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Ausgabe 01 | 2026: Still Queer!
Schwerpunkt

Mehr als Schwangerschaftsberatung

Bei profamilia kann man nicht nur Beratung bekommen, wenn eine Schwangerschaft vorliegt. Auch sexuelle Gesundheit für queere Menschen gehört zum Angebot. Darüber sprachen wir mit dem Arzt Taleo Stüwe.

Herr Stüwe, mit pro familia verbinden die meisten Menschen Schwangerschaftskonfliktberatung. Welche Angebote hat der Verband für queere Menschen?
Die Schwangerschaftskonfliktberatung ist ein zentrales Element der Arbeit von pro familia, aber keineswegs das Einzige. Der Verband bietet auch Beratung zu ganz anderen Themen rund um Sexualität und Reproduktion, wie zum Beispiel Kinderwunsch oder Empfängnisverhütung, an. Auch Sexual- und Paarberatung und Jugendsprechstunden sind Teil unseres Repertoires. Und das sind alles Themenfelder, die auch queere Menschen betreffen können. 

Grundsätzlich können auch queere Personen ungewollt schwanger werden und darauf angewiesen sein, die gesetzlich vorgeschriebene Beratung in Anspruch zu nehmen. Hier spielt Heteronormativität eine große Rolle: Die Annahme, dass queere Menschen nicht schwanger werden, ist nach wie vor relativ verbreitet.

Eine Grundlage für alle Angebote, ob auf dem Land oder in der Stadt, ist eine akzeptierende, wertschätzende und offene Haltung. Darüber hinaus gibt es zusätzlich spezifischere Beratungsangebote an einigen Standorten von pro familia, die sich gezielt an queere Personen richten. Denn queer-spezifisches Fachwissen und eine Sensibilität für queere Lebensrealitäten brauchen mehr Erfahrung mit der Lebenswelt und zusätzliche Weiterbildungen. Allgemeine Ausbildungen sind noch immer stark geprägt von heteronormativen Vorstellungen und reichen meist für queere Bedarfe nicht vollumfänglich aus. Deswegen ist es essenziell, dass es auch auf queere Personengruppen zugeschnittene spezifische Beratungsangebote gibt.

Ein anderer Arbeitsbereich von pro familia, in dem queere Lebensweisen eine große Rolle spielen, ist die Sexuelle Bildung. Mit 249.000 erreichten Personen in sexualpädagogischen Angeboten (2025) sind wir als führender deutscher Fachverband deutschlandweit in allen Bundesländern vertreten. Die Sexuelle Bildung wird in den eigenen Räumen oder aufsuchend, zum Beispiel in Werkstätten, Kitas und Schulen angeboten. In einem breiten Themenspektrum zählt sexuelle Vielfalt als wichtiger Bestandteil zu unserer Bildungsarbeit.

Seit wann gibt es queere Beratungsangebote und welche sind es genau?

Ich kann gern exemplarisch zwei spezifische Angebote von pro familia nennen. 
Es gibt queerformat, das in Rüsselsheim ansässig ist und seit 2019 existiert. Dabei handelt es sich um ein Beratungsangebot speziell für jugendliche und erwachsene Queers sowie deren Angehörige. Zwei Mitarbeiter*innen bieten Unterstützung beispielsweise beim Coming-out an, sowohl für Jugendliche als auch für Eltern. Zusätzlich werden auch Fortbildungsangebote für pädagogische Fachkräfte angeboten, das Team veranstaltet Projekttage zu queer-spezifischen Themen und vieles mehr. 

Ein anderes Beispiel ist das Projekt Quint*, eine Beratungsstelle für queere Menschen mit Gewalterfahrung und deren Angehörigen, die es seit 2023 gibt. Es ist ein - so weit mir bekannt ist - bundesweit einzigartiges Projekt, in dem sowohl explizit queersensibel als auch für die spezifischen Bedarfe und Fragen Gewalt-Betroffener qualifiziert gearbeitet wird. Dort entsteht ein Safer Space, wo von Gewalt betroffene Queers sich sicherer fühlen können, wenn sie über das Erlebte sprechen wollen. Und es wird bei Bedarf versucht, beispielsweise an Anwält*innen oder Therapeut*innen zu vermitteln, die besonders queersensibel sind. 

Mit welchen Fragen kommen denn queere Menschen zu den Angeboten pro familia?

Ich selbst bin als Referent nicht im Kontakt mit Klient*innen. Aus dem Projekt Quint* wurde mir berichtet, dass die ersten Anfragen oftmals sehr allgemein sind. Viele möchten erst einmal ein Beratungsgespräch ausmachen. Erst im persönlichen Gespräch, wenn ein Vertrauensverhältnis aufgebaut wird, kommen die Anliegen zur Sprache. In der Regel kommt als Aufhänger eine sehr konkrete und pragmatische Frage wie die nach queersensiblen Anwält*innen, Therapeut*innen oder Ärzt*innen. Im weiteren Gespräch kommt aber meist sehr viel mehr noch zur Sprache und viele weitere Fragen können gestellt werden.

