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Ausgabe 04 | 2021
Schwerpunkt
Das Hartwig-Hesse-Quartier von oben (Foto: Hartwig-Hesse-Stiftung)

Pflege braucht mehr Personal, bessere Bezahlung und Kooperationen

Pflegeeinrichtungen leiden seit Jahren unter Personalmangel. Trotzdem oder gerade deshalb entwickeln sie neue Konzepte, damit ältere Menschen gut versorgt und gepflegt werden. Die Hartwig-Hesse-Stiftung in Hamburg hat die Pflege im Quartier entwickelt, die Volkssolidarität in Plauen/Oelsnitz setzt auf Netzwerken. Beide wissen: Der Pflegeberuf muss endlich so anerkannt werden, wie er es verdient.

Monika Rössig verwahrt sechs Haustürschlüssel, gießt, wenn nötig, auf sechs Balkonen die Blumen, kocht regelmäßig für ihre 95jährige Nachbarin und ist ehrenamtliches Tagesfrauchen für einen Rauhaardackel. Gute Nachbarschaft nennt sie das und sagt: „Ich brauche das“. Die 79jährige wohnt in einer öffentlich geförderten Seniorenwohnung im Hartwig-Hesse-Quartier. Das ist ein integratives Projekt mitten in der Stadt Hamburg, in dessen Gemeinschaftsraum wir sitzen.

Frau Rössing mit ihrem Rauhaardackel Daniel auf der Couch (Foto: Gerlinde Geffers)

Die gute Nachbarschaft ist für Maik Greb, den Geschäftsführer der Hartwig-Hesse-Stiftung, ein Baustein, um dem Mangel an Pflege- und Hauswirtschaftskräften zu begegnen. Einkaufen sei zum Beispiel eine Arbeit, für die es keine Fachkraft brauche, sondern Nachbarn und Freunde. Greb ist beileibe kein Sparfuchs, Greb ist Realist. Ihm fehlen die Fachkräfte.

Dienste nicht besetzen zu können, Anfragen abweisen zu müssen, Pflegekräften mit Extradiensten die Wochenenden zu verhageln, das frustriert ihn. „Ich habe kein Verständnis dafür, dass eine Pflegefachkraft weniger verdient als jemand, der in Wolfsburg einen Golf 8 zusammenbaut“, sagt er. Um den Beruf attraktiver zu machen, setzt sich Greb politisch unter anderem für einen besseren Personalschlüssel und eine bessere Bezahlung ein – ohne dabei die Kosten auf die Pflegebedürftigen abzuwälzen.

Maik Greb (Foto: Hartwig-Hesse-Stiftung)

Pflege im Quartier – mitten in der Stadt

Konzepte, die Greb anstößt, zielen darauf ab, für ältere Menschen mit wenig Einkommen einen Platz in einem lebendigen Wohnquartier zu schaffen – mit einem fein abgestimmten Hilfesystem im Rücken bis hin zur stationären Pflege. Pflege im Quartier nennt er das. Das entspricht dem Geist der Hartwig-Hesse-Stiftung, sagt Maik Greb.

Sie hat vor fast 200 Jahren die „Förderung der Altenfürsorge und Unterstützung bedürftiger Personen“ zum Ziel gesetzt und kostenlosen Wohnraum für mittellose Witwen und ihre unverheirateten Töchter geschaffen.

Aus der Stiftung ist heute ein gemeinnütziger Träger von ambulanter Pflege, Tagespflege und stationärer Pflege geworden, der 290 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, darunter 20 Auszubildende. Zudem gibt es Wohnanlagen mit und ohne Betreuung. Über 900 Personen werden von der Stiftung versorgt.

Wenn Maik Greb den Stiftungszweck in die Moderne übersetzt, benutzt er Begriffe wie Urbanität, Gemeinschaft, Integration, Familie, Kinder, Mischung der Generationen. Diese Vision wurde zum konkreten Plan, als vor einigen Jahren klar war: Hartwig Hesse’s Witwen-Stift in Hamburg St. Georg konnte nicht saniert werden.

Anfangs hat Monika Rössig das sehr bedauert. Sie wohnte seit 2007 in einem der kleinen Häuschen mit dem Rosengarten in der Mitte. „Ein Traum“, sagt sie, „aber leider alt, feucht und kalt.“ Als sie hörte, dass die charmante Siedlung abgerissen werden musste, war sie erst geschockt und dann fand sie es gut: „Bei den heutigen Grundstückpreisen muss man einfach nach oben bauen, um Wohnraum zu schaffen.“

Kurze Wege, mehr Zeit für Pflege

Für die Stiftung bot sich so die Chance, ein völlig neues Nutzungskonzept zu entwickeln. So wurden aus 90 Wohnungen 97 öffentlich geförderte und 9 frei finanzierte Wohnungen für Menschen über 60 Jahre und Menschen mit besonderem Bedarf, 4 Wohnungen für pflegebedürftige ehemalige Obdachlose und eine WG für drei junge Frauen. Hinzu kam auch ein ganzes Haus mit 15 geförderten Wohnungen für junge Familien und Wohngemeinschaften und einer Wohn-Pflege-Gemeinschaft für 10 Menschen mit Demenz im Erdgeschoss. Außerdem: ein Kindergarten, die Verwaltung der Hartwig-Hesse-Stiftung und ein ambulanter Pflege- und Hauswirtschaftsdienst.

