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Ausgabe 05 | 2021
Schwerpunkt
Ein DLRG-Retter berichtet

DLRG-Retter: "Hier wird niemand vergessen!"

Benny Reißlandt ist 31 Jahre alt und fast sein halbes Leben aktiv bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG). Uns erzählt er von sich, seiner Motivation als Freiwilliger und seinem Einsatz im Flutgebiet im Sommer 2021.

Ich bin über die Schwimmausbildung in die DLRG gekommen. Das kann man schon als klassischen Einstieg dort bezeichnen. Da ich am Rhein groß geworden bin, kenne ich die Hochwasserproblematik. Mit 15 Jahren startete schließlich die Rettungsschwimmer-Ausbildung. Die DLRG ist landläufig als „Schwimmverein“ bekannt, bietet aber viel mehr. In meiner Jugend war es für mich sehr spannend, in verschiedene Bereiche über Wettkampfsport bis Einsatzwesen reinschauen zu können. Ich habe mich dann für das Einsatzwesen entschieden und nahm früh an verschiedenen kleineren Absicherungseinsätzen teil. Wie die allermeisten bin ich bei der DLRG ehrenamtlich engagiert. Eigentlich bin ich hauptberuflich Jugendbildungsreferent beim Bistum Limburg. Pädagoge trifft es wohl am besten. 

Ich bin Strömungsretter. In der DLRG gibt es verschiedene Ausbildungsstufen. Am Anfang steht die klassische Rettungsschwimmer-Ausbildung. Rettungsschwimmer sind dann diejenigen, die man von der Küste oder aus dem Schwimmbad kennt. Für den Katastrophenschutz braucht man noch eine sogenannte „Fachausbildung Wasserrettungsdienst“, eine sehr umfassende Grundausbildung. Auf dieser Basis kann man sich bei uns spezialisieren und eine davon ist die Strömungsrettung. Wir erhalten vertiefte Kenntnisse darüber, wie man sich in Strömungen verhält, bewegt und eben rettet. Aber auch die Rettung von Deichen, das Abseilen in Schluchten und das Herausholen von Menschen mit Seilsystemen gehört dazu. Wir erfüllen damit Aufgaben, die teilweise nicht in den Feuerwehrbereich gehören. Die Strömungsrettung wird aber u.a. auch dann angewendet, wenn man mit dem Boot nicht mehr weiterkommt.

Benny Reißlandt im Einsatz

Das Ahrtal ist etwa eine knappe Stunde von mir entfernt. Um 19 Uhr kam eine Alarmierung, also ein Notruf an einen Ort, wo wir helfen sollten. Wir sollten einen Campingplatz evakuieren, auf dem Menschen zu ertrinken drohten. Uns hat da bereits irritiert, dass dieser Einsatzort so weit außerhalb unseres eigentlichen Einsatzgebietes liegt. Normalerweise werden wir nicht zu Einsätzen gerufen, die so weit entfernt liegen. Als wir aber die Information erhalten haben, dass unser gesamter Zug aus vier Einsatzstaffeln dahin verlegt wurde war schon klar, dass es sich um etwas Größeres handelt. Jedoch hatten wir noch keine Vorstellung, wie groß das werden würde.

Auch in Bad Neuenahr-Ahrweiler, wo wir uns sammeln sollten, war nicht wirklich klar, was auf uns zukommt. Ich habe das zunächst wie in einem schlechten Film wahrgenommen: Wir sind ins Ahrtal reingefahren, um eine Kurve gebogen und es kam uns eine riesige braune Welle entgegen, wo eigentlich mal die kleine Ahr geflossen ist. Vor Ort waren wir darauf angewiesen, dass die lokale Feuerwehr uns lotst, weil fast keine Straße mehr befahrbar war. Es gab keinen Handyempfang und eine Funkverbindung ebenfalls nicht mehr. Irgendwann haben wir  uns in den kleinen Ort Kreuzberg gekämpft. Als wir eintrafen, war es schon dunkel.

Dort standen wir auf einer hohen Brücke. Vor uns war ein Unimog, also eines dieser schweren alten Militärfahrzeuge, der in der Flut drin stand. Dahinter waren Häuser mit Menschen auf den Dächern. Der Regen hatte da bereits aufgehört, aber der Strom war noch sehr stark. Problematisch war, dass wir nicht einschätzen konnten, was da noch im Wasser ist. Unsere Mission war nun, die Menschen vom Dach zu holen, was uns beim ersten auch gelang. Die konnten wir zu einem Sammelpunkt bringen. Doch dann kamen wir nicht weiter, obwohl die Häuser nur zwischen 20 und 50 Meter weit weg waren. Wir konnten die Menschen sogar in der Dunkelheit sehen, auch wie sie uns winken. Aber für uns war klar: Da kommen wir nicht hin. Wir haben hin und her überlegt, ob wir ein Seil spannen können, mit unserem kleinen Boot rüberkommen, aber nichts hatte Aussicht auf Erfolg. Schwimmen hätten wir erst recht nicht gekonnt. Immer wieder trieb ein Baum oder Fahrzeuge im Wasser und versperrten uns den möglichen Rettungsweg. Das hat uns schmerzlich vorgeführt, wie beschränkt unsere Möglichkeiten doch in diesem Moment waren. Erschwerend kam auch noch hinzu, dass sich die Häuser bewegt haben, also akute Einsturzgefahr bestand. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass auch Häuser bereits mitgerissen wurden. Die Drohne, die wir eigentlich besitzen, war auch nicht mehr nutzbar, weil wir kein GPS-Signal hatten.