Aus meiner Arbeit zu den spezifischen Bedarfen von queeren Personen im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit kann ich außerdem ein Beispiel aus der Trans*Gesundheitsversorgung geben: Wenn trans* Personen Hormone substituieren– also im Rahmen ihrer Transition Hormone einnehmen oder planen diese einzunehmen – kommt häufig die Frage auf, wie das die Fruchtbarkeit beeinflusst. Dabei kann es um einen akuten oder potenziellen Kinderwunsch gehen oder um die ausgelebte Sexualität und die Notwendigkeit von Schwangerschaftsverhütung. Leider zeigt sich hier, wie auch bei anderen queer-spezifischen Themen, dass das Fachwissen beim Gesundheitspersonal und auch bei Berater*innen noch relativ gering ist. 

Noé Théry
Taleo Stüwe

Warum ist das Fachwissen zu Trans*-Themen unter Mediziner*innen noch nicht so verbreitet?

Die spezifischen Bedarfe von trans* Menschen werden nicht bzw. zu wenig in den unterschiedlichen Fachdisziplinen mitgedacht. In meinem Studium war Trans*Gesundheit quasi kein Thema. Bis heute stehen die wenigen Lehrinhalte zu Trans*- oder auch Inter*Geschlechtlichkeit eher noch im Kontext von Pathologisierung. Aus diesen Lücken und teilweise diskriminierenden Lehrinhalten können sich Unsicherheiten bei Mediziner*innen ergeben. Viele Kolleg*innen wissen nicht, wie sie eine Hormontherapie begleiten können, welche Blutwerte gecheckt werden müssen etc., weil sie es nie gelernt haben. 

Auch die hetero- und cisnormative Sozialisierung trägt dazu bei, dass viele Mediziner*innen sich nicht mit den Lebensrealitäten und Bedarfen queerer Menschen beschäftigen. Schlimmstenfalls haben Sie sogar eine queerfeindliche Haltung und wollen zum Beispiel trans* Menschen nicht behandeln.

Ein anderes Problem ist die geringe Evidenzlage zum Thema. Forschung ist ja auch normativ geprägt und es gibt einfach noch nicht so viele medizinische Studien und Daten zu Themen wie Trans*Gesundheit. Zum Beispiel zu den Auswirkungen von Hormoneinnahmen gibt es derzeit zu wenig Forschung.

Mein Eindruck ist aber, dass es zumindest in der Aus- und Weiterbildung durch häufig freiwillige Angebote für interessierte Lernende derzeit etwas besser wird. Hochschulgruppen und kritische Mediziner*innen engagieren sich dafür aktuell sehr. Selbstorganisierte Medizinstudent*innen laden zum Beispiel Expert*innen zu diesen und weiteren Themen ein und versuchen so die Lücken im Lehrplan ein Stück weit zu schließen. 

pro familia ist ja auch im dauernden Fokus von radikalen Abtreibungsgegner*innen. Gibt es auch queerfeindliche Angriffe gegen Ihre Organisation?

Im Bereich der Sexuellen Bildung auf jeden Fall. Im letzten Jahr haben wir in diesem Arbeitsbereich eine innerverbandliche Abfrage durchgeführt. n allen Bundesländern ist eine veränderte Atmosphäre gegenüber Themen sexueller und geschlechtlicher Vielfalt zu beobachten und der Ton wird allgemein rauer. Die Verunsicherung der breiten Bevölkerung, die auch eine fehlende Evidenz mit sich bringt, wird von Gegner*innen genutzt. Es werden – teilweise hoch emotional – Falschbehauptungen über die menschenrechtsbasierte Angebotsgestaltung im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte verbreitet.

Schwierig ist einzugrenzen, was schon als „Angriff“ gilt. Gemeldet werden uns Beschädigungen unseres Materials, öffentliche und digitale Beschimpfungen und Bedrohungen sowie Störungen und Provokationen in unseren Veranstaltungen. Das ist vielleicht ein krasser Einzelfall, aber störende Personen mussten auch schon mithilfe der Polizei aus einem Schulgebäude entfernt werden. Da beobachten wir eine Zunahme an Hass, die uns auch besorgt. In der Folge veröffentlichen einige Kolleg*innen keine Klarnamen mehr auf ihrer Homepage. Leider ist diese Form von Schutz inzwischen notwendig. 

Um gut auf die Entwicklungen reagieren und uns wappnen zu können, holen wir beispielsweise Erfahrungswerte aus anderen Ländern ein, in denen der Backlash und Rechtsruck schon weiter fortgeschritten sind. Diese werden sicherlich hilfreich sein für die Entwicklung von Strategie- und Schutzmaßnahmen.

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