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Ausgabe 03 | 2025: Ankommen und Willkommen
Schwerpunkt
Interview

Allein auf hoher See

Mission Lifeline rettet Menschen in Seenot und noch viel mehr. Wir sprachen mit Fundraiserin Anja über ihre Arbeit, ihren Antrieb und Veränderungen.

Liebe Anja, wie kommt man eigentlich mitten in Sachsen auf die Idee, eine Rettungsorganisation für das Mittelmeer zu gründen? Kannst du uns einen kurzen Abriss geben?

Unser Verein hat 2015 im Zuge der großen Migrationsbewegung begonnen zu arbeiten. Damals sind viele Menschen über die Balkanroute geflüchtet. Engagierte Menschen wie unser Gründer Axel Steier initiierten daraufhin den „Dresden-Balkan-Konvoi“. Dafür wurden große Sammlungen von Bedarfsartikeln organisiert, die die Geflüchteten dringend benötigten. Wir haben im Herbst 2015 angefangen, als es bereits kalt wurde und sich die Bedingungen für die Menschen verschlechterten. Deshalb haben wir in Dresden dazu aufgerufen, Schlafsäcke, warme Kleidung und Hygieneartikel zu spenden. Anschließend sind wir mit mehreren Konvois an die Balkanroute gefahren.

Nachdem die Route „geschlossen“ wurde, sind wir auf griechische Inseln wie Chios geflogen. Dort hatten wir erstmals direkten Kontakt mit Bootsflüchtlingen und mussten miterleben, wie Boote kenterten und Menschen starben. Das war der Punkt, an dem wir entschieden haben, anders aktiv zu werden. Wir wollten ein Schiff und direkt auf dem Meer Seenotrettung leisten. 2016 haben wir dann MISSION LIFELINE gegründet. So haben wir versucht, aus unserer eigenen Ohnmacht herauszutreten und dem Sterben aktiv etwas entgegenzusetzen.

Was war deine ganz persönliche Motivation für dein Engagement?

Meine persönliche Motivation war mein schon immer stark ausgeprägtes Unrechtsempfinden und der Wunsch, mich aktiv für Menschen einzusetzen, denen es schlechter geht. Ich wollte nicht akzeptieren, dass Flucht kriminalisiert wird und Menschen gezwungen sind, todbringende Routen zu nehmen. Das Engagement in der Geflüchtetenhilfe ist für mich einfach sinnstiftend. Mit Axel Steier war ich außerdem bereits befreundet, bevor ich anfing – dadurch war der Einstieg für mich leicht.

Anja Barthel

Du bist bei Mission Lifeline im Fundraising tätig. Was genau machst du da?

Fundraising bedeutet vereinfacht gesagt, Spenden einzuwerben. Es umfasst aber auch allgemein die Finanzierung unserer Projekte aus verschiedenen Quellen. Wir stellen Anträge bei Stiftungen, verfassen Mailings, organisieren Kampagnen, bespielen Social Media – alles mit dem Ziel, Menschen zur Unterstützung unserer Arbeit zu bewegen. Am liebsten sind uns natürlich Dauerspender*innen, weil sie eine langfristige Finanzierung sichern und eine feste Bindung zu unserer Arbeit schaffen.

Ich bin Quereinsteigerin und habe alles von Grund auf gelernt. Dazu gehören auch viele andere Tätigkeiten: Am Wochenende bin ich manchmal auf Festivals am Infostand, um Menschen von unserer Arbeit zu erzählen und sie um Unterstützung zu bitten. Außerdem mache ich Bildungsarbeit an Schulen – gerade hier im Osten. Viele Kinder hören am Abendbrottisch die Meinungen ihrer Eltern über Geflüchtete und geben diese unreflektiert weiter. Wir wollen ihnen zeigen, was unsere Demokratie ausmacht, was Solidarität bedeutet, unter welchen Bedingungen Menschen in ihren Herkunftsländern leben, welchen Anteil wir daran haben und warum sie überhaupt fliehen.

Wie haben sich die Bedingungen für eure Arbeit seit der Gründung entwickelt? Hat es sich verschlimmert?

Ja, deutlich! Vor zehn Jahren, während der ersten großen Fluchtbewegung, wurden Menschen an Bahnhöfen noch willkommen geheißen. Heute hat sich die Stimmung durch den Einfluss rechter Parteien und Strömungen wie Pegida, Querdenken oder die „Freien Sachsen“ drastisch verschlechtert. Auch auf Landesebene ist deren Einfluss gewachsen. Wir wurden stark in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und kriminalisiert. Es gab sogar Versuche, uns aktiv zu behindern.

Mittlerweile halten wir unsere Büroadresse geheim, da es bereits Übergriffe gegeben hat. Unseren Vereinssitz haben wir nach Hamburg verlegt, weil wir Angst vor der Aberkennung der Gemeinnützigkeit hatten. Die Stimmung in der Bevölkerung wirkt sich auch direkt auf das Spendenverhalten aus: Die Spenden sind deutlich zurückgegangen.

Nach Putins Angriff auf die Ukraine gab es zwar eine riesige Solidaritätswelle, die aber nach einer Weile wieder abebbte.  Wir haben auch Projekte in der Ukraine und sind zu Beginn des Krieges Konvois gefahren. Seenotrettung ist inzwischen wieder aus dem Fokus geraten. Wir glauben, dass viele Menschen abgestumpft sind – die Krisen nehmen ja nicht ab, und viele wissen gar nicht mehr, wo sie helfen sollen.

Johannes F. Räbel
Die LIFELINE SAR, das neue Schiff von MISSION LIFELINE.

Welche Rolle spielt die Bundesregierung?

Von Seiten der Bundesregierung wurde und wird Seenotrettung zunehmend kriminalisiert und aktiv behindert. Das erleben wir auch mit unseren Schiffen. Durch die „Schiffssicherheitsverordnung“ wurden die Auflagen so hoch gesetzt, dass sie kaum erfüllbar sind. Heute vergisst man leicht, dass es vor zehn Jahren noch eine staatliche Seenotrettung gab – die wurde aber nach und nach eingestellt. Diese Lücke versuchen wir und andere NGOs zu füllen. Es sind meist kleine Vereine, die so viele Schiffe wie möglich ins Mittelmeer bringen.

Mit welchem Gefühl blickt ihr in die Zukunft?

Wir sind ungebrochen in unserem Willen, weiterzumachen. Die Notwendigkeit von Seenotrettungen ist nach wie vor klar erkennbar – für Menschen auf der Flucht hat sich nichts verbessert, im Gegenteil: Viele NGO-Schiffe werden immer stärker blockiert und am Auslaufen gehindert.

Wir suchen derzeit wieder nach einem Schiff und sind optimistisch, bis zum Jahresende eines gefunden zu haben, das wir umbauen und so schnell wie möglich für Rettungseinsätze einsetzen können. Natürlich hoffen wir auf breite Unterstützung aus der Bevölkerung und von Stiftungen. Von der Bundesregierung erwarten wir nichts – deshalb müssen wir unsere Kräfte bündeln.

Auch wenn uns oft Steine in den Weg gelegt werden, halten wir unsere Motivation hoch. Nach zehn Jahren Erfahrung wissen wir, wie wir diese Hürden umschiffen können.

Das Interview führte Philipp Meinert

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