Herkunft und Schule in Deutschland

In Deutschland entscheidet immer noch und zunehmend die Herkunft und die Hautfarbe eines Menschen maßgeblich, welche Türen ihm offen stehen und zu welchen Ressourcen er Zugang hat. Das Menschenrecht eines jeden Menschen auf Bildung ist damit nur eingeschränkt umgesetzt.

Dieser Zustand ist genau das Gegenteil des Versprechens der liberalen Demokratie und erinnert mich mehr und mehr an die Kluft zwischen den verschiedenen Menschen und Gruppen, die ich in Kolumbien erleben durfte. Sogar der Sprachgebrauch verschlechtert sich und es ist erschreckend, wie es mehr und mehr völlig normal wird, bestimmte Bevölkerungsgruppen offen zu stigmatisieren. Wir müssen sogar eine offen rassistische Partei im Bundestag ertragen, deren Mitglieder keine Gelegenheit verpassen Ideologien der Ungleichheit und Pseudopolitik in alle Winde zu streuen. Bei Menschen mit einem sogenannten Migrationshintergrund, insbesondere, wenn dieser sichtbar ist, wird Diskriminierung eine Konstante. Herkunft und Schicksal sind eng verbunden.

Wenn die Herkunft entscheidet, ist eine Person per Definition nicht gleichberechtigt, ihre individuellen Entfaltungsmöglichkeiten sind nicht gegeben und ihr potenzieller gesellschaftlicher Beitrag wird annulliert. Ergebnisse dieser Diskriminierungsprozesse sind Armut, Perspektivlosigkeit und letzten Endes der Verlust des sozialen Friedens. Ein weiteres Problem ist, dass diese Logik, bei der die Herkunft entscheidet, tief in den gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen verankert ist und als normal angesehen wird. Hierbei ist das Schulsystem das beste Beispiel.

Neben dem Geschlecht und sozioökonomischen Faktoren, spielt die Herkunft und die Hautfarbe eine entscheidende Rolle, ob eine Person eine erfolgreiche Bildungsbiographie durchleben darf. Bestimmte Gruppen werden unter anderem durch bewusste und unbewusste Routine, von Verordnungen, von Benotungen und Lehrinhalten segregiert. Allein der „hohe Ausländeranteil“ an einer Schule gilt als Synonyme für Schulversagen. Diesen Kindern und Jugendlichen wird von Anfang an allein aus einer ihnen zugeschriebenen Kategorie („Ausländer, Menschen mit Migrationshintergrund“) ein Scheitern in ihre Bildungsbiographie vorhergesagt.

Statistisch gesehen ist nachgewiesen, dass die Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit einer, teilweise zugeschriebenen, Zuwanderungsgeschichte an deutschen Schulen benachteiligt ist. Diese jungen Menschen erreichen schlechtere Schulabschlüsse und brechen die Schule häufiger ab.

Laut statistischem Bundesamt verließen 2016 fast dreimal so viele Jugendliche ohne deutsche Staatsangehörigkeit die Schule ohne Hauptschulabschluss wie deutsche Staatsangehörige (14,2% gegenüber 4,9%) 2015 waren es (11,8% gegenüber 5%). Schülerinnen und Schüler mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit erlangen durchgehend niedrigere Abschlüsse als ihre gleichaltrigen deutschen Mitschülerinnen und Mitschüler. So hat zwar die Bedeutung des Hauptschulabschlusses bei beiden Gruppen abgenommen: im Jahr 2000 waren es 40% bei den Jugendlichen ohne deutschen Pass und 23% bei den deutschen Staatsangehörigen, 2016 waren es 28,5% gegenüber 15%. Ferner verließen 2016 36,5% aller Jugendlichen mit einem deutschen Pass die Schule mit allgemeiner Hochschulreife, demgegenüber jedoch nur 16,4% der jungen Menschen ohne deutschen Pass. Ein Grund zur Hoffnung auf eine Verbesserung besteht nicht. Im Gegenteil, es ist mit einer Verschlechterung zu rechnen, da das Schulsystem vieler Bundesländer nicht in der Lage ist, adäquat die Kinder und Jugendlichen zu fördern, die bei uns zwischen 2015 und 2016 Schutz gesucht haben.

Neben den notwendigen strukturellen Reformen wie zum Beispiel einer späteren Aufteilung der Kinder auf die verschiedenen Schularten der Sekundarstufe, einer Verbesserung der Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Schularten, einer Ausweitung der kostenlosen Förderangebote inklusive des Erstsprachunterrichtes als Bestandteil des Sprachunterrichtes in der Schule, einer Ausweitung der Schulsozialarbeit, der Einführung von Komponenten der Mehrsprachigkeit und der diskriminierungskritischen Bildung in der Ausbildung der Pädagogen und Pädagoginnen oder der Abschaffung des Kooperationsverbotes zwischen Bundesländern und Bund, die Investitionen des Bundes im Bildungsbereich ermöglichen würde, ist es notwendig, dass die Gesellschaft sich endlich offen und ehrlich mit dem Thema Rassismus und Diskriminierung insgesamt und im Bildungssystem insbesondere auseinandersetzt. Was wirklich notwendig ist, ist eine Auseinandersetzung mit den Strukturen der Bildung und eine Reform und kein Aktionismus und Kleinstaaterei.

Sergio Andrés Cortés Núñez ist Referent für Migrationssozialarbeit beim Paritätischen Gesamtverband


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