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Ausgabe 01 | 2026: Still Queer!
Schwerpunkt
Interview

Eine engagierte Mutter

Wenn das eigene Kind sich als transident outet, stellt das Eltern vor Herausforderungen. Vor dieser stand auch Katrin Reiner. Inzwischen hilft sie beim Trans-Kinder-Netz anderen Eltern.

Frau Reiner, wie lief das Coming Out Ihres Kindes ab und was war Ihre erste Reaktion? 

Im Alter von 13 Jahren ging es meinem Kind schon etwas länger psychisch und körperlich nicht gut. Daraufhin haben wir uns psychologische Hilfe gesucht. Mein Sohn und ich mussten jeweils ein standardisiertes Formular ausfüllen. Eine Frage war: „Möchte Ihr Kind dem anderen Geschlecht angehören?“ Die habe ich mit „Vielleicht“ beantwortet. Diese Frage hat bei mir viel in Gang gesetzt und mein Kind hat das, glaube ich, auch gesehen. Am nächsten Tag habe ich ihn dann gefragt, ob er ein Junge sein möchte. Seine Antwort war: „Nein, Mama. Ich bin ein Junge.“ Er wurde biologischals Mädchen geboren. Zu der Zeit ist mein Sohn kaum rausgegangen und hat immer sehr weite Kleidung getragen, damit man seinen Körper nicht sieht. Sogar bei 30 Grad hat er Hoodies getragen. 

Meine erste Reaktion war große Erleichterung. Es fühlte sich an, als hätten wir einen Schlüssel zum Glücklichsein wiedergefunden. Seine vorherige Unbeschwertheit war abhanden gekommen, was ich zuerst gar nicht verstanden habe. Erst durch diese Frage habe ich realisiert, was los war. Dazu kommt: Es ist bereits neun Jahre her und das Thema Transidentität war noch nicht so stark in der Öffentlichkeit. Daher bin ich nicht darauf gekommen, was mit meinem Sohn los sein könnte. Aber er hat mir auch versichert, dass er selbst Zeit brauchte, um sich selbst klar zu werden und es uns zu sagen. Es sei schon OK so. 

Wurde das Coming Out auch von seinem Umfeld positiv aufgenommen? 

Ja, dass Umfeld hat auch super reagiert. In der ganzen Familie wurde es gut aufgenommen und er hat es seiner Klasse auch sagen können. Er war lange nicht in der Schule und sehr schüchtern. Wenn er Präsentationen halten musste, hatte er immer Bauchschmerzen und jetzt stellt er sich vor die Klasse und sagt allen, dass er trans* ist. Da hat auch die Schule super reagiert. Ein Großelternpaar hatte zunächst ein bisschen Mühe, es zu akzeptieren. Aber sie sind auch eine andere Generation und leben in einer Kleinstadt. Deshalb ist es sicherlich verständlich, aber hat sich auch schnell gewandelt und sie sind sehr offen geworden. Ich kann es nicht anders sagen: Wir hatten Glück mit den Reaktionen. 

Warum haben Sie sich dann entschieden, beim Trans-Kinder-Netz aktiv zu werden? 

Aktiv zu werden, war erst der zweite Schritt. Meine erste Reaktion auf das Coming Out meines Kindes war wie gesagt Erleichterung. Aber nach und nach kommen auch ganz unterschiedliche Ängste hoch, von denen ich heute weiß, dass andere Eltern sie auch haben. Das wäre etwa die Angst vor Diskriminierung des Kindes und einem schwierigen Leben, aber auch eine tiefe Trauer aufgrund des Gefühls, ein Kind zu verlieren. Und natürlich auch Zweifel, ob man alles richtig macht im Umgang . Es kommen ganz viele Gefühle in einem hoch. Wir haben uns sehr schnell bei Queer Leben professionell beraten lassen. Aber ich habe auch sehr schnell Trans-Kinder-Netz e.V. gefunden und hatte binnen weniger Tage ein Telefonat mit einer anderen Mutter. Das ist die Vorgehensweise im Netzwerk: Wenn sich ein Elternteil eines trans* Kindes an es wendet, wird ein telefonisches Gespräch angeboten. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie gut mir das getan hat, mit jemandem darüber zu reden, der meine Gefühle und Sorgen nachvollziehen konnte. Auch wenn mein Umfeld super reagiert hat, wusste es nicht, was in mir vorgeht. Da fühlte ich mich durch das Trans-Kinder-Netz  e.V. sehr gesehen und unterstützt. Dann sind wir als Eltern sehr schnell beigetreten und haben uns stark mit anderen ausgetauscht. Wir waren auch bei einem Familientreffen, bei dem mein Kind andere trans*-Kinder erstmalig kennengelernt hat. Da hat mein Kind ebenso wie ich gemerkt, dass er nicht allein ist und hat Austausch gefunden . Als wir als Familie dann in ruhigere Fahrwasser kamen, wollte ich gern etwas zurückgeben und andere Eltern auffangen und begleiten, die am Anfang sind. Lange war ich im Vorstand von Trans-Kinder-Netz e.V., nach wie vor bin ich in der telefonischen Elternberatung tätig und habe in Berlin einen Stammtisch gegründet, der sich einmal im Monat trifft.

