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Wo die Stromzwerge wohnen

Nachhaltigkeit geht auch im Kindergar­ten: 50 Kitas aus Köln und Umgebung machen es vor und sind nun zertifi­zierte Einrichtungen. Mit den Kleinsten lernen die Erziehenden etwas über Mülltrennung, Stromsparen oder Ge­müse anpflanzen.

Verstreute Lichtkleckse fallen zwi­schen die Baumkronen in den Garten der Waldwichtel und bringen Wärme in den kühlen Herbsttag. Auf mittlerer Höhe des länglichen Stücks, hinter den Bauwagen, am Rande des Waldes rührt Erzieher René das Gemüse in einem Kessel über dem Feuer. Dane­ben sitzt die fünfjährige Hanna an ei­ner Bank und schnibbelt, nein – sie isst Möhren. „Ich habe erst ein Stück ge­gessen“, sagt sie beschämt. In der Hand hält sie ein scharfes Messer, das darf sie schon. Insgesamt scheint in diesem Waldkindergarten in Hürth bei Köln einiges anders zu sein.

„Gestern haben wir mit den Kindern für heute eingekauft und darauf geach­tet, Plastik zu vermeiden“, erklärt Lei­terin Nadine, die dazukommt. An die­sem Tag findet ein Tag ohne Strom statt – deswegen das Feuer, da das Es­sen vom Caterer nicht aufgewärmt wer­den kann. Zudem gibt es kein Licht oder Warmwasser auf den Toiletten. Als die Waldwichtel das erste Mal ohne Strom auskommen wollten, war es ge­fühlt „der kälteste Tag des Jahres“, er­innert sich die Pädagogin – Minus 15 Grad. „Später haben wir festgestellt, es war der wärmste Tag in der Woche, weil wir Feuer hatten.“

Seitdem findet bis zu vier Mal im Jahr so ein Tag ohne Strom bei den Wald­wichteln statt – so wie heute. Das Ziel: Den Kindern Nachhaltigkeit näher­bringen. Also über Aktionen zeigen, wie tägliche Bedürfnisse umweltscho­nend befriedigt werden. Dafür haben die Waldwichtel vom Wissenschaftsla­den Bonn neben 49 anderen ein Zerti­fikat erhalten. Beim NRW-weiten Pro­jekt „Nachhaltige KiTa – Mit Kindern aktiv für die Welt“ geht es um Klima­schutz, Energiesparen, nachhaltige Er­nährung, Abfall oder Mobilität.

Neben dem Bauwagen liegen ausge­rollte Tapetenbahnen, Liam kleckst mit einer Pipette mit gefärbtem Wasser auf das Papier, geht in die Hocke und pu­stet, damit sich die Farbe verbreitet. „Das ist für unser Thema Wind“, er­klärt Nadine. Erzieher René wolle in den kommenden Tagen eine kleine Windmühle bauen und damit Strom erzeugen. Bei den Herbststürmen kön­nen die Kleinen zudem nicht mehr in den Wald: „Dann sagen wir den Kin­dern, der Wind ist zwar stark, aber der kann auch was“, erklärt Nadine. Sie versuchten das Thema Nachhaltigkeit vielfältig anzubringen: Bei den Strom­spartagen, indem sie mit Müll basteln oder beim bloßen Entdecken von Phä­nomenen in der Natur. Wenn es zum Beispiel wegen des Klimawandels zu wenig Wasser im See gibt.

Die Stromdetektivin ermittelt

Hanna kommt dazu, sie ist eine regel­rechte Stromdetektivin: „Auf der Toi­lette war es hell“, sagt sie, das Licht sei noch an. „Anfangs haben wir Kinder zu Stromdetektiven ernannt, jetzt pas­sen einfach alle auf, auch die Kleins­ten“, lacht Nadine. „Kommt, wir gu­cken mal, ob überall der Strom aus ist“, fordert die Pädagogin die Kinder auf – sieben folgen ihr in den Bauwagen. „Das Rädchen müssen wir drehen, mach mal das Licht an“, sagt die 39-Jährige zu einem Kind, das augen­blicklich den Lichtschalter betätigt. Dann dreht die Erzieherin das Rad im Stromkasten und das Licht geht wieder aus. „Wir schreiben jetzt den Strom­stand auf und vergleichen mal die Zahl mit morgen, schreibst du mal, Matz?“, fragt Nadine und beginnt zu diktieren.

Die Kinder verstünden die abstrakten Themen Nachhaltigkeit und Umwelt­schutz nur in Teilen. Erklären ließe es sich mit Aktionen durch Bilder und mit viel Humor. „So sagen wir immer, sie müssen das Licht ausschalten oder die Tür zu machen – sonst hauen die Strom- oder Wärmezwerge ab.“ Das würden die Kleinen gut annehmen. „Wir hoffen, dass die Kinder das verin­nerlichen“, sagt Nadine. Schließlich ginge es um die Welt und die Zukunft der Kleinen.

