
Klima und Psyche: Die Auswirkungen der Klimakrise auf die psychische Gesundheit
Die Klimakrise hat spürbare Auswirkungen auf unsere psychische Gesundheit – insbesondere für Menschen, die bereits psychisch belastet sind. In einer Onlineveranstaltung des Projekts Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen und Diensten standen genau diese Zusammenhänge im Mittelpunkt. Gemeinsam wurden Herausforderungen beleuchtet und Möglichkeiten aufgezeigt, wie sowohl individuelle als auch kollektive Resilienz gestärkt werden kann.
Globale Krisen, Nachrichtenmüdigkeit und Klimagefühle
Die Vielzahl globaler Krisen – etwa Klimakrise, Kriege oder wirtschaftliche Unsicherheit – wirkt sich spürbar auf unsere psychische Gesundheit aus. Die dauerhaften negativen Schlagzeilen, unzureichende politische Maßnahmen und Fake News führen bei vielen Menschen zu einer Nachrichtenmüdigkeit. Diese Menschen vermeiden es, sich mit den Themen der Klimakrise auseinanderzusetzen, gehen Gesprächen dazu aus dem Weg, ziehen sich ins Private zurück und wünschen sich einfache Lösungen. Es breiten sich Untergangsstimmung und ein diffuses Bedrohungsgefühl aus – begleitet von Emotionen wie Angst, Wut, Ärger, Unsicherheit, Traurigkeit, Scham oder Schuld. Diese Gefühle in einem mittleren Ausmaß zu empfinden, ist angesichts der realen Bedrohungslage nachvollziehbar und sogar gesund. Problematisch wird es, wenn auf der einen Seite eine Gefühlstaubheit eintritt oder auf der anderen Seite, die Gefühle derart intensiv werden, dass sie selbst nicht mehr reguliert werden können.
Bei manchen Menschen kommt es auch zu Denkverzerrungen, sogenannten "Biases", wie einem falschen Optimismus („Wird schon schiefgehen“) oder dem Denken, dass das Ausführen einer einzigen Handlung die Situation verbessere („Ich esse schon kein Fleisch mehr“).
Die negativen Gefühle zur Klimakrise können aber auch zum Antrieb aktiv zu werden münzen und damit Platz machen für Gefühle der Hoffnung und Freude.
Individuelle und kollektive Resilienz aufbauen
„Hoffnung entsteht durchs Tun, nicht andersherum“ – bringt es Dr. Nikolaus Mezger von KLUG e.V. auf den Punkt. Allein oder in Gemeinschaften ins Handeln zu kommen, trägt zum Aufbau von Resilienz bei. Das Aktivwerden mit Menschen, mit denen wir uns wohl fühlen, führt zu einer positiven Selbstwahrnehmung und zu Selbstwirksamkeitserfahrungen, die uns motivieren kann, weiterzumachen. Auf individueller Ebene gilt es, einen guten Umgang mit den Gefühlen und Nachrichten zu entwickeln, zu lernen mit Zwiespalt und Widersprüchen umzugehen und sich zwischendurch auch bewusst abzugrenzen und sich etwas Gutes zu tun. Die Resilienz des Einzelnen hängt jedoch auch stets von der Belastbarkeit des umgebenden Systems ab. Wenn sich eine Person klimaschonend fortbewegen möchte, ist sie beispielsweise davon abhängig, dass die Bahninfrastruktur funktioniert. Resilienz lässt sich in vier Felder unterteilen: Anpassung und Transformation – jeweils auf individueller und kollektiver Ebene. Weil erkannt wurde, dass sich auch gesamtgesellschaftliche und globale Entwicklungen auf die psychische Gesundheit auswirken, rückt in der Psychotherapie zunehmend auch die Mesoebene (Freund*innenschaften, Familie, Partner*innenschaften, Job usw.) sowie die Makroebene (Gesellschaft, ökologisches, geopolitisches und globales Geschehen) in den Fokus, so Mezger.
