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Ausgabe 02 | 2023: Armut? Abschaffen!
Schwerpunkt
Monika Walther / Bilderwerk GmbH
Interview

Die Praxis zeigt: Digitale Teilhabe ist gesellschaftliche Teilhabe

Tabea Henrichs beruflicher Fokus lag schon immer auf der Arbeit mit Frauen mit Migrationshintergrund. Sie ist Sozialpädagogin sowie interkulturelle Pädagogin und arbeitet im Team von wif e.V. in Wiesbaden. Neben der psychosozialen Beratung und frauenpolitischen Netzwerkarbeit leitet sie einen Zusammenspielkreis, eine 55+-Frauenrunde und betreut die digitalen Trainings für Frauen. Hier lernen die Frauen in einem geschützten Raum die Basics für ihre digitale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Was macht wif e.V. - Begegnung und Beratung?

Wir sind ein Frauenzentrum, das mit seinen Begegnungs- und Beratungsangeboten Frauen anspricht, die ganz neu nach Wiesbaden kommen oder noch keine Anknüpfungspunkte außerhalb ihrer Familien gefunden haben. Ursprünglich waren wir ein Verein, der Frauen beraten und an andere Einrichtungen vermittelt hat, da es oftmals Frauen mit Migrationshintergrund schwerfällt, direkten Zugang zu den Angeboten der Stadt Wiesbaden zu finden. Es brauchte also eine Brücke, einen Ort, an dem sie sich frei fühlen und fortbilden können. Mittlerweile werden auch viele von anderen Einrichtungen, wie dem Jobcenter oder Jugendamt, an uns verwiesen, weil sie wissen, dass hier viele Sprachen gesprochen werden und sich die Angebote an Frauen mit Migrationsgeschichte richten. Hier ist einfach ein Ort, an dem es normal ist, nicht perfekt Deutsch zu sprechen und eine Migrationsgeschichte im Gepäck zu haben.

Wir sind ein Team mit ganz vielen unterschiedlichen Hintergründen, was ich sehr toll finde. Insgesamt sprechen wir 13 verschiedene Sprachen. Insgesamt sind wir vierzehn Mitarbeiterinnen, darunter fünf Hauptamtliche. Durch unsere Vielfalt im Team können wir immer viele Perspektiven mit einbeziehen. Sobald du jemanden am Tisch sitzen hast, der nicht genauso aufgewachsen ist wie du selber, verändert sich dein Denkprozess, dann verstehst du Themen anders. Das hat auch viel Potenzial zur fortlaufenden Weiterentwicklung des Vereins.

Welche Angebote habt ihr im Repertoire?

Bei uns gibt es wöchentlich offene Angebote, wie das Frauenfrühstück, 55+-Gruppe oder das Erzählcafé. Daneben gibt es die festen Kurse, wie den Wiesbadener Orientierungskurs, den Spielkreis Zusammenspiel für Mütter und Kinder oder die Digitalen Trainings. Außerdem fördern wir die politische Teilhabe von Migrantinnen und Frauen mit Migrationsgeschichte. Da haben wir das Amine-Projekt, in dem es um Empowerment und die Öffnung von Möglichkeitsräumen der Frauen geht. Dann haben wir noch das Projekt “Selbstinitiativen für die solidarische Gemeinschaft”. Unter dem Titel verbergen sich selbst initiierte Selbsthilfegruppen zu verschiedensten Themen. Es gibt Gruppen für Alleinerziehende, für Personen, die trauern, weil sie Verwandte im Ausland verloren haben und für Menschen mit Rassismuserfahrungen. In unsere Lese-Schreibhilfe können Frauen mit Anträgen für Ämter oder mit Briefen kommen, die sie nicht verstehen und wir unterstützen bei der Bearbeitung. In der psychosozialen Beratung werden Frauen in jeglichen Lebensthemen begleitet, um wieder Bodenhaftung zu bekommen und Lösungen für ihre Probleme oder Fragen zu finden.

Die Ideen für Angebote entstehen in einem kreativen Prozess und in den vielen Veranstaltungen, an denen wir teilnehmen. Wir fragen uns, was braucht es, besprechen Bedarfe in der Teamsitzung und spinnen die Ideen dort weiter, bis etwas daraus wird.

Durch unsere Geschäftsführerin und die flachen Hierarchien haben wir sehr viel kreativen Freiraum. Sie stärkt uns den Rücken, während wir uns weiterentwickeln und Ideen sammeln.