Katrin Reiner

Transfeindlichkeit steigt messbar. Besorgt Sie die Entwicklung oder bekommen Sie davon nichts mit? 

Doch, wir bekommen das mit und es besorgt uns. Uns besorgen auch die politische Lage und die Entwicklungen. Immer mal wieder kommt die Nachricht, dass Hormone und andere medizinische Interventionen vielleicht in Zukunft selbst bezahlt werden müssen. Es ist noch nicht der Fall und wird hoffentlich nicht passieren. Aber die Stimmung ist allgemein verunsichert. Transfeindliche Narrative und gezielt von Rechten gestreute Fehlinformationen verfangen sehr stark. Das triggert bei uns trans Eltern genau das, vor dem wir sowieso schon Angst haben. Mein Sohn lebt stealth, sagen wir. Man sieht ihm seine Transidentität nicht an und er sagt es auch kaum jemandem. Das muss er ja auch nicht. Dadurch ist für mich eine gewisse Sicherheit eingetreten. Trotzdem sorge ich mich natürlich ganz allgemein um alle trans* Kinder  und Personen aufgrund der politischen Situation. 

Wie stehen sie eigentlich zum sog. Selbstbestimmungsgesetz? 

Das Selbstbestimmungsgesetz war schon ein großer Fortschritt. Mein Kind hat damals die <s>diversen</s> Änderung noch über das Transsexuellengesetz gemacht, also mit zwei  Fremdbegutachtungen und einer Richterin. Wir mussten etwa 15 Gutachten zu ganz unterschiedlichen Fällen einfordern. Jedes Mal musste mein Sohn seine Lebensgeschichte erzählen und sich rechtfertigen und das ist natürlich ein Stückweit entwürdigend. Es ist schon einmal gut, dass das bereits weggefallen ist. Auch nachdem was ich von anderen Eltern höre, scheint es in den Standesämtern bei den meisten sehr gut zu laufen. Eine Mutter hat mir sogar erzählt, dass ein Standesbeamter sich entschuldigt hat, dass er den Deadname aus formalen Gründen noch einmal sagen muss. Der Deadname ist der Name, den trans Personen bei der Geburt bekommen und den sie meistens nicht mehr hören möchten. Das fand ich sehr feinfühlig. 

Was wäre darüber hinaus noch nötig, um trans Kinder zu unterstützen? 

Wir finden , dass sich der Zugang zu guter und spezialisierter Gesundheitsversorgung noch einmal verbessern könnte. Es braucht mehr spezialisierte Anlaufstellen. Wir merken immer wieder, dass es zu langen Wartezeiten kommt. Dabei sind wir in Berlin noch gut dran. Wir haben ein Angebot an Endokrinolog*innen und Therapiemöglichkeiten, aber selbst in der Hauptstadt reicht es oft nicht. Und in der Fläche müssen Eltern manchmal stundenlang fahren, damit ihre Kinder gesundheitlich versorgt sind.

Mehr Beratungsangebote und die stabile Finanzierung wären wichtig. Außerdem noch der Schutz im Schulalltag. Das könnte man noch stärker durch Anti-Mobbing Programme absichern. Auch klare Regeln zum Umgang mit Namen und Pronomen sollten stärker verankert sein. Da haben wir immer wieder mit den Schulen Probleme. Außerdem sichere Umkleiden und Toilettenlösungen sowie Unterstützung und Begleitung für Familien. 

Transidente Kinder haben leider ein höheres Risiko für psychische Probleme oder sogar Suizid (aufgrund der Diskriminierungserfahrungen und des Stresses). Man müsste die psychische Gesundheit mehr in den Blick nehmen und Kinder- und Jugendtherapie anbieten. Und am Ende ist auch mehr Forschung wichtig, um die Datenlage zu verändern. Bisher gibt es noch zu wenig Langzeitforschung. 

Sehr wichtig ist uns das Thema Sicherheit, dass die Kinder und Jugendlichen nicht zwangsgeoutet werden und ihre Daten nicht weitergegeben werden. 

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