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Neue Studie des DeZIM: „Rassistische Realitäten: Wie setzt sich Deutschland mit Rassismus auseinander?“

Rassismus ist in Deutschland weit verbreitet. Er ist keine „Ausnahmeerscheinung“, sondern Alltag. Eine bedeutende Mehrheit der Bevölkerung stimmt der Aussage zu, dass es Rassismus in Deutschland gibt. Doch besteht kein Konsens darüber, wo Rassismus beginnt. Dies zeigt sich auch daran, dass rassistische Wissensbestände in der Bevölkerung weiterhin weit verbreitet sind. Reaktionen auf Rassismuskritik fallen zudem überwiegend externalisierend, aversiv oder verteidigend aus. Zu diesen Ergebnissen kommt die Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) „Rassistische Realitäten: Wie setzt sich Deutschland mit Rassismus auseinander?“. Im Gesamtbild zeigen die Ergebnisse, dass die Abwesenheit eines gemeinsamen Verständnisses von Rassismus sowie eine fehlende Auseinandersetzung mit eigenen rassistischen Denk- und Handlungsmustern eine der größten Herausforderungen im Kampf gegen Rassismus bleibt.

Die Auftaktstudie „Rassistische Realitäten“ zur Vorbereitung des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors beleuchtet erstmals umfangreich, wie sich unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen mit Rassismus auseinandersetzen. Für die Studie wurden zwischen April und August 2021 über 5.000 Menschen in Deutschland telefonisch befragt. Neben Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung wurden auch verschiedene Gruppen befragt, die Rassismus erfahren oder erfahren haben.

Aus der Studie geht zunächst hervor, dass eine gewisse gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus in Deutschland bereits stattfindet.

So gab die überwiegende Mehrheit der Befragten an, dass es Rassismus in Deutschland gibt (90%). Darüber hinaus stimmten 60% der Befragten der Aussage zu, dass Rassismus den Alltag in Deutschland und die Institutionen der Gesellschaft prägt. 49% sind von der Tatsache überzeugt, dass wir in einer rassistischen Gesellschaft leben und 40% gehen zudem davon aus, dass die meisten Menschen mitunter rassistisch seien. 80% der Befragten stimmen zu, dass rassistisches Verhalten keine Intention voraussetzt.

Ebenfalls zeigt die Studie, dass knapp zwei Drittel der Bevölkerung bereit sind sich gegen Rassismus zu engagieren oder dies bereits schon tun.

Neben einem breiten Problembewusstsein und Bereitschaft zum Engagement gegen Rassismus zeigt die Studie jedoch auch, dass sich rassistische Denk- und Handlungsmuster hartnäckig in der Gesellschaft halten.

Eine zentrale Funktion von Rassismus ist es, die Ungleichheit sozialer Gruppen zu legitimieren. Diese kommt zum Beispiel zum Ausdruck, wenn ein Drittel der Befragten äußert, es sei richtig, dass manche Gruppen hierarchisch höher positioniert sind als andere. Solche Überzeugungen rekurrieren auf rassistischen Vorstellungen und kollektiven Wissensbeständen. Wie sich anhand der Befragung deutlich zeigt, sind diese in der Gesellschaft teilweise sehr weit verbreitet. Die Annahme, man könne Menschen in ‚Rassen‘ kategorisieren, teilt laut Studie jede zweite Person. Auch biologistische Vorstellungen, wonach einige Völker „von Natur aus fleißiger“ seien als andere, werden von einem Drittel der Bevölkerung vertreten. Weiterhin sind 27% der Befragten davon überzeugt, dass einige Kulturen minderwertiger seien als andere.

Aufschluss darüber, wie die Koexistenz eines breiten Problembewusstseins und eines Festhaltens an rassistischen Denkmustern zu erklären ist, geben die Ergebnisse zum Umgang der Studienteilnehmenden mit Rassismuskritik. Die Befragung untersucht eine Reihe von verteidigenden Haltungen und Einstellungen der Teilnehmenden. In den Analysen sind dabei vor allem drei markante Ergebnisse herauszustellen:

(1) Rassismus wird externalisiert, das heißt zu einer Angelegenheit von anderen gemacht

(2) Rassismuskritische Positionen werden als übertrieben empfunden und abgewertet und

(3) Beschwerden über Rassismus werden als „persönliche Überempfindlichkeit“ umgedeutet.  