Mit dem Bollerwagen in den Schrebergarten

Etwas weiter südlich liegt in Bonn die Elterninitiative Wolke 7 – ebenfalls zer­tifizierte Einrichtung für Nachhaltig­keit. In dem Bewegungskindergarten ist morgens viel Betrieb. „Mathilda, zieh noch deine Gummistiefel an“, ruft Erzieherin Esma, während sieben Kin­der schon fertig an einer Bank im mitt­leren Rondell warten. Das Ausflugs­ziel: Ein Schrebergarten im Kleingärt­nerverein Bonn-Süd.

Der Bollerwagen bildet das Schluss­licht in der Kinder-Karawane, gezogen wird er von Leiterin Simone. Wasser, selbstgebackene Brötchen, Scheren, Bücher, eine Picknickdecke und ein Messbecher sind da drin. Ein Messbe­cher? „Wir haben heute viel vor“, sagt Simone. Der Schrebergarten ist nur ein paar Gehminuten entfernt und ein großes Glück für die Elterninitiative: Der Kleingärtnerverein wollte gerne Kinder vor Ort haben und stellt den Garten kostenlos zur Verfügung. Ein­mal in der Woche geht eine Gruppe dorthin, um Natur zu erfahren. Zu­sätzlich kümmern sich noch freiwilli­ge Eltern darum – „sonst wäre das gar nicht stemmbar“, gibt Simone zu.

„Bäh“, sagt Julian, als er am Strauch riecht. „Das riecht nach Creme“, sagt Mathilda. Sie stehen vor einem großen Rosmarinbusch. „Schneidet mal ein etwa so großes Stück ab“, sagt die Lei­terin und zeigt die Länge eines erwach­senen Kleinfingers. Als nächstes ge­hen sie zum Thymian. Lilli hat einen Spitzkohl entdeckt, „Was ist das?“, fragt sie, Simone erklärt es ihr, der sei wohl übriggeblieben. Wir haben hier Kräuter, Tomaten, Bohnen, Spinat, Himbeeren, Mais, Quitten, Äpfel und ganz viele Radieschen. „Die wachsen so schnell, da haben die Kinder direkt etwas davon“, sagt die Pädagogin. Die Kinder säen im Schrebergarten die Pflanzen selbst aus und ernteten sie auch. So lernen sie einiges: „Wo kommt das Essen her, was ist das? Sie sehen, dass es einen Kreislauf gibt“, sagt Si­mone. Hier, im Schrebergarten, gebe es Zeit den Grundstock für das Leben zu kriegen, sinnlich zu erfahren und nicht einfach zu lernen, wie in der Schule.

Müll ist auch ein Thema

„Ich mach nicht mehr mit, ich gehe zu den anderen“, sagt Lilli. Die stellen Li­monade aus Zitronen und Minze her. Wenn die Kinder tauschen wollen, sei das völlig in Ordnung, meint die Erzieherin. Manchmal würden die Klei­nen auch fragen, ob sie buddeln kön­nen. Auch dabei erführen die Kinder Natur – entdeckten Käfer oder andere Tiere. „Wir beobachten ganz viel“, sagt Simone. Zum Beispiel schauen sie sich die Bienen an, die zu der Wildblumen­wiese in der hinteren Ecke fliegen oder die Vögel, wie sie im Winter vergeblich Futter suchen. „Dann füttern wir sie wieder zu.“

Die Kita habe sich bewusst dazu ent­schieden, für die Zertifizierung ein Konzept zu erarbeiten, neben dem Schrebergarten käme auch das Thema Müll vor. „Wir versuchen breitgefäch­ert Nachhaltigkeit im Kindergarten umzusetzen“, sagt Simone. Um den Kleinen die Mengen an Plastikmüll zu verdeutlichen, hat der Koch zum Bei­spiel eine Woche lang die Verpa­ckungen vom Frühstück aufgehoben und den Kindern gezeigt. Auch das Thema Mobilität kommt im Kinder­garten vor: Bei der Aktion „Roller vor Fahrrad“ gehe es um das richtige Ver­halten im Straßenverkehr.

Alle treffen sich auf der Picknickdecke: Simone liest den Kindern ein Buch über Aussaat von Blumen vor und die beiden Pädagoginnen holen getrockne­te Sonnenblumenköpfe, damit die Klei­nen die Kerne herausholen können. „Was machen wir jetzt mit den Son­nenblumenkernen?“, fragt die Pädago­gin. „Trocknen lassen“, sagen die Kin­der im Chor „oder föhnen“, sagt Ole. „Dann verbrauchen wir ja wieder Strom“, antwortet ihm die Simone. Die Sonne sei doch sowieso da.

Schließlich lüftet sich auch das Ge­heimnis um den Messbecher: Darin mischt die Gruppe Salz mit den ge­sammelten Kräutern. Das Kräutersalz kommt in den Marktstand im Kinder­garten, das können Eltern dann kau­fen. Das Geld vom Marktstand fließe in die Schrebergartenkasse – damit die Kinder auch im kommenden Jahr Sa­men aussäen und damit den Kreislauf der Natur beobachten können.

Autorin:

Annabell Fugmann

Dieser Beitrag erschien zuerst als Blogbeitrag auf der Website www.der-paritaetische.de

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