
Spaß muss sein
Lieber LCavaliero, was war eigentlich dein Erstkontakt mit dem Berliner Kulturbetrieb?
Als ich für mein Studium nach Berlin gekommen bin, kam ich schnell in Kontakt mit vielen verschiedenen queeren Gruppen und habe das Organisieren und die Gestaltung von Kultur-Events für mich entdeckt: Radical Cheerleading, die Lange Nacht der Gender Studies oder die Queer-Feministischen Aktionstage. Außerdem habe ich angefangen mit einer Drag-Gruppe aufzutreten, mit der bin ich dann durch ganz Europa getourt. Das war eine ziemlich coole Zeit.
Ab wann hat sich dein kulturelles Engagement professionalisiert?
Nach dem Ende meines Studiums 2014 habe ich angefangen bei der Programmgestaltung des SchwuZ, einem großen queeren Berliner Club, mitzuarbeiten. Die Arbeit dort hat mich sehr begeistert und ich wurde dann wenig später der künstlerische Leiter des Clubs. Insgesamt habe ich zehn Jahre das Programm dort gestaltet.
Wie würdest Du queere von nicht-queeren Club-Angeboten unterscheiden und warum muss es überhaupt eigene, queere Angebote geben?
Für mich ist ausschlaggebend, dass queere Personen sich wohl und frei fühlen können. Dafür sind queere Räume und auch queere Kulturveranstaltungen einfach wichtig – weil man dort mal frei von heteronormativem Druck feiern, sich mit anderen Queers real treffen, vernetzen und zusammen Spaß haben kann. Solche Räume sind nicht selbstverständlich. Im SchwuZ hatten wir Queers aus aller Welt zu Gast, die so etwas noch nie gesehen haben. Einen großen und professionellen Club, an dem fast alle, die dort arbeiten und feiern, queer sind. Ein Ort, an dem man plötzlich in der Mehrheit ist. Das fühlt sich sehr empowernd an und solche Momente sind für LSBTIQ+ immer noch extrem wichtig. In solchen Räumen muss man sich weniger Sorgen machen, Diskriminierungen oder gar Gewalt zu erfahren nur weil man so ist, wie man ist. Außerdem sind es Orte, in denen man ein positives Selbstverständnis auch über künstlerische Ideen und kreativen Ausdruck bildet. In den USA entstand daraus z. B. die Voguing-Szene, aber auch in Deutschland und gerade in Berlin sind viele Projekte der queeren Emanzipation daraus entstanden, wie die legendäre Berliner Tuntenkultur. Und inzwischen gibt es auch sehr viele talentierte Künstler*innen, die sogar international erfolgreich sind, wie etwa Kim Petras.
Wie siehst Du denn die teilweise Kommerzialisierung von queerer Kunst?
Ich freue mich für alle queeren Menschen, die mit ihrer Kunst Geld verdienen können. Und wenn sie im Mainstream ankommen, ist das auch ein unheimlicher Katalysator für queere Sichtbarkeit. Auf einer Community-Ebene birgt es schon die Gefahr, dass gewisse Räume nicht mehr so zugänglich sind, wenn sie sehr kommerziell sein müssen, um weiter existieren zu können. Da wird es dann schwierig, denn ich finde, es ist das Wichtigste, dass es Begegnungsräume gibt, die für alle offen sind. Ich versuche bei den Partys und Veranstaltungen, die ich organisiere, wie z.B. der Partyreihe Hi BOSSI oder der CHEERS QUEERS, Räume zu schaffen, die zugänglich, erschwinglich und diskriminierungssensibel sind und außerdem im Booking die Diversität der queeren Community abbildet und den großartigen queeren Künstler*innen eine Bühne gibt – ich will Orte schaffen in denen sich alle queeren Menschen willkommen, frei und gefeiert fühlen.

Diese queeren Räume, etwa das SchwuZ, verschwinden zunehmend oder sind stark bedroht. Was muss passieren, um diese zu erhalten?
Das sind verschiedene Ebenen. Wichtig wäre es zum einen, dass queere Kulturorte leichter an Förderung kommen und sie nicht bei dem, was sie tun, eingeschränkt oder zu stark reguliert werden. Queere Clubs werden zwar als Kulturorte von der Politik anerkannt, bekommen aber trotzdem kaum Förderung. Das ist ein Problem. Außerdem braucht es auch eine Unterstützung durch die LSBTIQ* Community. Mehr von einer reinen Konsumhaltung weg und sich stattdessen die Frage stellen, wie man diese Räume selbst aktiv unterstützen und mitgestalten kann. Ich glaube, wir brauchen sie gerade wieder vermehrt und werden sie in Zeiten des aktuellen Rechtsrucks noch mehr brauchen. Außerdem bedarf es klarer Regeln was Antidiskriminierung, Mobbing und toxische Führungsstile betrifft. Clubs, Kollektive und Künstler*innengruppen funktionieren meistens dann gut, wenn es eine hohe Anerkennung und Respekt untereinander gibt. Ist der Teamspirit verschwunden, geht es schnell bergab.
Derzeit erleben wir einen Rechtsruck. Nimmt auch der Druck auf trans* Menschen zu?
Ja, er nimmt zu. RechtspopulistInnen in Europa und den USA instrumentalisieren und dämonisieren trans* Menschen und schüren massiv trans*feindliche Stimmungen. Menschen wie Elon Musk oder auch die Autorin von Harry Potter stecken sehr viel Geld in Anti-Trans-Arbeit. Man merkt auch, wie vermehrt auf staatliche Institutionen Druck ausgeübt wird, um trans* Menschen die Unterstützung zu entziehen. Deshalb geht es darum, zu verteidigen, was erreicht wurde und dafür zu sorgen, dass trans*Menschen frei von Diskriminierung leben können. Denn nicht nur Hasskriminalität nimmt zu, sondern es wird generell die Existenz von trans* Menschen angezweifelt. Ich fürchte, da kommt noch Einiges auf uns zu und es ist wichtig, dass alle Demokrat*innen uns unterstützen und die Rechte von Minderheiten mitverteidigen. Denn wer gegen trans* Frauen hetzt, hetzt gegen Frauen und handelt antifeministisch. Trans*feindlichkeit ist oft das Einfallstor für RechtspopulistInnen, die sich schlussendlich gegen alle Queers richten.
LCavalieros Partys
09.05. Hi BOSSI! – die Party für Queers, Feminists and Friends im Monarch Berlin
Infos: https://www.instagram.com/bossi_queers_and_feminists/
23.05. CHEERS QUEERS im Monarch Berlin
Infos: https://www.instagram.com/cheers.queers.party/