Aus der Lese-Schreibhilfe und durch unsere Teilnahme am Aktionskongress gegen Armut 2021, entstand die Idee, Frauen nicht nur Unterstützung bei der Bearbeitung von Briefen und Anträgen zu geben, sondern sie so fit zu machen, dass sie diese Herausforderungen selber bewältigen können. Wir haben uns gefragt: Wie bekommen wir das hin, dass sie in die Selbstwirksamkeit kommen? Viele Personen, die wenig Deutschkenntnisse haben, binden ihre Kinder bei behördlichen Angelegenheiten ein. Da ist es ein guter erster Schritt, uns aufzusuchen, um es selbst in die Hand zu nehmen. Damit sie diese Aufgabe nicht abgeben, sondern das irgendwann selber können, haben wir eine Werkstatt für Frauen gegründet, in der sie ihre Angelegenheiten selber bearbeiten können und dabei begleitet werden.

Wie läuft so ein digitales Training für Frauen ab?

Die digitalen Trainings sind aus der Empowerment Werkstatt entstanden. Hier haben wir alle Themen und Skills untergebracht, die wichtig sind, um am digitalen, gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und sich sicher im Internet zu bewegen.

Die Inhalte haben wir in Module zusammengefasst, die immer wieder angeboten werden. Jede Woche gibt es eine Trainingseinheit, die auch in einem Werkstatt-Format stattfindet. Werkstatt heißt, die Frauen dürfen ihre eigenen Anliegen mitbringen und diese im Rahmen der Trainings mit den neu erlernten Skills bearbeiten.

Unterstützend stellen wir Leitfäden bereit. Die Frauen versuchen zunächst, ihr Anliegen anhand der Leitfäden selbstständig zu bearbeiten. Die Leitfäden enthalten viele Bilder, Piktogramme und wenig Text. Im Raum befinden sich Mitarbeiterinnen, die begleiten, denen Fragen gestellt werden können oder die zum Schluss nochmal Korrekturlesen.

In den Trainings geht es insbesondere darum, das Gelernte in den Alltag zu transferieren. Der Fokus ist nicht nur, irgendwelche neuen Erkenntnisse zu haben, sondern diese auch wirklich zu lernen und anzuwenden. Heute geben wir zum Beispiel einen Workshop zur sicheren Nutzung des Internets, hier geht es um Sicherheitseinstellungen, Cookies und Phishing-Mails. 

Mit welchen Anliegen kommen denn die Frauen oder die Personen in dieses Format?

Die Liste der Anliegen ist lang. Es geht beispielsweise um die Nutzung von Online-Banking, die Teilnahme an Online-Elternabenden, Bewerbungsschreiben, Online-Shopping und vieles mehr. Genau so geht es um die Fragen: Wie gehe ich damit um, wenn meine Kinder viele Medien konsumieren und ich merke, dass das außer Kontrolle gerät. Was kann ich tun? Welche Gespräche kann ich führen? Was machen meine Kinder überhaupt im Internet? 

Weitere Inhalte der Trainings ist das Erlernen von Computer Basics, wie die Benutzung einer Computer-Maus. Das stellt eine große Herausforderung dar und vieles ist nicht selbsterklärend, wenn man nicht damit groß geworden ist. Der Fokus liegt dabei vor allem auf dem Umgang mit dem Computer, auf dem Handy sind viele schon versiert. Nur manche Dinge wie Online-Banking richten wir dann auch zusammen auf dem Smartphone ein.

Meine Kolleginnen und ich haben eine Weiterbildung zum Digital Coach gemacht, wodurch wir uns nochmal ein bisschen sortiert und Input bekommen haben. Vor allem haben wir aber vieles, wie die Leitfäden und das Werkstatt-Format, anhand der Anliegen selbst entwickelt. 

Das Besondere an den digitalen Trainings, auch im Unterschied zu normalen Computerkursen, ist, dass die sprachlichen Hürden umgangen und die Basics, wie der Umgang mit der Maus, erklärt werden. Wir halten es, auch wenn eine Frau wenig Deutschkenntnisse besitzt, für super wichtig, dass sie an dem digitalen Leben teilnehmen kann. Insbesondere den Zugang zu haben, für sich selbst und die Kinder, um beispielsweise durch Computerkenntnisse eine Onlineplattform zum Deutsch lernen nutzen zu können. Die Ressourcen fürs Können sind vorhanden, es fehlt nur manchmal an den Deutschkenntnissen. Auch zeitliche Einschränkungen hindern oft daran, einen Deutschkurs zu belegen, wodurch digitale Kenntnisse zu mehr Teilhabe von Angeboten wie Online-Sprachkurse führen. Am Ende geht es um Alltagsbewältigung. Digitale Kenntnisse helfen, in gesellschaftlichen und sozialen Bereichen teilnehmen zu können. Selbstständigkeit im Alltag zu erlangen, zu wissen, wo man online Öffnungszeiten abrufen oder Bustickets kaufen kann. 

Du plädierst dafür, dass es auch mehr Weiterbildungen im Bereich Digitalisierung geben muss, damit Menschen digitalen Anschluss bekommen. Welche Rolle nehmen hier soziale Organisationen ein?

