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Ausgabe 05 | 2021
Schwerpunkt

Demenz-WG in Trier knapp gerettet

Wie die Demenz-WG in Trier knapp der Flutkatastrophe entkam, warum der Neuanfang so schwierig ist und trotzdem niemand die Hoffnung aufgibt.

Den 15. Juli 2021 wird die Pflegefachkraft Angela Veneziano (Bild oben) aus Trier nicht so schnell vergessen. An diesem Tag wurde ihr Arbeitsplatz im Stadtteil Ehrang buchstäblich während der großen Flutkatastrophe im Sommer 2021 weggespült. Wie zahlreiche andere Gebäude entlang der Kyll ist auch die Wohn-Pflege-Gemeinschaft, die sie leitet, stark betroffen. Doch Frau Veneziano resigniert nicht. Sie packt mit dem Team an und möchte den elf WG-Bewohnerinnen so bald wie möglich wieder ihr gewohntes Zuhause bieten.

Für sie ist diese Einrichtung nicht nur ein Arbeitsplatz. Die erste und bis heute einzige Wohngemeinschaft für Demenzkranke in Trier ist auch ein Stück weit Angela Venezianos Baby. Die gelernte Fachkrankenschwester für Intensivpflege kam über Umwege und nach einigen Weiterqualifizierungen zum Club Aktiv in Trier. Ihr Arbeitgeber bietet als Selbsthilfeverein seit fast 50 Jahren eine große Palette an professioneller Unterstützung und Pflege für Menschen mit Behinderung und chronisch Erkrankte. Dort übernahm Frau Veneziano 2017 als Leiterin die drei Club Aktiv Tagespflegen - zwei in Trier und eine in Saarburg - und baute 2018 schließlich die neue Demenz-WG mit auf, die nun in Trümmern liegt.

Innenaufnahme der Demenz-WG

Wir sprechen mit ihr darüber Mitte September, zwei Monate nach dem Flutgeschehen über die Videokonferenzsoftware Zoom. Dabei fällt sofort auf, dass sich Angela Veneziano trotz der schwierigen Umstände ihren Humor bewahrt hat. Unverhofft sei das Wasser in der Nacht zum 15. Juli über sie und die Bewohnerinnen hereingebrochen. „Unverhofft kommt hoffentlich nicht allzu oft“, schiebt sie noch lachend hinterher. Vielleicht kann Frau Veneziano auch noch lachen, weil die Bewohnerinnen Glück im Unglück hatten und keine der elf demenzkranken Damen zu Schaden kam. Das auch aufgrund des persönlichen Einsatzes und des zupackenden Engagements des ganzen Teams.

Die Katastrophennacht selbst gestaltete sich chaotisch, erzählt sie. Um drei Uhr rief der Nachtdienst der WG bei ihr an und teilte mit, dass die Feuerwehr alle Anwohnerinnen und Anwohner in Trier-Ehrang per Durchsage bitten würde, ihre Wohnungen zu verlassen. Ihr gerade von seiner Abifeier wiederkehrende Sohn berichtete seiner Mutter, dass bereits die Zufahrtsstraßen überflutet seien. „Dann habe ich mir Gummistiefel angezogen und bin durch die Waldstraße nach Ehrang gelaufen“, erzählt Frau Veneziano. Um halb vier sei sie an ihrer der WG gewesen. Von der Flut sei noch nichts zu sehen gewesen. Vor Ort machte sie die Bewohnerinnen trotzdem direkt für die potentielle Evakuierung bereit.

Außenansicht des Club Aktiv nach der Flut

Dann passierte zunächst einmal nichts. „Wir haben darauf gewartet, etwas von der Feuerwehr zu hören, aber wir haben nichts gehört. Das hat mir keine Ruhe gelassen und ich rief bei der Feuerwache an.“ Den Feuerwehrleuten erklärte sie telefonisch die besondere Situation ihrer Schützlinge, denn Demenzerkrankte kann man nämlich nicht eben aus ihrem gewohnten Umfeld holen. Das ist belastend und gesundheitlich gefährlich für die betagten Menschen. Antworten auf die Frage, wann denn die bereits in der Nacht angekündigten Evakuierungen stattfinden würden, bekam sie um inzwischen acht Uhr morgens jedoch noch nicht.

Doch dann ging es ganz schnell. Kurz nach dem Anruf stand doch die Feuerwehr vor der Tür der Wohngemeinschaft. Nun war es an Frau Veneziano den Hilfskräften erneut zu erklären, dass die Bewohnerinnen aufgrund ihrer Erkrankung dringend zusammen bleiben müssten und Betreuung bräuchten. Parallel dazu mussten noch eilig wichtige Dokumente und Medikamente zusammengetragen werden und einzelne Rettungsversuche des Bestandes wurden in den Räumlichkeiten vorgenommen: „Wir haben noch Möbel verschoben in der Hoffnung, dass die nicht vom Hochwasser betroffen sein würden. Aber am Ende stand das Wasser einen Meter fünfzig hoch und nichts wurde verschont.“

Gerade als sie das Nötigste erledigt hatten, rief eine Kollegin Frau Veneziano zu, dass das Wasser käme. „Und dann sind wir wirklich dem Wasser davon fahren.“ Die Rettung war also geglückt, die Arbeit fing aber jetzt erst richtig an.