Den nehmen etwa 25 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner in Anspruch. Je nach der Pflegebedürftigkeit kann auch bis zum Pflegegrad 5 in der eigenen Wohnung versorgt werden. Wenn sie irgendwann eine vollstationäre Pflege benötigen, müssen sie maximal ein paar Straßenzüge weiterziehen in Häuser, mit denen die Hartwig-Hesse-Stiftung schon seit langem kooperiert. Sie bleiben im Quartier.

Projekte wie diese sind nur möglich, weil der Stiftung Grundstücke gehören, die heute unbezahlbar sind. Demnächst will sie noch ein weiteres Grundstück im Westen der Stadt entwickeln. Im Fall des Parkquartiers Hohenfelde hat sie sich als Dienstleister mit der Hansa Baugenossenschaft zusammengetan. Die bekam den Zuschlag für ein städtisches Grundstück, weil sie eine Tagespflege, eine Wohn-Pflege-Gemeinschaft und die ambulante Versorgung in den Wohnungen schon vor dem Bau einplante und Wohnungen bevorzugt an Menschen vergibt, die Unterstützung benötigen.

Ihr Partner ist die Hartwig-Hesse-Stiftung Durch die Anbindung an Wohnviertel sind die Wege für die Pflegekräfte kurz, besser planbar, die Kommunikation untereinander leichter und die Zeit für die Patienten länger. So kann der Pflegedienst seinen Anspruch auf Qualitätspflege aufrechterhalten.

Mehr Auszubildende, mehr angelernte Kräfte

Von kurzen Wegen kann die Volkssolidarität Plauen/Oelsnitz nur träumen. Im sächsischen Vogtlandkreis versorgen ihre 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter pro Tag rund 450 Patientinnen und Patienten – ambulant, teilstationäre oder stationär. Da kommt es vor, dass eine Pflegekraft von einem Bauernhof zum nächsten 15 bis 20 Minuten unterwegs ist.

Auch die Volkssolidarität ist historisch gewachsen. Gegründet als Aktionsbündnis gegen die Nachkriegsnot, widmete sie sich jahrzehntelang der Betreuung älterer Menschen und wurde nach der Wende ein Wohlfahrtsverein mit Alteneinrichtungen und Kitas. 1600 Mitglieder halten der Volkssolidarität Plauen/Oelsnitz bis heute die Treue. Auch wenn sie zu Ehrenämtern bereit sind, lösen können sie das größte Problem nicht.

Und das heißt auch hier: Personalmangel, nicht nur an Fachkräften, sondern auch an Mitarbeitenden in allen anderen Bereichen. Dass die oft wenigen auch noch zu viel mit „Dokumentationswahnsinn“ belastet werden, ärgert Susann Martin, Fachbereichsleiterin Pflege bei der Volkssolidarität Plauen/Oelsnitz, sehr. „Wir möchten in erster Linie am Menschen arbeiten, nicht an der Mappe“.

Susann Martin (Foto: foto19.de, Uwe Fischer)

Aktuell ist die Situation dramatisch. Im Vogtland hat Corona am Anfang des Jahres zeitweise zur Inzidenz von 800 pro 100 000 Einwohner geführt, Kitas und Schulen dicht waren, die Pflegekräfte mussten „das volle Programm stemmen“. Nun fordert die monatelange Höchstleistung ihren Tribut. Sie können nicht mehr. „Auf dem Papier hat man das Personal, aber die Ausfallquoten sind immens“, sagt Susann Martin. Was die Pflegekräfte an Vereinsamung, Leid und Tod erlebt haben, beginnen sie erst jetzt zu bearbeiten.

Um dem Mangel zu begegnen, hat Susann Martin verschiedene Strategien entwickelt: „Ausbilden, ausbilden, ausbilden“, ist eine. Immerhin: 80 Prozent der Azubis bleiben. In ihrer Not hat die Volkssolidarität außerdem die Leistungsgruppe 1 in der Pflege gewählt. Damit können angelernte Hilfskräfte einfache medizinische Aufgaben erledigen wie Kompressionsstrümpfe anlegen, Insulin spritzen oder Medikamente geben.

„Wir haben uns lange dagegen gesträubt, aber es ging nicht anders.“ Ebenso bitter findet es Susann Martin, wenn sie schrumpfen muss, also Anfragen abweisen muss und frei gewordene Plätze aus Personalmangel nicht mehr besetzen kann. Dennoch: Wichtig sind ihr vor allem die Mitarbeitenden. Deren Arbeitsbedingungen so familienfreundlich wie möglich zu gestalten, Teams zu bilden, in denen sich alle aufeinander verlassen können – das ist die Basis, die nicht gefährdet werden darf. „Da leisten die Pflegedienstleitungen große Arbeit“.

