
Gedenken an die Patient*innenmorde und Zwangssterilisationen im Nationalsozialismus
Schätzungsweise 300 000 Menschen mit Beeinträchtigung oder psychischer Erkrankung wurden im Zuge der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde getötet. Etwa 400 000 Menschen wurden auf Grundlage des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" ab 1934 gegen ihren Willen sterilisiert. Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung diskutierten am 4. September rund 100 Personen die Frage, was angesichts aktueller Entwicklungen aus der Geschichte gelernt werden kann.
Die Gegenwart wirkt für viele bedrohlich: Politisch verschieben sich Machtverhältnisse teilweise drastisch, Kriege rücken näher und es erscheint realistischer, selbst davon betroffen zu sein. Darüber hinaus konzentrieren sich politische Diskussionen auf umfassende Sparmaßnahmen im Sozialen. Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen werden gesellschaftlich und medial zunehmend stigmatisiert. Antidemokratische rechtsextremistische Kräfte werden stärker.
Begegnen können wir diesen Entwicklungen nur mit Solidarität, das wurde im Gespräch zwischen Podiumsgästen und Publikum schnell deutlich. Historisch richteten sich Ausgrenzung und Vernichtung gegen sehr verschiedene Gruppen von Menschen. Auch heute zeigt sich: Diskriminierung und Gewalt richtet sich gegen Menschen mit Behinderungen, aber auch gegen queere Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und weitere marginalisierte Gruppen. Es ist wichtig, den Anfeindungen gemeinsam entgegen zu treten.
Es gibt viele Gründe, sich ohnmächtig zu fühlen. Ein Ergebnis des Gesprächs: Auch “Mikroaktivismus” hilft. Gespräche mit der Familie, mit Kolleg*innen und Freund*innen sind “kleine” und unmittelbare Möglichkeiten, für Inklusion und den Wert von Vielfalt einzustehen und aktiv zu werden. Besonders herausfordernd ist das in Gesprächen mit Menschen, die demokratische Institutionen und Werte ablehnen. Hier eine Balance zu finden, deutlich gegen menschenfeindliche Perspektiven einzustehen und gleichzeitig einen Raum zu schaffen, in dem gesprochen und zugehört werden kann, ist oft schwierig.
Ein weiteres Ergebnis der Veranstaltung: Die Auseinandersetzung kann nicht nur auf der persönlichen Ebene stattfinden. Zum einen sollte sich der Blick immer auch auf die Strukturen richten, die eine wertende Differenzierung zwischen Menschen ermöglichen. Zum anderen, das betonte Martina Heland-Graef, 1. Vorsitzende der Ruth Fricke Stiftung, trägt die hohe gesellschaftliche Wertschätzung von Leistungsfähigkeit dazu bei, dass nicht alle Menschen gleichermaßen Gehör finden. Für demokratische Prozesse sei das problematisch, darauf verwies Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Demokratie und Inklusion seien zwei Seiten einer Medaille. Eine Demokratie könne nur dann funktionieren, wenn alle die Chance haben, sich zu beteiligen.
Im Anschluss an die Veranstaltung gedachten die Teilnehmenden am "Gedenkort für die Opfer der NS-"Euthanasie"-Morde" in der Tiergartenstraße 4 den Opfern. Zu den Biografien der Opfer finden sich Informationen auf der Internetseite Gedenkort T4.