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Eine Frau sitzt erschöpft auf einem Sofa und legt sich ein kühles Tuch auf den Kopf.
Iakov Filimonov / Iakov Filimonov
Foto: magnific.com

Hitzesommer 2026 – fachliche Spannungsfelder und Forderungen aus sozialen Einrichtungen

Die Hitzewellen dieses Sommers haben die Folgen der Klimakrise deutlich spürbar gemacht: mehr als 15.000 hitzebedingte Todesfälle, starke gesundheitliche Probleme für vorerkrankte Personen, Verstärkung von Konflikten, Ausfall von Infrastruktur, eine hohe Belastung für Menschen in Sozial- und Gesundheitsberufen. Der Paritätische hat auf Grundlage einer bundesweiten, verbändeübergreifenden Umfrage verschiedene fachliche Spannungsfelder aus der Praxis sozialer Organisationen sowie ihre konkreten Vorschläge und Forderungen erfasst.

Sozialen Einrichtungen an ihren Belastungsgrenzen

Anhaltende und extreme Hitze bringt soziale Einrichtungen an ihre Belastungsgrenzen: Gebäude heizen sich stark auf und lassen sich nicht mehr abkühlen, Infrastrukturen, wie Server, überhitzen, Mitarbeitende fallen hitzebedingt aus (besonders wenn sie eigene Vorerkrankungen haben), Konflikte nehmen zu, der Pflege- und Betreuungsbedarf der verschiedenen Zielgruppen steigt. Nicht alle soziale Einrichtungen verfügen bislang über ein Hitzeschutzkonzept, in dem die Vorbereitungen auf den Sommer, konkrete Maßnahmen während des Sommers und extremer Hitzeperioden festgehalten sind. Doch besonders die extreme Hitzewelle im Juni 2026 zeigte nach der Paritätischen Umfrage auch: Bestehende Hitzeschutzkonzepte reichen für extreme Hitze nicht aus, um ein Aufheizen der Gebäude zu verhindern. Ohne baulichen und technischen Maßnahmen werden soziale Angebote in schlecht gedämmten Häusern zukünftig während extremer Hitzewellen, auf die wir uns einstellen müssen, wohl nicht mehr aufrechterhalten werden können. Und was passiert dann?   

Widersprüchliche Vorgaben führen zu Entscheidungskonflikten

Hitzeschutz, Lärmschutz, UV-Schutz, Brandschutz, Arbeitsschutz – soziale Einrichtungen sehen sich mit einer Vielzahl an Vorgaben konfrontiert, die während Hitzewellen zu teils massiven Entscheidungskonflikten führen: Kinder in der Kita dürfen laut Schutzkonzept und Vorgaben bei hohen UV-Werten nicht in den Garten, können aber eigentlich auch nicht bei über 30 Grad Raumtemperatur im Gebäude betreut werden. Brandschutztüren müssen immer geschlossen bleiben, doch wie kann dann eine Durchlüftung der Einrichtung durchgeführt werden? Arbeitgeber*innen sind für den Schutz der Mitarbeitenden verantwortlich und müssen ab 30 Grad Raumtemperatur wirksame Schutzmaßnahmen umsetzen, ab 35 Grad können Räume nicht mehr genutzt werden. Was aber bedeutet konsequenter Arbeitsschutz für stationäre Einrichtungen in der Pflege, Eingliederungshilfe oder Kinder- und Jugendhilfe, in denen rund um die Uhr Menschen arbeiten müssen? Ab welchem Szenario ist es nicht mehr verantwortbar, die Angebote aufrecht zu erhalten und welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Was brauchen Verantwortliche in sozialen Einrichtungen, um derart folgenreiche Entscheidungen zu treffen? 

