängig vom Wahlrecht: Werden Menschen mit Fluchterfahrung genug gesehen?

Leider werden diese Menschen, und ich gehöre auch zu dieser Gruppe, überhaupt nicht gesehen. Ich finde sehr schade, dass die Politik uns nur als Problem oder finanzielle Belastung in der Gesellschaft sieht und nicht als Bereicherung und eine wichtige Ressource für die Zukunft.

Seit fast 30 Jahren lebe ich in Deutschland, habe drei erwachsene Kinder - alle Akademiker - und drei Enkelkinder. Ich darf nicht zur Wahl gehen, weil ich die bosnische Staatsbürgerschaft habe. Die Geflüchteten stehen nach ihrer Ankunft in der Aufnahmegesellschaft vor großen Herausforderungen und unter einem enormen Anpassungsdruck.

Viele von ihnen sind enttäuscht, desillusioniert und frustriert, da sie nur schwer Zugang zum Wohnungs- und Arbeitsmarkt finden und das Ankommen in der neuen Gesellschaft nicht leichtfällt. Sie erfahren wenig Anerkennung und haben häufig Selbstzweifel, da sie keinen Beitrag für die Gesellschaft leisten können. Ihre Motivation ist es aber, sich in der Aufnahmegesellschaft zu beweisen und für die Zukunft ihrer Kinder einen Beitrag zu leisten.

Wir können viele gute Beispiele für eine positive Entwicklung der ehemaligen Geflüchteten nennen. Wenn rechtzeitig geeignete Maßnahmen durchgeführt wurden, kann man in kürzester Zeit die positiven Ergebnisse deutlich erkennen. Dies

Sadija Klepo

Wie beurteilen Sie die Politik für Geflüchtete der aktuellen Bundesregierung und was wünschen Sie sich von der kommenden?

Es gibt natürlich Verbesserungen im Bereich Sprache zu lernen und teilweise in der Bildungspolitik. Jedoch hat die Corona- Krise gezeigt, dass Migrantenkinder und besonders Flüchtlingskinder weniger Chancen haben, schulische Erfolge zu erzielen.

Der virtuelle Unterricht kann nicht verfolgt werden und die Unterstützung der Eltern ist hierbei auch nicht gewährleistet. Ich wünsche mir bessere Voraussetzungen für die Flüchtlingskinder und die Ausbildungschancen für junge Menschen – es geht hierbei schließlich um die Zukunft unserer Gesellschaft.

Wir müssen mehr Freiräume und mehr kreative neue Träger der Erwachsenenbildung zulassen, die auf einen Blick die Ressourcen und Fähigkeiten von Geflüchteten erkennen, um sie schneller in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Wenn sie morgen ein Gesetz ändern oder ganz abschaffen dürften: Welches wäre das und warum?

Ich würde das Ausländergesetz so ändern, dass der Aufenthalt der Geflüchteten nicht von der Länge ihres Daseins in Deutschland abhängig ist, sondern von ihren Bemühungen, Sprache zu lernen, sich zu engagieren, eine Arbeit zu finden und die Kinder in der Schule zu unterstützen.

Es geht in Deutschland nicht nur um die Gesetzte, sondern um eine veraltete bürokratische Art, über die Neuankömmlinge zu urteilen. Die neue Regierung sollte dies im Auge behalten, wenn sie eine neue integrative Gesellschaft aufbauen will. Ihr Ziel sollte es sein, den neuen Herausforderungen der Welt, die Stirn zu bieten.

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