Die Auswirkungen der Klimakrise auf die Psyche
Die Klimakrise schadet der psychischen Gesundheit auf verschiedene Weise: direkt, z. B. in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung nach einem Hochwasser; indirekt, z.B. durch zerstörten Wohnraum, Flucht und belastende Auseinandersetzungen; individuell und sozial, z.B. durch zunehmende Konflikte oder gesellschaftliche Segmentierung; strukturell, z.B. aufgrund von Versorgungsengpässen im Gesundheitswesen. Hitze führt beispielsweise zu erhöhter Reizbarkeit, verminderter Konzentration, einem Anstieg von Konflikten, mehr Straftaten, Suiziden und Psychiatrieeinweisungen. Bevölkerungsgruppen, die durch strukturelle Benachteiligung ein höheres Gesundheitsrisiko haben, sind auch durch die Folgen der Klimakrise mehr betroffen. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer langen verbleibenden Lebensspanne länger auf einem zunehmend zerstörten Planeten leben werden, noch keine ausreichenden Strategien entwickelt haben, um mit den Krisen umzugehen und aufgrund ihrer noch nicht abgeschlossenen körperlichen Entwicklung stärker durch negative Umwelteinflüsse gefährdet sind. Die Klimakrise kann folglich auch als chronische Kindeswohlgefährdung betrachtet werden.
Klimapolitische Maßnahmen bringen psychosoziale CO-Benefits
Mezger macht in seinem Vortrag deutlich, dass klimapolitische Maßnahmen auch psychosoziale CO-Benefits mit sich bringen. Maßnahmen zur Reduktion des Individualverkehrs, mehr Park- und Begegnungsflächen oder zukunftsorientierte Jobperspektiven wirken sich positiv auf die körperliche aber auch psychische Gesundheit aus.
Handlungsfähig bleiben in der Praxis Sozialer Arbeit
Wie den psychischen Auswirkungen der Klimakrise in der Praxis begegnet werden kann, zeigte Matthias Petzold von der GESOP Dresden gGmbH. In der Arbeit mit psychisch belasteten Menschen sei der erste Schritt, bei sich selbst und im Kollegium anzufangen, den Arbeitsauftrag zu erkennen und sich dem Thema anzunehmen, so Petzold. Nach der Sensibilisierung und Schulung des Teams, können beispielsweise auch Klient*innen bei Hausbesuchen in ambulanten Settings über Hitzeschutzmaßnahmen informiert werden. Hierfür können Informationsmaterialien beispielsweise von KLUG e.V. oder den Kommunen genutzt werden. Auch die Folgen von Hitze auf die Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Medikamenten gilt es zu beachten. Einige Psychopharmaka beeinträchtigen beispielsweise die körpereigene Temperaturregulation, das Schwitzen und das Durstempfinden.
In einem Kunstprojekt wurde das Thema Klimakrise in der Großstadt von einem kleinen Team der GESOP aufgegriffen und wirkungsvoll umgesetzt: Eine Ausstellung beleuchtete die Auswirkungen von Extremwetterereignissen, wie Hitze in den Hochhausvierteln Dresdens. Ein kunsttherapeutischer Workshop bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich mit den erlebten Klimawandelfolgen, den damit verbundenen Emotionen und Bewältigungsstrategien auseinanderzusetzen und ihren Selbstausdruck zu finden. Eine Informations- und Auftaktveranstaltung öffnete den gestalterischen Prozess und bot den Rahmen zum Kennenlernen und Austauschen. Bei einem Fotoworkshop konnten Fähigkeiten zum Fotografieren ausgebaut und erprobt werden.
Die Ausstellungseröffnung bot einen Rahmen für den Austausch zwischen Expert*innen aus Medizin sowie Stadtverwaltung und Betroffenen, um fundierte Einblicke und Handlungsempfehlungen zu bieten. Neben der Sensibilisierung der Klient*innen konnte so auch der Austausch mit der kommunalen Verwaltung hergestellt und die Perspektive psychisch erkrankter Personen auf ihre Wohn- und Lebenssituation in Zeiten der Klimakrise dargestellt werden. Das Beispiel zeigt deutlich, wie es aussehen kann, wenn Soziale Arbeit ihren Auftrag und Verantwortung zur Klimaanpassung und dem Schutz gefährdeter Gruppen ernst nimmt und wie auf kreative Weise individuelle und strukturelle Ansätze miteinander verbunden werden können.