Trotz der breiten Anerkennung von Rassismus als ein gesellschaftliches Problem, werden die Rassismusängste der Betroffenen von jedem*r zweiten Befragten als übertrieben empfunden: „Es ist übertrieben, dass manche Menschen Angst davor haben, ständig und überall Opfer von Rassismus zu werden“ sagen 52,1%. Zudem sieht sich eine Mehrheit als Opfer unbegründeter Rassismusvorwürfe: Etwas mehr als die Hälfte der Befragten ist der Ansicht, dass „man […] heute schon bei jeder Kleinigkeit als Rassist abgestempelt“ werde. Die Mehrheit gab zudem an, Rassismus insbesondere in der rechtsextremen Szene zu verorten.

Während die meisten Menschen also anerkennen, dass Rassismus in Deutschland weit verbreitet ist, rassistische Situationen eingeordnet werden können und zudem wahrgenommen wird, dass Rassismus in Alltag und Behörden verankert ist und damit strukturgebend auf die Gesellschaft wirkt, spiegeln Reaktionen auf Rassismuskritik eine große Ambivalenz und Unsicherheit wieder. Ein nicht unerheblicher Teil der Befragten bagatellisiert Rassismus und wirft Betroffenen vor, hypersensitiv zu sein.  

Die Studienergebnisse bestätigen, worauf in den Fachdiskursen der Antirassismus-Forschung bereits seit langem vielfach hingewiesen wird. Weit verbreitete rassistische Wissensbestände sowie rassistische Wahrnehmungsfilter und Vorstellungen führen zu einer kontinuierlichen – in den meisten Fällen nicht intendierten - flächendeckenden Reproduktion von Rassismus durch den*die Einzelne*n. Ein starkes Abwehrverhalten gegenüber Rassismuskritik und eine grundlegende Externalisierung von Rassismus haben wiederum zur Folge, dass ein ganz wesentlicher Schritt im Kampf gegen Rassismus - nämlich die persönliche Auseinandersetzung mit eigenen internalisierten rassistischen Denkweisen und Handlungen - in der Regel nicht (im notwendigen Umfang) stattfindet. Wie die Studie „Rassistische Realitäten“ deutlich zeigt, gehört zu den fatalsten Konsequenzen hiervon, dass genau die Personen, die bereit sind, sich gegen Rassismus zu engagieren, trotz ihrer guten Absichten in nicht unerheblicher Zahl an rassistischen Vorstellungen festhalten und damit zur Reproduktion von Rassismus beitragen. Vor dem Hintergrund dieses Status Quo werden rassistische Verhältnisse nicht gebrochen werden können. 

Basierend auf den Studienergebnissen empfiehlt das DeZIM, Maßnahmen zur Sensibilisierung und Steigerung des Problembewusstseins im Hinblick auf die unterschiedlichen Formen von Rassismus zu ergreifen. Da sich Rassismus teilweise über historische, biologistische, kulturalisierende und sozialdarwinistische Diskurse und Wissensarchive reproduziert, wird zudem zu einer Schul- und Bildungsoffensive angeregt, die sich zum Ziel setzen sollte, rassistische Denkweisen zu verlernen. Dies sollte in der politischen Bildung medial und mit einer großen Reichweite in Angriff genommen werden und eine Reflexion sowie eine kritische Diskussion etablierter Wissensarchive nicht scheuen. Anknüpfend hieran wird gefordert, dass Rassismuskritik breiter kommuniziert, erklärt und medial begleitet wird, um das Wissen in die Allgemeinbevölkerung zu tragen. Dabei sind Formate zu entwickeln, die das Erkennen und Reflektieren von Abwehrmechanismen unterstützen. Nur auf diese Weise sind emanzipative Ansätze im Hinblick auf Gleichberechtigung und Gleichstellung möglich.

Für die Wohlfahrtsverbände als wichtige Akteure der sozialen und somit Menschenrechtsarbeit bedeutet dies, sich in einem offenen Prozess noch selbstkritischer mit ihren Strukturen auseinanderzusetzen. Aus den Empfehlungen des DeZIM lässt sich ableiten, dass konkrete Maßnahmen wie flächendeckende Schulungen für Praktiker*innen der sozialen Arbeit diesen Prozess besonders gut begleiten können.

Zusammenfassend hat die Studie einen in den Fachdiskursen bereits deutlich formulierten Appel bestätigt:

Im Kampf gegen Rassismus geht es nicht (nur) um „die da draußen“. Es geht in einem ersten Schritt vor allem um einen selbst. Erst wenn wir erkennen, dass wir alle von rassistischer Sozialisierung betroffen sind, können wir darüber nachdenken, wie es weitergehen soll. (Zitat von Tupoka Ogette, Anti-Rassismusexpertin und Autorin des Buchs „exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen“).

Die vollständigen Ergebnisse der DeZIM-Studie "Rassistische Realitäten" finden Sie hier.

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