...und raus bist Du! Das Leben ohne gesetzliche Krankenversicherung

In Deutschland leben rund 80.000 Menschen ohne jegliche Krankenversicherung. Was machen sie, wenn sie mal krank sind? Dann gehen sie zu Ärzten wie Jenny De la Torre in Berlin-Mitte.

Selbst in einem reichen Land wie Deutschland können viele Menschen ihre Beiträge zur gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung aus unterschiedlichen Gründen nicht oder nur sporadisch zahlen, manche über Monate und sogar über Jahre hinweg. Auf die sich anhäufenden Schulden addiert sich zusätzlich pro Monat noch ein Prozent Säumniszuschlag. So können sich beispielsweise die Schulden eines freiwillig versicherten Selbständigen leicht von dreistelligen zu fünfstelligen Summen auftürmen. Die Beitragsrückstände von Selbstzahlern zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) steigen deutlich, seitdem 2007 das Recht und die Pflicht zur Krankenversicherung in Kraft getreten sind. Allein von Januar 2011 bis Juli 2017 wuchsen die Beitragsrückstände in der GKV von 1,39 auf 7,045 Milliarden Euro.

Darüber hinaus leben in Deutschland offiziell rund 80.000 Menschen ohne jeglichen Krankenversicherungsschutz. Experten gehen aber davon aus, dass diese Statistik nicht alle Personen einschließt, die tatsächlich keine Krankenversicherung haben. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß jedoch keiner. Sicher ist allerdings, dass Betroffene – würden sie sich heute anmelden – alle Beiträge rückwirkend bis zum Beginn der Versicherungspflicht im Jahre 2007 nachzahlen müssten. Zwar gibt es für bedürftige Beitragszahler und Beitragsschuldner Ansprüche aus staatlichen Sicherungssystemen, aber die meisten scheuen aus unterschiedlichsten Gründen den Gang zum Sozialamt oder eine Bedürftigkeitsprüfung. Ob Beitragsschuldner oder Nichtversicherter – für sie gibt es nur einen sehr eingeschränkten Zugang zur medizinischen Versorgung.

Bis zu 5000 Beratungen jährlich

„30.000, 26.431, 12.000 Euro, hier sind es 9.000 Euro“, liest Ärztin Jenny De la Torre im Gesundheitszentrum für Obdachlose in Berlin-Mitte vor. Es sind die Beitragsschulden von ihren Patienten bei gesetzlichen Krankenkassen. Schulden, die von Menschen eingefordert werden, die teils obdach- oder wohnungslos sind, mittellos auf jeden Fall. Seit 2006 können diese Menschen zu Frau De la Torre kommen, wenn sie medizinische Versorgung benötigen und noch mehr: In dem zweistöckigen Backsteingebäude, das die Jenny De la Torre Stiftung erwerben konnte, gibt es zwei Behandlungsräume, eine Kleiderkammer, Frühstück und Mittagessen im großen Aufenthaltsraum. Die Arztpraxis hat unter der Woche täglich geöffnet, ebenso wie die Sozialberatung. Sprechstunden beim Augenarzt, Hautarzt, Orthopäden oder Zahnarzt sowie bei einer Psychologin ein- bis zweimal die Woche. Für die Patienten des Hauses werden Passbilder angefertigt. Alle diese Angebote sind kostenlos.

„Wir haben jährlich rund 800 bis 900 Neuzugänge“, erzählt De la Torre, „insgesamt werden hier bis zu 5.000 Beratungen im Jahr durchgeführt.“ Zum Thema Beitragsschulden können alle hier ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitenden einiges erzählen: „Nach der Wende, haben sich viele mit einer Ich-AG selbständig gemacht – und haben es nicht geschafft“, schildert Dr. Norbert Haßler. Sie blieben teils aus Unwissenheit privat versichert, anstatt sich freiwillig gesetzlich zu versichern und sind im Alter mit steigenden Beiträgen konfrontiert. „Gestern war ein schwer kranker Rentner bei mir, der 1.010 Euro Rente bezieht und davon 650 Euro Krankenkassenbeiträge stemmen müsste. Er lässt es sein.“

„Solange diese Menschen gesund bleiben, geht alles gut“, meint Jenny De la Torre, aber sie kennt genug andere Beispiele: „Ich habe einen 60 Jahre alten und herzkranken Patienten, der Erwerbsminderungsrente bekommt, von der er 190 Euro Krankenversicherungsbeitrag als gesetzlich freiwillig Versicherter zahlen muss. Erst hat er nur manchmal, dann gar nicht mehr bezahlt. Sein Allgemeinarzt behandelte ihn aus Mitleid kostenlos weiter, dann musste er ins Krankenhaus.“ Dort sind zwar Notfallbehandlungen abgesichert, aber wenn die lebensgefährdende Situation vorüber ist, werden nicht versicherte Patienten sich selbst überlassen. Einen Anspruch auf Versorgung bei niedergelassenen Ärzten haben sie nicht.

Theoretisch kann die Ersatzkasse von Erich Menz, 59 Jahre alt, 30.000 Euro einfordern. Es sind Beitragsschulden, die zwischen Ende 2014 und Ende 2017 aufgelaufen sind. Damals hatte er sich mit einem Schulkiosk in Wilhelmshaven selbstständig gemacht, aber der gelernte Betriebsfachwirt trank zu viel und war gesundheitlich angeschlagen. Das Geschwür im Zwölffingerdarm ignorierte er solange, bis er mit Blaulicht in die Klinik kam und 11 Stunden notoperiert werden musste.

Danach ging nichts mehr: die Geschäfte liefen schlecht, die Krankenkassenbeiträge und die Miete konnte Erich Menz nicht mehr aufbringen und landete auf der Straße. „Von meinem letzten Geld habe ich eine Fahrkarte nach Berlin gekauft“, erzählt er und auch, wie er im Tiergarten lebte, auf Parkbänken schlief und mit Pfandflaschen sein Auskommen hatte. „Ich habe seit der OP keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken und keine Zigarette geraucht“, sagt er stolz und meint, er sei zwei Jahre lang gut über die Runden gekommen.

Bis sein linkes Bein sich entzündete, vom Knie abwärts bis zu den Zehen. „Ein Kumpel hat die 112 gewählt, und im Krankenhaus haben sie mein Bein gerettet“, schildert Menz, „denn sie mussten mich auch ohne Krankenschutz behandeln.“

Aber eben nur so lange, wie sein Leben bedroht war. Der Sozialdienst der Klinik riet ihm, nach der Entlassung sich im Gesundheitszentrum versorgen zu lassen. „Er kam zwei Monate lang täglich zum Verbandswechsel“, weiß De la Torre noch genau. Seit letzter Woche ist Menz rückwirkend über das Jobcenter krankenversichert. Mit Unterstützung der Sozialarbeiterin Christiane Sawallek, die im Zentrum ehrenamtlich berät, „bekomme ich den Papierkram wieder in den Griff“. Erich Menz lächelt. Nun heißt es, die 30.000 Euro Schulden loszuwerden. Wie nur? Swallek hat Menz mit einem Rechtsanwalt vernetzt, der auf Sozialrecht spezialisiert ist. Er wird ihm helfen, mit der Krankenkasse zu verhandeln und den Schuldenberg so zu reduzieren, dass Erich Menz ihn in Raten abtragen kann. Wenn es sein muss, die nächsten 30 Jahre. Denn so lange dürfen Krankenkassen immer wieder prüfen, ob bei einem Schuldner etwas zu holen ist. „Eine Bürgerversicherung würde unserem Gesundheitssystem gut stehen“, findet Jenny De la Torre.


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