Bedrückte Stimmung auf der Rückreise

Wir kamen in Kreuzberg gegen zehn Uhr abends an, gegen zwei Uhr nachts haben wir dann abbrechen müssen. Ich kenne die Menschen, mit denen ich im Einsatz war, schon sehr lange. Teilweise seit meiner Kindheit. Aber ich habe noch nie so eine bedrückte Stimmung bei der Rückreise erlebt. Es war klar, dass wir diesen Menschen nicht helfen konnten, weil wir keine Hubschrauber hatten. Alle verfügbaren Hubschrauber waren schon an anderen Flutgebieten im Einsatz, wie uns erzählt wurde. Und die Menschen auf den Dächern haben uns ja gesehen und auch gesehen, wie wir wieder weggefahren sind. Und wir konnten denen nicht einmal per Lautsprecher erklären, warum wir nicht kommen. Die Flut war unglaublich laut.

Angst hatte ich zwar in der Situation nicht, aber wenn ein ganzer Wohnwagen vor einem durch das Wasser treibt, flößt einem das schon Respekt ein. Sicherheit hat mir in dem Moment aber auch gegeben, dass wir ein komplett eingespieltes Team sind und wussten, bis zu welchem Punkt wir gehen konnten. Aber es war klar: Uns kommt keiner helfen, wir sind bereits die Hilfe. Da muss man funktionieren.

Benny Reißlandt und sein Team

Wir sind schließlich zu einem Sammelpunkt gefahren und ließen uns zu einem neuen Einsatzort zuteilen, an dem wir wirklich etwas tun können. Am nächsten Tag waren wir in Bad Neuenahr-Ahrweiler in einer ganz anderen Situation. Der Ort war zwar unter Wasser, aber der Tag begann anders. Hier hatten wir den Grundauftrag, in überflutete Wohnungen reinzugehen und dort vermutete Personen zu suchen. So waren wir z.B. in einer Kellerwohnung, die zwar 500 Meter vom Fluss weg lag, aber vollständig überflutet war. Das war herausfordernd, weil man sich überhaupt nicht orientieren konnte. Man wusste nicht, wo welches Zimmer ist, weil alle Möbelstücke und Türen umher schwammen. Aber hier konnten wir schlussendlich wirklich helfen und die ältere Frau in der hintersten Ecke der Wohnung finden und aus dem kalten und verschmutzen Wasser befreien.

Beeindruckend fand ich, dass in allen Häusern, in denen ich gewesen bin, in den ersten und zweiten Stockwerken Kerzen standen, wenn Wohnungen darunter geflutet waren. Die Kerzen waren für Menschen aus den gefluteten Wohnungen, von denen niemand wusste, ob sie in der Nacht ertranken. Das hat mich zutiefst beeindruckt, weil das ein sehr starkes Symbol ist: Hier wird niemand vergessen! Selbst wenn man nicht helfen kann!

Rettungen, die an Wunder grenzten

Zum Schluss hatte ich noch ein schönes Erlebnis. Es drehte sich um eine Gruppe von Seniorinnen und Senioren, die über 70 Jahre alt waren und die ganze Nacht auf einem Parkhausdach ausharrten, die Füße schon im Wasser. Und als wir zur Rettung kamen, machten die einfach Scherze darüber, dass wir ja nun ja endlich da seien. Dieser Lebensmut hat mich sehr beeindruckt und es war, auch wenn das seltsam klingt in all der Zerstörung, ein kleiner schöner Moment. Eine alte Dame in Bad Neuenahr, mindestens 90 Jahre alt, hat wie durch ein Wunder in ihrer Kellerwohnung im kalten Wasser überlebt, als wir sie am nächsten Tag fanden. Insgesamt konnten wir in diesem Einsatz 25 Menschen befreien und retten. Natürlich war es emotional und körperlich unglaublich anstrengend, aber die Erfolge haben uns auch eine große Kraft gegeben für den zweiten Tag. Ich glaube, nur wegen dieser Erfolgserlebnisse konnten wir am Folgetag überhaupt unsere Leistung bringen. 

Die Zeit nach dem Einsatz war für mich ambivalent. In den vier bis fünf Wochen habe ich sehr schlecht geschlafen und abends noch wach gelegen. Ich werde zum Jahreswechsel zum ersten Mal Vater und die Erkenntnis, wie schnell man doch alles verlieren kann, hat mich schlecht in den Schlaf finden lassen. Besonders die Schicksale junger Familien, die häufig in den Medien waren, ließen mich schwer in den Schlaf finden. Gleichzeitig hat es mir sehr geholfen, wie viele Menschen auch aus meinem Bekanntenkreis mit viel Elan freiwillig vor Ort geholfen haben und dann auch berichten konnten, wie dankbar die Menschen dort sind und mit welchem Lebensmut die Menschen dort ihr Schicksal meistern. Ich bekomme noch jeden Tag etwas aus dem Ahrtal mit. Und so traurig es ist, dass wir noch von der Flut hören und noch lange hören werden, ist es eine total schöne Erfahrung, dass diese Menschen von uns als Gesamtgesellschaft nicht vergessen werden. Da oft in den letzten Jahren davon die Rede war, dass die Gesellschaft gespalten und rücksichtsloser geworden ist, ist das ein ganz starkes Signal. Es zeigt: Im Zweifelsfall lassen wir uns als Gesellschaft nicht allein.

Benny Reißlandt (aufgeschrieben von Philipp Meinert)

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