Eine weitere Innenaufnahme des Club Aktiv

Die Bewohnerinnen kamen zunächst für einige Stunden übergangsweise in eine Notunterkunft in einer Gesamtschule. Vom Hochwasser selbst bekamen sie zum Glück nichts mit, der überhastete Umzug war für sie trotzdem eine Zumutung. Viele Kolleg*innen von Frau Veneziano kamen zur Betreuung ihrer Klientinnen vorbei - selbst diejenigen, die Urlaub hatten. „Für Demenzerkrankte ist es das Wichtigste irgendwo zu sein, wo alles für sie vertraut ist“, so Angela Veneziano. Und wenn es schon nicht die gewohnte Umgebung ist, dann sollten es zumindest die bekannten Gesichter sein. Dennoch: In ihrer Notunterkunft waren die WG-Bewohnerinnen unruhig und ungehalten. Frau Veneziano erklärt diesen Umstand so: „Wenn Sicherheit fehlt, können Emotionen nicht verarbeitet werden. Vieles, was uns logisch erscheint, ist Demenzkranken fremd.“

Die große Herausforderung war nun, für die nächsten Monate eine Unterkunft für elf Menschen in der Umgebung zu finden. „Unsere Tagespflege in Ehrang bot keine Ausweichmöglichkeit, die war ja selbst überflutet. Glücklicherweise konnten wir nach knapp zwei Wochen in unserer Tagespflege in Trier-Olewig in ein leerstehendes Gebäude in der Trierer Stadtmitte umziehen, in dem vormals Menschen mit MS-Erkrankung untergebracht waren. Dort können wir nun mit unserer WG weiter alle zusammen sein. Das ist ein Glücksfall“, freut sie sich. Es gäbe einen kleinen Park in der Nähe, die Einrichtung sei schön und hell und die Bewohnerinnen hätten sowohl Gemeinschaftsräume als auch ihre eigenen Zimmer. Dort können sie erst einmal bleiben, bis sie hoffentlich Anfang Januar nach monatelanger Renovierung zurück nach Trier-Ehrang ziehen.

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Bewohner*innen der Demenz-Wg bei ihrem einjährigen Jubiläum.

Bei all der Dramatik und dem Leid, welches die Flut über die betroffenen Landstriche gebracht hat, zeigt sich aber auch eine ganz andere Seite. Von dieser kann Oliver Schardt, seit Anfang diesen Jahres Geschäftsführer des Club Aktiv, berichten. Er freut sich über die große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung: „Von Anfang an sind wir in die Öffentlichkeit gegangen und haben auf unsere Situation in den Sozialen Netzwerken und in weiteren Medien aufmerksam gemacht.” Mit viel Resonanz. So kamen z.B. 25 freiwillige Helfer*innen vorbei und halfen in den überfluteten Einrichtungen des Club Aktiv an einem Sonntag beim Schlammwegräumen, damit die Angestellten der Einrichtungen an diesem Tag Kraft für ihren nächsten Einsatz sammeln konnten. „Da war schon eine große Solidarität”, freut sich Schardt. Selbst aus dem Kreis anderer Paritäter*innen erreichten den Club Aktiv Hilfsangebote, wie die gesammelte Geldspende vom Club Behinderter und ihrer Freunde Südpfalz. Auch Sachspenden gingen ein – von WG-Waschmaschine und Trockner bis zu Entspannungssesseln für die WG-Bewohnerinnen. Sogar in einem so großen Umfang, dass der Club Aktiv irgendwann weitere Sachspenden erst einmal dankend ablehnen musste. Über eine Idee freut sich der Club ganz besonders: Ein Chor hat sich angekündigt, um die Bewohnerinnen der Demenz-WG mit ihrem Gesang ein wenig zu unterhalten.

Vielleicht ist es vermessen, angesichts der Situation für Frau Veneziano und die Demenz-WG von einem Happy End zu sprechen. Zumindest sind die Bewohnerinnen trotz des großen Sachschadens relativ glimpflich davon gekommen. Die Stimmung im Team sei trotz allem gut, erzählt sie. Man sei glücklich über das angemietete Übergangsquartier, in dem die Bewohnerinnen sich gut eingelebt hätten und erklärt mir abschließend: „Mittlerweile ist es auch schön für das Team, weil sie merken, dass es weitergeht und die Bewohnerinnen gut versorgt werden können. Aber auch die Aussicht, dass es bald wieder nach Hause geht und dass es nur ein Übergang ist, ist hilfreich. Das Ziel ist es, wieder nach Hause zu kommen. Und jetzt schätzt es jeder noch einmal mehr wert, dass wir vom Club Aktiv so eine schöne Wohngemeinschaft und so ein tolles WG-Zuhause in Ehrang bieten können.“

Philipp Meinert

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