Soziale Organisationen können einen Zugang zu bestimmten Personengruppen herstellen. Wir richten uns an Frauen, darunter sehr viele Mütter, die vormittags Zeit haben, wenn die Kinder in der Schule oder im Kindergarten sind. Ich denke, soziale Einrichtungen können besonders gut auf die Bedarfe der Klient:innen eingehen. Mit den spezifisch zugeschnittenen Angeboten können die sozialen Einrichtungen eine Brücke und einen niedrigschwelligen Zugang bieten. Wenn Menschen schon Vertrauen in eine soziale Einrichtung haben, trauen sie sich eher neue Herausforderungen anzugehen. Denn es ist einfach eine Überwindung und eine riesige Hürde, etwas zu beginnen, worin alle anderen schon geübt sind.

Die Teilnahme am digitalen Aktionskongress war für uns auch sehr anregend, weil uns klar wurde, was es bedeutet, wenn Menschen mit Armutserfahrung nicht selbstverständlich an digitalen Bereichen des Lebens teilhaben können. Diesen Missstand weiterzuverfolgen ist Teil unserer Aufgabe und wir haben sehr viel Inspiration für unsere Arbeit bekommen. Es war uns zwar schon klar, dass viele unserer Klientinnen von Armut betroffen sind, aber es hat in unserer Arbeit nicht im Vordergrund gestanden und es ist wichtig, daran weiterzuarbeiten. 

Die Teilnahme am Kongress hat zudem auch viele Frauen dazu bewogen, ihre Stimme zu erheben und nach außen zu treten. Unser Instagram-Kanal zeigt einige Einblicke in unsere Arbeit und trägt auch vieles nach außen hin, was die Frauen für sich nutzen können.

Warum ist das Thema digitale Teilhabe gerade bei Menschen, die in Armut leben, so wichtig?

Zum einen brauchst du ein digitales Endgerät, das ziemlich viel Geld kostet. Ohnehin ist es oft so, dass von Armut betroffene Menschen gesellschaftlich ausgeschlossen sind. In der Alltagsbewältigung ist es aber mittlerweile total wichtig, digitale Kenntnisse zu haben, um auch die Möglichkeiten im digitalen Raum nutzen zu können. Für Menschen mit Armutserfahrung ist das viel schwieriger, weil sie oft nicht die Mittel für den Kauf eines Geräts und Weiterbildungen haben. Ein Handy ist beispielsweise eine Grundvoraussetzung, um gesellschaftlich teilzuhaben.

Durch fehlendes digitales Wissen können die Menschen außerdem ihre Kinder nicht unterstützen, wenn diese z.B. in der Schule digitale Kenntnisse benötigen. Es entsteht eine Spaltung zwischen Eltern und ihren Kindern, weil die Eltern vieles nicht verstehen und keine Räume haben, sich damit zu beschäftigen. So bewegen sich die Kinder ohne Regeln für sicheres Surfen alleine im digitalen Raum. Das Internet ist ein freier Raum, der viele Möglichkeiten bietet, aber auch viele Gefahren birgt.

Das Interview führte Lilly Oesterreich

Broschüre "Beteiligen – digital und inklusiv”

Die Arbeitshilfe vom Projekt #GleichImNetz resümiert und dokumentiert die Erfahrungen aus unseren Partizipationsprojekten mit Armutsbetroffenen, Jugendlichen und Menschen mit Einschränkungen. Sie möchte Mut machen und Hilfestellung leisten, Beteiligung auch auf digitalem Wege zu erzielen.

Online-Veranstaltungen sind ein Glücksfall für die Soziale Arbeit: Sie bieten die Chance, Menschen von überall schnell und unkompliziert zusammenzubringen, egal wie ortsgebunden, eingebunden oder eingeschränkt. Soweit die Theorie. Der Blick in die Praxis offenbart, dass dabei wieder neue Hürden und Herausforderungen wirkmächtig werden. Für viele Menschen gestaltet es sich eben nicht einfach, an digitalen Angeboten teilzuhaben. Die vorliegende Publikation wendet sich an die Organisator*innen partizipativer Veranstaltungen und Prozesse. Sie möchte Mut machen und Hilfestellung leisten, Beteiligung auch auf digitalem Wege zu erzielen. Dazu sensibilisieren wir dafür, wo sich digitale Klüfte auftun, worin sie begründet sind und mit welchen Mitteln dem entgegengewirkt werden kann. Wir berichten davon, was wir bei der Vorbereitung und Durchführung digitaler Beteiligungsprozesse gelernt haben. Und wir bieten Hilfestellung für Kolleg*innen, die vergleichbare Vorhaben angehen möchten.

Hier können Sie die Broschüre herunterladen.

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