Fachliche Spannungsfelder und offene Fragen 

Die extreme Hitze hat nicht nur widersprüchliche rechtliche Vorgaben hervorgebracht, sondern auch verschiedene fachliche Spannungsfelder aufgemacht, mit denen Fachkräfte in der Praxis umgehen mussten. Einige Beispiele sind: 

  • Wie ist mit der Situation umzugehen, wenn eine Betreuung aufgrund extremer Hitze in der Einrichtung nicht mehr verantwortbar ist, die Kinder bei einer vorzeitigen Abholung jedoch in ein möglicherweise ebenfalls stark hitzebelastetes häusliches Umfeld entlassen werden?
  • Wie kann der Wunsch von betreuten oder pflegebedürftigen Menschen nach Selbstbestimmung berücksichtigt werden, wenn aus fachlicher Sicht aufgrund der Hitze Schutzmaßnahmen erforderlich sind, etwa der Verzicht auf Aktivitäten im Freien oder eine Verlagerung in kühlere Räume?
  • Wie können Hitzeschutzmaßnahmen umgesetzt werden, wenn Menschen sehr unterschiedlich auf Hitze reagieren und beispielsweise Menschen mit Behinderungen, Pflegebedarf, Demenz oder psychischen Erkrankungen individuelle Anforderungen haben? 
  • Wie kann eine Unterstützung durch Sozialarbeiter*innen aussehen, wenn die extremen Hitzewellen an einem Wochenende stattfinden und Termine und Angebote ausschließlich an Werktagen geplant sind? 
  • Wie ist mit dem Ziel der Energieeinsparung und CO2-Reduktion umzugehen, wenn zur Gewährleistung des Gesundheitsschutzes eine stärkere Kühlung erforderlich ist und dadurch der Energieverbrauch steigt?

Vorschläge und Forderungen aus sozialen Einrichtungen 

Die knapp 2.900 Einrichtungen, die an der Umfrage teilgenommen haben, haben eine Vielzahl an konkreten Lösungsvorschlägen und politischen Forderungen aufgezeigt. 

  • Rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen wie z. B. Anerkennung extremer Hitzewellen als Krisenfall mit entsprechenden Ausnahmeregelungen, Aufnahme verbindlicher Hitzeregelungen in Betreuungsverträgen mit Kommunen und anderen Kostenträger, Festlegung von Ausweichorten für soziale Einrichtungen im kommunalen Hitzeaktionsplan. 
  • Fachliche Konzepte und Qualifizierung wie z. B. Entwicklung eines Leitfadens zum Umgang mit Hitze, insbesondere zur Abwägung zwischen Fürsorge für Mitarbeitende und Sicherstellung der Betreuung.
  • Erweiterung der Angebote und Personaleinsatz, wie z. B. zusätzliches Personal in Einrichtungen, die als „kühle Orte“ genutzt werden können, Möglichkeit eines Aufschlags auf Fachleistungsstunden sowie einer vorübergehenden Erhöhung der Fachleistungsstunden bei erhöhtem Betreuungsbedarf.
  • Bauliche und räumliche Maßnahmen, z. B. Berücksichtigung von Hitzeschutz bei Neubauten, Förderung von Klimaanlagen in Kombination mit PV-Anlagen, klimaangepasste Gestaltung der Umgebung durch Entsiegelung und mehr Schattenplätze. 
  • Finanzielle und digitale Unterstützung, z. B. durch die Möglichkeit zu Pauschalabrechnung in Krisensituationen, Refinanzierung von baulichen Hitzeschutzmaßnahmen für soziale Einrichtungen durch die öffentliche Hand. 

Nach der Hitzewelle ist vor der Hitzewelle 

Auch wenn die Temperaturen jetzt wieder angenehmer sind, sollten wir alle den Herbst und Winter nutzen, um die aufgeworfenen Fragen zu diskutieren und gemeinsam erste Antworten zu finden. Nur so können wir uns besser auf den nächsten Sommer vorbereiten, Todesfälle und Leid reduzieren und die soziale Infrastruktur auch während Hitzeperioden aufrechthalten. 

Die ausführliche Auswertung unserer Umfrage finden Sie im Anhang dieser Fachinfo.