Kooperation statt Konkurrenz: Pflegenetzwerk Vogtland

Eine deutliche Entlastung schafft das Pflegenetzwerk Vogtlandkreis, das Susann Martin seit Jahren mitgestaltet. Mittlerweile netzwerken rund 174 Partner: Pflegedienste, Haushaltsdienste, Krankenhäuser, Krankenkassen, Wohnungsgesellschaften, Pflegeschulen, Betreuungsvereine und, und, und. Die Webseite des Pflegenetzwerkes ist die zentrale Adresse für Laien, die Informationen oder Einrichtungen rund um die Pflege suchen. Per einfacher Suchanfrage landen Sie bei Ansprechpartnern in ihrem Ort.

Die Profis haben untereinander einen gut eingespielten Austausch entwickelt, um Wissen zu teilen, Hilfe zu leisten und Verbesserungen anzustoßen. „Es gibt viel mehr zu tun, als jeder stemmen kann“, sagt Susann Martin. Die Kooperation reicht von praktischen Tipps zu neuen Medizinprodukten bis zu größeren Projekten wie etwa der Frage: „Wie kriegt man eine Demenzberatung im Krankenhaus hin?“

Über das Netzwerk wurden Impfungen von immobilen Menschen organisiert, Martin hat während der Pandemie sogar einen Sauerstoffkonzentrator aufgetrieben, den es eigentlich gar nicht mehr gab. „Netzwerken ist für mich ganz, ganz wichtig“, sagt Susann Martin. Es spart nicht nur Zeit und Geld, es schont auch die Nerven und führt zu mehr Arbeitszufriedenheit. Das wiederum fördert die Mitarbeiterbindung. Gerade haben sich verschiedene Träger zusammengetan, um gemeinsam mit Werbefirmen für die Ausbildung in Pflegeberufe zu werden.

Selbstständig in der Gemeinschaft – so lange wie möglich

Zurück im Hartwig-Hesse-Quartier. Vor dem Gemeinschaftsraum scharrt bereits die Kochgruppe mit den Füßen. Pünktlich um halb eins möchte sie Bewohnerinnen und Bewohner Reibekuchen mit Salat servieren. Im Innenhof, rund um den Gedenkstein für Hartwig Hesse, strecken derweil fünf Seniorinnen und ein Senior bedächtig die Arme zur Seite und dann nach vorn.

Ein Bein heben, nach hinten strecken, wie es die Anleiterin vormacht – das ist die Kür der Balancegruppe. An anderen Tagen rollt hier die Yogagruppe OMY ihre Matten aus. Yoga für Senioren wird nach Corona auch wieder drinnen möglich sein.

Solche Angebote organisiert Hausleiterin Gabriele Lüben. 90 Prozent der Mieterinnen und Mieter leben allein. „Ich bin dafür da, Gemeinschaft zu stiften“, sagt Lüben. Oder Krisen zu managen, etwa, wenn jemand ins Krankenhaus muss. Für diesen Service zahlt jede und jeder rund 55 Euro pro Monat. Lüben schließt das Café auf, das die Stiftung demnächst in Eigenregie betreiben wird – mit ehrenamtlichen Helferinnen, die hier wohnen.

Gleich gegenüber residiert die Fuß- und Handpflege.  Schließlich stellt sie noch das Ape-Mobil im Keller vor, ein überdachtes Motorrad mit drei Rädern, auf dem ein Ehrenamtlicher Bewohnerinnen und Bewohner auf Wunsch zum Markt oder anderen Ausflugszielen kutschiert. „Äußerst beliebt“ erzählt Lüben. Und ein guter Werbeträger für die Hartwig-Hesse-Stiftung.

Gabriele Lüben (Foto: Hartwig-Hesse-Stiftung)

Als Monika Rössig in ihre Wohnung im 4. Stock eintritt, kommt ihr der Rauhaardackel Daniel schon entgegen. Ein kleines Schlafzimmer, ein großer Wohnraum mit Küche, davor ein Balkon über die ganze Wohnungslänge. Neben Blumen und Tomaten probiert sie es in diesem Jahr mit Kartoffeln.

Rössig blickt auf ihren Hof mit dem Gerontogarten für an Demenz Erkrankte aus der Pflege-WG, auf den Fitnessparcours für alle, den originellen rosa Sonnenschirm auf dem Balkon gegenüber. Ich möchte hier nicht wieder weg, sagt sie. „Bei uns klappt es einfach“. Über die Zukunft macht sie sich keine Sorgen. Es kann ja Stück für Stück professionelle Hilfe kommen, sagt sie. Das lasse sie auf sich zukommen.

Gerlinde Geffers

Weitere Infos

Volkssolidarität Plauen/Oelsnitz e. V.
Geschäftsstelle
Reißiger Str. 50
08525 Plauen
Telefon: 03741 146-500
www.vs-plauen.de, info(at)vs-plauen.de

Hartwig-Hesse-Stiftung
Gesamtverwaltung und Ambulanter Pflegedienst
Alexanderstraße 29
20099 Hamburg
Tel.: 040 / 25 32 84-0
www.hartwig-hesse-stiftung.de, info(at)hartwig-hesse-stiftung.de

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